"Die Wahrheit wird euch frei machen" Fridolin Schley "Die Verteidigung"

Stühlerücken, Papierrascheln, das Klacken von Aktentaschen. 1947, beim größten der zwölf Nürnberger Nachfolgeprozesse, sitzt Ernst von Weizsäcker auf der Anklagebank, Mitglied der SS, Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. Assistent der Verteidigung: Sohn Richard, der spätere Bundespräsident. Präzise und atmosphärisch dicht erzählt der Münchner Autor Fridolin Schley von Wahrheit, Verantwortung und Schuld. Und zugleich beleuchtet er eine Vater-Sohn-Beziehung auf dem Tableau der deutschen Nachkriegsgeschichte. Am 8. Dezember wird er für seinen Roman mit dem Tukan-Preis der Stadt München geehrt.

Von: Eva Demmelhuber

Stand: 02.11.2021

Richard von Weizsäcker verteidigt seinen Vater Ernst von Weizsäcker bei den Nürnberger Prozessen 1945 bis 1949 | Bild: Telford Taylor Papers, Arthur W. Diamond Law Library, Columbia University Law School, New York

Am Anfang stand ein Foto. Im Gespräch mit Cornelia Zetzsche erzählt der Münchner Schriftsteller Fridolin Schley, dass ihn "diese berühmte Fotografie von Vater und Sohn vor Gericht" angesprungen habe. "Ich hatte sofort das Gefühl, dass es doch eine unheimliche Verdichtung von Zeitgeschichte ist, ein Vater-Sohn-Drama." Eine historische Konstellation, bei der das alte Deutschland auf die neu entstehende Bundesrepublik trifft.

"The United States of America vs. Ernst von Weizsäcker et al.“

Links auf der Anklagebank mit Kopfhörer: Ernst von Weizsäcker, 1947 bei den Nachfolgeprozessen gegen Verantwortliche des NS-Regimes

Auf dem Tableau des sogenannten Wilhelmstraßen-Prozesses, der im November 1947 begann und zwei Jahre lang dauerte, lässt Fridolin Schley Vater Ernst von Weizsäcker, angeklagt als Mitglied der SS, als NS-Brigadeführer und als Staatssekretär im Auswärtigen Amt, und Sohn Richard Weizsäcker, als angehender Jurist Assistent der Verteidigung und späterer Bundespräsident, einander näher kommen. Eine literarische Annäherung von zwei fremden Menschen. Richard hatte ein distanziertes Verhältnis zu seinem Vater, erst durch den Prozess lernte er ihn kennen als einen, der Judendeportationen unterschrieben hat und sehr wohl von deren Ermordung wusste. In Gerichtsszenen, Auszügen aus Akten, inneren Monologen wird auch die Schuldfrage verhandelt: Ist man schuldig für etwas, was man nicht tut, sondern nur weiß?

"Die Verteidigung"

Erschienen bei Hanser Berlin

"Alles dreht sich, in Richard, dem Raum und ihn, um die Fragen, ob man sich das Böse vorzustellen vermag, bevor man es gesehen hat, oder noch verhindern, wenn es bereits vor sich geht, ob jemand ohne Schuld bleiben kann in einer Zeit, die nur noch verschiedene Wege des Fehlgehens bietet, und wo die Antworten zu finden sind, in den nachlesbaren Vermerken und Erlassen oder im Archiv des eigenen Gedächtnisses mit seinen verzweigten Gängen und Fluchten aus dicht gestaffelten Regalen und unbegrenzten Bezügen, durch die die Gedanken verloren geistern, die Wahrheit wird euch frei machen: Das war das Letzte, was die Mutter dem Vater mit auf den Weg gegeben hat, als er im Juli nach Nürnberg aufbrach, und Richard wird einmal sagen, dass nun keine Gefühle mehr geschont werden sollten, denn je ehrlicher wir sind, desto größer unsere Freiheit."

Und schon ist Fridolin Schley bei Richard von Weizsäckers berühmter Rede vom 8. Mai 1985, die er im Deutschen Bundestag zum 40. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs hält. In ihr erinnert er an eine jüdische Weisheit, dass das Geheimnis der Erlösung Erinnerung heißt, und "dass es keine endgültige moralische Vollkommenheit gibt, für niemanden und kein Land, denn als Menschen haben wir gelernt, wir bleiben als Menschen gefährdet", wie Fridolin Schley sie in seinem kunstvoll gebauten und souverän erzählten Roman "Die Verteidigung" zusammenfasst. Am 8. Dezember erhält er dafür den Tukan-Preis der Stadt München.

Die Begründung der Jury:

"Fridolin Schleys kluger, psychologisch feinfühliger und genau recherchierter historischer Dokumentarroman ist ein Gerichtssaal-Drama, das das 'große Drama der Geschichte' und das der Beteiligung daran verhandelt. Der Autor konfrontiert uns mit der Frage, wie der Einzelne und seine Familie mit der Schuld umgehen, die Weizsäcker durch seine Mitarbeit im nationalsozialistischen Verbrechensapparat auf sich geladen hatte. Fridolin Schley schreibt kühl, präzise und ohne jeden moralischen Überlegenheitsgestus des Nachgeborenen. "Die Verteidigung" zeigt uns das Ringen um die Wahrheit als lebenslangen Prozess."

Gespräch mit dem Tukan-Preisträger und Lesung auf Bayern 2

"Fridolin Schley folgt historischen Spuren auf literarische Weise: einfühlsam, atmosphärisch dicht, mit einer Art sprachlichem Tastsinn und feinem Sensorium beim Balanceakt zwischen Fakten und Fiktion", meint Cornelia Zetzsche.

Schriftsteller Fridolin Schley

Das Gespräch mit Fridolin Schley und Auszüge aus seinem Roman "Die Verteidigung", gelesen von Schauspieler Devid Striesow, gibt es am Sonntag, dem 7. November um 12.30 Uhr im "Offenen Buch" und als Podcast in der BR Mediathek. Die ungekürzte Lesung ist bei Random House Audio erschienen.