"ZERV" in der ARD-Mediathek Krimi-Serie "ZERV": Geteiltes Land, geteiltes Wissen?

Die ZERV ermittelte kurz nach der Wende in Sachen Regierungs- und Vereinigungskriminalität: Eine Aufgabe mit Symbolkraft – und kaum bekannt. Eine neue Serie mit Nadja Uhl und Fabian Hinrichs setzt sie nun in Szene.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 27.01.2022 18:25 Uhr | Archiv

Fabian Hinrichs und Nadja Uhl | Bild: ARD

Ziemlich bescheuert eigentlich, eine Serie nach einer Behörde zu benennen. Das hat etwas Angestaubtes, klingt so abstrakt. Im Fall dieser neuen ARD-Serie ist es noch dazu eine Behörde, die kaum jemand kennt. Und das macht diesen Titel schon wieder fast genial – genau gegen dieses Vergessen soll die Serie nämlich angehen. "ZERV" spielt 1991, kurz nach der Wende also. Ihre Funktion und Bedeutung lernen wir gemeinsam mit der Hauptfigur Karo Schubert kennen. Die Kriminalhauptkommissarin ist spät dran, huscht in die schon begonnene Sitzung, da referiert ihr Vorgesetzter von einer bedeutenden Erneuerung: "Bonn hat eine neue Diensteinheit ins Leben gerufen. Die sogenannte Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität, kurz 'ZERV'. Die soll zu den Straftaten des SED-Regimes ermitteln. Das sind Pi mal Daumen 200 Polizisten, kommen alle von drüben. Das sind westdeutsche Profis."

Geht immer: Ein Ermittler-Duo, das sich (vorerst) nicht mag

Mit diesen neuen Kollegen soll Karo Schubert (Nadja Uhl) noch am selben Tag zusammenarbeiten. Es wird ein Mann tot aufgefunden, der nur drei Stunden zuvor eine Aussage bei der ZERV machen wollte: zu NVA und Abrüstung. Und schon steht ein Abgesandter der neuen ZERV neben Schubert: der Kollege aus dem Westen, Peter Simon (Fabian Hinrichs). Für Schubert ist es ein mysteriöser Mordfall an einem Freund ihrer Eltern. Für Simon ist es ein in Kriminalität verstricktes Opfer. Für beide führt das – man ahnt es schon – zu einer erzwungenen Zusammenarbeit. 

Während der Ermittlungen wächst das Vertrauen. Was sie verbindet: Beide bewegen sich in einer fremden Welt. Karo Schubert im frisch vereinigten Deutschland, der Bremer Peter Simon in Ost-Berlin. Angelockt von einer Zulage kam er nach Osterberlin und wie ein Banner trägt den Willen zu Aufklärung von DDR-Verbrechen vor sich her. Wenn Simon in einer Szene ein DDR-Waschbecken reinigt und dann von "40 Jahren Dreck" spricht, meint er damit weit mehr als den desolaten Abfluss. 

Kein Lolek & Bolek – dafür Karat & Maffay 

Nadja Uhl und Fabian Hinrichs vor Berliner Kulisse | Bild: ARD

Der tolle Cast um Nadja Uhl, Fritzi Haberlandt und Fabian Hinrichs trägt die Handlung, die subtil, aber klar durch das Szenenbild miterzählt wird. Das kommt ohne Pittiplatsch und andere Insignien der DDR im Hintergrund aus. Der Produktion Designer Knut Loewe hat auch für die Serien "Counterpart" und "Tannbach" sowie die Filme "Die Welle" und "Operation Zucker" das Szenenbild kreiert.

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Für das Production Design, das Szenenbild der Serie "ZERV", ist Knut Loewe verantwortlich. Sein Job ist es für uns Zuschauende innerhalb weniger Sekunden klarzumachen, wo wir sind und wann wir sind. 
 
Production Designer Knut Loewe: Jetzt konkret in Bezug auf "ZERV" ging es darum, die Zeit direkt nach der Wende direkt in Berlin darzustellen. Die erste Lage [des Szenenbilds] setzte sich zusammen aus: Was ist die alte DDR? Und die zweite Lage, die da drüber kam, war: Was ist jetzt nach der Wende zu den DDR-Sachen dazugekommen? Das haben wir vor allem über die Technik erzählt. Die Figuren haben andere Fernseher, andere Telefone, andere Radios, aber teilweise sind es eben auch noch die alten Lampen. 

Was Zuschauer sehr gut lesen können, sind Mode, Autos und Technik. Das sind Dinge, die uns besonders helfen. Das Haus, in dem wir die Polizeistation erzählt haben, ist aus den 30er-Jahren. Es existiert aus der Zeit noch viel Architektur, die es so in der Formsprache auch heute noch gibt. Wenn da ein modernes Auto davorsteht, würde niemand denken: Wieso sind die in einem Gebäude aus den 30er-Jahren? So funktioniert der Zuschauer nicht. Wenn ich davor aber einen Oldtimer stelle, dann passiert vielleicht die Regung in dem Zuschauer: Ach ja stimmt, so sah das damals aus, da sind ja noch die alten Türklinken oder alte Lichtschalter. Dann fängt man an, Dinge wiederzuerkennen. Ich platziere am Anfang ein paar Sachen sehr deutlich. Danach kann ich andere Sachen folgen lassen, die kleiner sind und feiner.

Katja Engelhardt: Was sind in der Serie "ZERV" solche offensichtlichen Hinweise? 

Es gibt diese Szene, in der der Fabian Hinrichs unterm Waschbecken liegt, das verstopft ist. Das ist ein DDR-Waschbecken und es hat DDR-Armaturen, die sahen einfach anders aus, als die in Westdeutschland ausgesehen haben. So etwas fällt einem dann womöglich auf. Der größte "rosa Elefant" ist der braune Wartburg von Nadja Uhl, mit dem sie immer durch die Gegend fährt.  

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Das Schicksal der Abgehängten 

Während die beiden Ermittelnden also eine ganze Menge austragen müssen, nämlich sowohl berufliche als auch alltägliche Vorbehalte zwischen Ost und West, außerdem das Rätsel des Kriminalfalls lösen sollen, rattert es auch in den Köpfen der Zuschauenden: ZERV, IM, Koko? Von der neu gegründeten Ermittlungsstelle bis hin zu der Kommerziellen Koordinierung sind viele DDR-Begrifflichkeiten nicht unbedingt geläufig. Die Geschichte dahinter wird in dieser Serie genauso selbstverständlich erzählt wie von Nachwende-Elektropartys , besetzten Häusern oder von Menschen, die wir als "Wendeverlierer" kennen. In dieser Serie erfahren wir sie als Individuen, nicht als gesichtslose Masse.

Zu viele wahre Geschichten für zu wenige fiktionale Folgen 

Mit der titelgebenden Ermittlungsbehörde ZERV wird klargestellt, was uns hier gezeigt wird: Es sind Verbrechen. In Nebenerzählungen werden einige davon verhandelt. Das macht das Ausmaß und die Vielförmigkeit dieser Verbrechen deutlich. Diese Seitenstränge erscheinen aber leider oft wie Beiwerk, weil sie als Nebenerzählung zu dem folgenübergreifenden Kriminalfall nicht genug Raum bekommen. Ein Nebenstrang erzählt von Jugendwerkhöfen. Diese Erziehungsheime der DDR werden auch "Kindergefängnis" genannt. Um angemessen und aufklärend von solchen echten Verbrechen zu erzählen, bräuchte es mehr Zeit, mehr Raum, eigentlich fast schon eine eigene Staffel.

Vielleicht bekommt die Serie "ZERV" ja den Platz und kann noch mehr kaum bekannte Aspekte der DDR-Geschichte erzählen. Und sie genauso unterhaltsam an den familiären Abendbrottisch bringen, wie die Geschichte der Behörde ZERV. Die Serie ist für die Second Screen Nutzung gedacht – während der Folgen das Smartphone in die Hand nehmen, Namen und Orte suchen und vielleicht später genauer nachrecherchieren. Aufklärung soll sie ganz eindeutig leisten. Gut wäre das, denn Serien machen Historisches sinnlich erfahrbar. Und die meisten von uns wissen viel zu wenig über diesen nachhaltig prägenden Teil deutscher Geschichte.

Die Serie "ZERV" wird ab dem 15. Februar in der ARD Mediathek abrufbar sein. 
Zusätzlich zu der fiktionalen Serie wird dort dann auch eine Dokuserie zu den echten Ermittlern der damaligen ZERV streambar.

Ein ausführlicheres Interview mit dem Production Designer Knut Loewe zu seiner Arbeit an "ZERV" und anderen Projekten gibt es ab dem 20. Februar im Feed des BR-Serienpodcasts "Skip Intro" und am selben Tag auch im Radio, ab 19:05 Uhr in der "Filmkultur" auf Bayern 2.