Serie "Ich und die Anderen" Hat jemand Penis gesagt?

Peniswitze, Frauenfiguren wie aus dem letzten Jahrhundert und eine surreale Handlung, die keine ist. Die neue Dramedy-Serie "Ich und die Anderen" von David Schalko für Sky ist glorifiziertes Theater – auf der Serienbühne.

Von: Vanessa Schneider

Stand: 28.07.2021 | Archiv

Tom Schilling und Katharina Schüttler in einer Szene aus der Sky-Serie "Ich und die Anderen" | Bild: Superfilm

Wenn eine Serie mit folgendem Cast angekündigt wird, ist eigentlich von vornherein klar, worauf man sich einstellen darf: Sophie Rois, Lars Eidinger, Martin Wuttke und Mavie Hörbiger. Darstellende also mit einem gewissen Hang zur Exzentrik und Theatralik. Dazu neigt auch David Schalko ("Braunschlag", "M – Eine Stadt sucht einen Mörder"), der die Idee zur Serie hatte, die Drehbücher schrieb und alles als Regisseur inszenierte. Und tatsächlich: "Ich und die Anderen" ist – wenig überraschend – Theater in Serienform.

Tristan (Tom Schilling) ist Mitte dreißig, in einer noch recht frischen Beziehung mit seiner schwangeren und sehr emotionalen Freundin Julia (Katharina Schüttler) – und total lost. Denn er ist der einzige "normale" in einer Familie von Individualisten. Seine Schwester Isolde (Sarah Viktoria Frick), eine Künstlerin, thematisiert ganz wie der Künstler-Vater (Martin Wuttke) nur Geschlechtsorgane in großformatigen Bildern – sie Vulven, er Penisse. Alle in dieser Familie scheinen genau zu wissen, wer sie sind. Alles, was Tristan weiß, ist, dass er lieber ein "Martin" wäre. Mit einer ganz durchschnittlich-glücklichen Beziehung und einem durchschnittlich-kreativen Job in einer Wiener Werbeagentur. Und so sitzt er eines Tages in einem magischen Taxi, das er nie bestellt hat. In diesem modernen Märchen wird der Taxifahrer zum Wünscheerfüller und Tristan hat jeden Tag einen neuen Wunsch frei.

Was wäre, wenn wir alles in der Hand hätten?

In jeder der sechs Folgen testet Tristan ein anderes Szenario aus. Er begegnet dabei immer wieder denselben Menschen, die je nach Wunsch ganz andere Facetten von sich preisgeben.

Lars Eidinger als Agenturchef – ein Bild aus der Sky-Serie "Ich und die Anderen" von David Schalko

Die Rolle des Tristan ist wie für Tom Schilling gemacht. Er ist einer der wenigen, die in "Ich und die Anderen" nicht spielen, als stünden sie auf einer Bühne. Lars Eidinger wiederum sorgt für einige der witzigsten und und leichtesten Momente in der Serie. Er ist der launische Chef einer Werbeagentur, der Tristan mal quält, mal verzweifelt um dessen Anerkennung buhlt. Denn genau wie Tristans Sicht auf die Welt und auf sich selbst verändert sich auch mit jedem Wunsch das Verhältnis zu seinen Mitmenschen, besonders aber zu den Frauen in seinem Leben.

Tristan nimmt sie nur als feindselige femmes fatales oder penisneidende Mannsweiber wahr. Wirklich subversiv ist diese stereotype Darstellung nicht, auch wenn eine spätere Folge anerkennt, dass wir die Frauen natürlich mit Tristans Augen sehen.

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Ich und die Anderen - Trailer | Sky Originals | Sky | Bild: Sky Deutschland (via YouTube)

Ich und die Anderen - Trailer | Sky Originals | Sky

Die Serie strotzt vor Schalko-Aphorismen wie "Monogamie ist eine Erfindung ängstlicher Männer", Phallus-Symbolen und anderen oft bemüht abgedrehten Einfällen – was sie bedeuten ist eigentlich egal, Hauptsache sie werfen Fragen auf: Wir begegnen einem Hitler mit Katze im Arm, einem Unsterblichen mit Alkoholproblem; sehen Tanz-, Musical- und Musikvideo-Einlagen. Und dann kommt es zum sprichwörtlichen murder on the dancefloor – mit phallischen Messern als Tatwaffe.

Kryptisch und distanziert

Sky rühmt sich für den Mut, "Ich und die Anderen" im deutschen Fernsehen umgesetzt zu haben. Doch so neu und revolutionär ist weder das Serienkonzept noch die Umsetzungsweise. Die außergewöhnliche Netflix-Serie "Matrjoschka" (2019) verfolgt eine ganz ähnliche Idee. Sie verkünstelt sich nicht in der formalen Gestaltung, sondern berührt mit echten, nahbaren Charakteren und einer konkreten Handlung. "Ich und die Anderen" bleibt bis zum Ende kryptisch und distanziert – aus Prinzip. Und bietet trotzdem nicht mehr als Küchen-Psychoanalyse. Nach den sechs unberechenbaren Folgen bleibt nur zu sagen: Puh, was für ein Ritt. Vielleicht werden Sie ihn genießen. Oder Sie bleiben, so wie die Autorin, erschöpft und ratlos vor dem Bildschirm zurück.

Ein Beitrag aus der kulturWelt vom 28.07.2021. Den Serien-Podcast "Skip Intro" können Sie hier abonnieren.

Die Serie "Ich und die Anderen" läuft ab dem 29.07.21 im Programm von Sky und ist dann auch on Demand verfügbar.