Filmschoolfest Munich 39 ½ Die Filme der Stars von morgen

Was waren das für Zeiten, nach den Filmen zusammenhocken und diskutieren! Das 40. Filmschulfest München findet im Netz statt. Vom 12. bis 22. November ist aber trotzdem viel Abwechslung geboten, von 50 Film-Studierenden aus 22 Ländern. Die Eröffnung wird heute, am 12.11., ab 20:15 live gestreamt.

Von: Benedikt Mahler

Stand: 12.11.2020

Eng beieinandersitzend diskukutieren Studierende aus aller Welt im Filmmuseum: Festivalstimmung im Filmmuseum in Vorcorona-Zeiten | Bild: Stefanie Funk

Das Filmschoolfest München präsentiert auch im coronageplagten 40. Jubiläumsjahr ein außergewöhnlich abwechslungsreiches Programm. Der Titel Filmschoolfest Munich 39 ½ weckt Assoziationen an Hitschcocks 39 Stufen und Fellinis 8 ½ - große Vorbilder, was zeigt, hier, auf dem Festival der Filmemacher der Zukunft, versteckt sich niemand. 50 Studierende von Filmschulen aus 22 Ländern zeigen ihre Werke im hochdotierten Wettbewerb. Zu sehen ist alles zwischen klassischen Spielfilmformaten und experimentellen Ausflügen, aus Belgien bis Myanmar. So breit wie das geografische Spektrum ist, so facettenreich sind auch die Themen und gestalterischen Ansätze, die in den Kurzfilmen zu entdecken sind. Die digitale Ausgabe des Festivals macht es möglich, weltweit rund um die Uhr auf Entdeckungsreise zu gehen.

Mila Zhluktenko | Bild: FFF/ Mila Zhluktenko

Mila Zhluktenko

"Ich werde das Filmmuseum und das Museumscafé in der Stadt vermissen, die für das Filmschoolfest immer so gemütlich eingerichtet wurden", sagt Mila Zhluktenko. Sie studiert an der Hochschule für Fernsehen und Film in München Dokumentarfilm und Fernsehpublizistin und war auch schon beim letzten Filmschoolfest mit einem eigenen Film vertreten. In diesem Jahr zeigt sie den Kurzfilm Opera Glasses/Binokl: "In meinem Film geht es um das Foyer und die Gänge der Oper in Kiew in der Ukraine, wo ich herkomme. Der Dokumentarfilm erzählt einen ganzen Abend und beschäftigt sich mit den Mitarbeitern und Gästen der Oper."

Dass das Festival nun digital stattfinden kann, bringt Ruhe mit sich für die Filmstudierenden, die gewöhnlich über das ganze Jahr hinweg ihre Filme bei kleineren und größeren Filmfesten zeigen. Das ständige Unterwegssein ist anstrengend, aber es lohnt sich. Gerade beim Filmschoolfest geht es so international zu, wie kaum sonst wo. "Das Besondere ist der Austausch mit Kommilitoninnen aus der ganzen Welt", sagt Mila. "Man lernt neue Methoden und andere Ansätze kennen. Ich erinnere mich an Kolleginnen, die haben erzählt, dass sie an ihrer Schule in den ersten Jahren nur mit Tonspuren arbeiten – ohne Bild. An einer Filmhochschule. Das ist total spannend."

Überschreibung der Gender-Normen von gestern

Ein Junge wurde als Mädchen erzogen: Szene aus "Drifting"

Neben der Vernetzung der internationalen Filmemacherinnen und Filmemacher steht natürlich die Präsentation ihrer Arbeiten im Mittelpunkt. Ein zentraler Gedanke im internationalen Wettbewerb ist in diesem Jahr die Überschreibung gestriger Normen zu Geschlecht und Sexualität. Frog Catcher erzählt die wahre Geschichte des transsexuellen Froschfängers Jeanne Bonnet, der im 19. Jahrhundert als Außenseiter in San Francisco lebte und ein tragisches Ende fand. Im glitzernd-pinken Antik-Film Elagabalus verliebt sich ein über-üppig lebender Kaiser in einen römischen Wagenlenker. Der Protagonist in Drifting kämpft mit seiner Identität als biologischer Mann, weil er während der Ein-Kind-Politik in China von seinen Eltern als Mädchen erzogen wurde. Und der Animationsfilm My Fat Arse And I thematisiert auf schrille Weise den allgegenwärtigen Schönheitswahn.

Szene aus dem belgischen Film "Gold Plated"

Daneben werfen die Filme im diesjährigen Programm einen kritischen Blick auf gesellschaftspolitische Verhältnisse. Armut ist dabei ein zentrales Thema. In Gold Plated sind es die Klassengegensätze zwischen Arm und Reich, die zwei Jugendliche nicht zusammenkommen lassen. Der Dokumentarfilm Silver Firefly zeigt Menschen in Buenos Aires, die an einer Flussmündung ihr Dasein in Holzverschlägen fristen – ausgeschlossen von der Gesellschaft. Wie politisch das Private sein kann, zeigt The Verdict In The Case Of K. Hier kämpft eine Familie nach einem Gerichtsurteil über ein Sexualdelikt mit den moralischen Erwartungen ihres Umfelds. In The Father I Knew ergründet eine Tochter zusammen mit ihrer Familie den letzten Aufenthaltsort ihres Vaters, der 1988 in Myanmar während eines Volksaufstands untertauchen musste und spurlos verschwand. Ebenfalls in Myanmar ist das Singer-Song-Writer-Duo Angry Folks unterwegs, das mit ihren Protestliedern Fabrikarbeitern bei ihren Streiks motiviert. Außer Konkurrenz präsentiert das Filmschoolfest fünf ausgewählte Produktionen der Hochschule für Fernsehen und Film München sowie sechs weitere im Sonderprogramm Close Up Washington. Obwohl schon Anfang 2020 fertiggestellt, könnten sie aktueller nicht sein.

Hier treffen sich die Regie-Stars von morgen

Seit 1981 ist das Internationale Festival der Filmhochschulen München ein wichtiger Treffpunkt der Regie-Stars von morgen. Und manche Großen von heute kommen auch gerne wieder zurück. So wie die Regisseurin Julia von Heinz, deren aktueller Film Und morgen die ganze Welt Premiere in Venedig feierte, die Hofer Filmtage eröffnete und als deutscher Beitrag für den Oscar ins Rennen geht. Beim Filmschoolfest Munich übernimmt von Heinz die Jurypräsidentschaft in diesem Jahr gemeinsam mit der Filmemacherin Hajni Kis (Ungarn), der Filmkritikerin Bedatri Datta Choudhury (Indien) und den Filmkuratorinnen Emma Boa (Schottland) und Faridah Gbadamosi (USA). Sie entscheiden über die mit insgesamt 35.000 Euro dotierten Auszeichnungen im internationalen Wettbewerb.

Durch die Transferierung des Festivals ins Netz bieten sich den Organisatoren neue Möglichkeiten. War das Filmschoolfest früher eher ein lokales Szene-Festival, kann nun ein Publikum weit über die Grenzen der Landeshauptstadt hinaus erschlossen werden. Dass das durchaus gelingt, hat das Münchner DokFest in diesem Jahr bewiesen. Das Festival, das wie das Filmschoolfest von der Internationalen Münchner Filmwochen GmbH ausgerichtet wird, fand nur digital statt und konnte sich über eine große Reichweite und eine breite Zuschauerschaft freuen. Über den cloudbasierten Streaming-Service des Technologieunternehmens Pantaflix stellt auch das Filmschoolfest seine digitalen Angebote bereit.

Filmschoolfest Munich 39 ½: Vom 12. bis 22. November können einzelne Filme und  kuratierte 5er-Blöcke gebucht werden. Ein Festival-Pass kostet 12.99 Euro. Die Eröffnung am 12.11. können Sie ab 20:15 hier verfolgen.