Neue Doku-Serie Wer ist Schwesta Ewa – Rapperin? Häftling? Mutter? 

Schwesta Ewa ist die perfekte Anti-Heldin – vom zwielichtigen Rotlichtmilieu auf ausgeleuchtete Konzertbühnen, Musik als Aufstiegschance. Auf eine Anklage folgte eine Haftstrafe. Und jetzt? Eine neue Doku-Reihe begleitet sie.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 28.07.2021 | Archiv

Schwesta Ewa sitzt auf einem braunen Ledersofa und schaut in die Kamera | Bild: TVNOW

Als Schwesta Ewa 2015 ihr Debütalbum veröffentlichte, war sie ein Phänomen, an dem sich unglaublich viele Diskussionen neu entfachten. Ist es Feminismus, wenn eine Frau sich prostituiert? Wie gehen wir als Gesellschaft mit Prostitution um? Und wieso wurden ihre Texte stärker kritisiert als die ihrer männlichen Kollegen? Obwohl oder weil ihre Lyrics tatsächlich biografisch verankert sind? Schwester Ewa wurde hart kritisiert, erfuhr aber auch viel Aufmerksamkeit. So war sie nicht nur in den HipHop-Blogs präsent, sondern auch in konservativen Medien, im Boulevard, im Feuilleton. Vor allem, nachdem sie – aufgenommen von einem Spiegel TV-Team – einer Frau gegenüber gewalttätig wurde und sich später dem Vorwurf des Menschenhandels ausgesetzt sah.

Zu real? 

Medial hatte sich die Diskussion um Schwesta Ewa als Künstlerin ab diesem Zeitpunkt deutlich gedreht: Hatte man sich getäuscht in dem vermeintlich feministischen Vorbild? Denn nun wurde sie angeklagt, sie habe Minderjährige gezwungen, sexuelle Handlungen vorzunehmen. Ist Schwesta Ewa als starke Rapperin und verurteilte Straftäterin dann doch zu real, hatte zu viel Wahrhaftigkeit für den Deutschrap? Einige der Vorwürfe erhärteten sich vor Gericht nicht. Verurteilt wurde Schwesta Ewa 2017 zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft, unter anderem wegen Steuerhinterziehung und 35-facher Körperverletzung.

Hat er also doch nicht funktioniert, der Aufstieg mit dem Mikrofon in der Hand? Immerhin hatte Schwesta Ewa neben der Musik und der Bar, die sie betrieb, immer noch eine Nebenkarriere im Rotlichtviertel – von der auch viele aus ihrem Umfeld nichts gewusst haben wollen. Die Dokuserie "Schwesta Ewa – Rapperin. Häftling. Mutter." begleitet die heute 37-Jährige durch ihr neues Leben nach dem Gefängnis. In den ersten beiden Folgen werden Anklage und Haftantritt nacherzählt. Die Protagonistin bekommt die Chance, die damaligen Schlagzeilen der Presse einzuordnen, die unter anderem behauptet hatten, die Rapperin habe Fans zur Prostitution gezwungen. So ist die erste Folge dem Teil ihres Lebens gewidmet, der intensiv medial begleitet worden ist: Headlines, Musik, Gerichtsprozess. Schnittbilder von in rotes Licht getauchter Bettwäsche, von Damenschuhen, Türen – danke, ja, wir bewegen uns im Rotlichtmilieu.

Das Leben, ein Puff

wa selbst sitzt während der Aufnahme in einer Art riesiger Tiefgarage auf einem braunen Sofa. Von hier aus blickt sie in die Vergangenheit, rekapituliert, ordnet ein, schafft Distanz zwischen der Gegenwart und dem, worüber sie spricht. Und tut das mit den Vergleichen, mit denen sie einerseits seit jeher bei Kritikern aneckt, andererseits von Fans für ihre Lebensschläue gelobt wird: Das Leben ist ein Puff, im Puff lernst du folglich am meisten über das Leben. So spricht sie etwa über das Gefühl, als sie in den Gerichtssaal geführt wurde, in dem Presse und Schaulustige schon warteten: "Du bist im Puff, die Freier laufen alle an dir vorbei und klopfen irgendwelche dummen Sprüche. Alle Leute gucken dich an, es geht um dein Leben. Die wollen einfach so dabei sein. War kein gutes Gefühl." Nahe kommen wir Ewa hier trotzdem nicht. Teilweise wird ihre Geschichte von Musikjournalistinnen eingeordnet, manchmal nacherzählt. Der schöne Nebeneffekt, dass die Experten endlich mal nicht nur weiß und ältere Herrschaften sind, sondern jung, divers und überaus reflektiert, verpufft allerdings schnell. Denn die Montage der Töne erklärt die Journalisten mitunter zu Experten Schwesta Ewas – dabei spricht sie selbst doch nur eine Szene später, könnte also selbst davon berichten.

Ein weiteres Problem: Die Doku eilt Schwesta Ewa oft zu Hilfe. Und das nicht immer auf vorteilhafte Weise. So wird der Verdacht etabliert, die Strafverfolgung von Schwesta Ewa sei überzogen gewesen. Was sich schwer nachweisen lässt. Die Serien-Macherinnen und -Macher lassen den zuständigen Richter und eine Gerichtsreporterin die Staatsanwältinnen als "sehr engagiert" beurteilen. Danach gibt der Labelchef und Rapper Xatar seine Einschätzung ab, vonseiten der ermittelnden Polizistinnen wäre da "etwas Persönliches am Laufen" gewesen. Das können wir als Zuschauende glauben, echte Belege sind das jedoch nicht. An einigen Stellen ist unklar, wieso sich bestimmte Personen zu dem Fall äußern. In einer Folge lobt eine Sexarbeiterin die Verhältnisse, in denen Frauen für Ewa gearbeitet hätten – allerdings geht daraus nicht hervor, dass sie selbst für Ewa tätig gewesen wäre. Sie gibt nur Beurteilungen wieder, die ihr von anderen geschildert worden sind. Wahrscheinlich damit Zuschauenden die Qualität der Zusammenarbeit klar wird. Und doch bleibt es dabei, dass Schwesta Ewas Escortunternehmen illegal war.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

SCHWESTA EWA - Mein Geständnis (Official Video) ► Prod. von LIA x Grasserbeats | Bild: ALLES ODER NIX RECORDS (via YouTube)

SCHWESTA EWA - Mein Geständnis (Official Video) ► Prod. von LIA x Grasserbeats

Doku deutet Rufmord an

So hängen einige Aussagen in der Luft. Als Argumente für die Unschuld Ewas taugen sie nicht. Tatsächlich haben sich die besonders schweren Vorwürfe der Staatsanwalt nicht bestätigt, etwa des Menschenhandels. Natürlich geht mit solchen Anschuldigungen auch Rufmord einher. Immerhin, die Doku erklärt, wie die Staatsanwaltschaft darauf gekommen ist: Weil eine junge Zeugin von Zwangsprostitution gesprochen hatte. Musste da ermittelt werden? Wieviel trug Ewas Promi-Status dazu bei? Denn Schwesta Ewa ist eben nicht einfach eine Frau mit Sexarbeit-Erfahrung, sondern eine Rapperin mit Strahlkraft. Diese Form von halbgarer "Ruf-Wiederherstellung" innerhalb der Serie braucht Schwesta Ewa aber ohnehin nicht. Oder bräuchte sie nicht, wenn die Doku schneller in Fahrt käme.

Auch sie kommen zu Wort: Die Rapper SSIO und Xatar, hier auf einer Aufnahme von 2018

Lange fehlt der Dokumentation eine Struktur, die die hohe Kunst des Infotainments ausmacht. Also eine Struktur, bei der die Zuschauenden immer genau wissen, an welchem Punkt der Story sie gerade sind, oder wieso jetzt neben einem Statement eines Richters auch das ein oder andere eines bekannten Gesichts auftaucht. Und davon bietet die Doku so einige: Der Chef von Schwesta Ewas Label "Alles oder nix", Xatar, ihr Label-Kollege SSIO, der Rapper Eko Fresh, Rapperin Juju – allesamt großartige Gesprächspartner. Die werden aber nicht weiter vorgestellt. Nur die Bauchbinden geben spärliche Infos. Dabei ist die Tragweite einiger Aussagen erst mit Hintergrundinformationen erfassbar. Bei Xatar etwa ist bekannt, dass er einen Goldtransporter ausgeraubt hat, die Beute ist bis heute nicht gefunden worden. Rapper Eko Fresh spricht sich gegen Kriminalität aus – interessant, denn der ehemalige Protegé von Kool Savas ist mittlerweile Teilnehmer von Mainstreamshows wie "Schlag den Star". Es sind also eher die Fans und Kennerinnen, denen die Zwischentöne klar sein werden.

Erst später glückt der Serie der Blick auf das große Ganze, als die Dokumentation ihrer Protagonistin wirklich näherkommt. Anhand von Schwesta Ewa werden Strukturen aufgezeigt, die alles andere als individuell sind: wenig Geld, wenig Chancen. Das können wir quasi miterleben in den Gesprächen zwischen ihr und Freunden aus ihrer Jugendzeit in Kiel. Also kurz nachdem sie mit ihrer Mutter dort gestrandet war, denn eigentlich wollten sie in die USA ausreisen. Ewas Vater soll mehrere Menschen umgebracht haben, die Mutter hatte Angst vor Konsequenzen für sich und ihre Tochter. Eine Greencard gab es auch schon. Aber ein zur Anzeige gebrachter Diebstahl am Berliner Bahnhof Zoo machte ihnen einen Strich durch die Rechnung.

Schwesta Ewas Leben zeigt Strukturen auf

In der Doku geht Ewa erneut zu der Stelle in einem Kieler Park, an der sie mitunter nachts schliefen, obdachlos. Und hier ist sie nicht die, die super abgeklärt alles schon längst hinter sich gelassen hat. Das zeigt ein Gespräch mit einem Kindheitsfreund, bei dem sie an ein Telefonat zwischen den beiden erinnert: "Wo du mich gefragt hast: 'Ewa, bist du ‘ne Hure oder hast du Freier gehabt?' Und ich habe mich geschämt. Ich weiß ganz genau, ich habe mich geschämt."

Die Dokumentationsserie versucht vor allem zu Beginn nachzuholen, was im großen Wirbel um Schwesta Ewa als öffentliche Person vernachlässigt worden ist: Die Skandale wurden in Großbuchstaben geschrieben, aber von den möglichen Ursachen wurde kaum berichtet. Die Doku schlägt sich nun zu sehr auf die Seite von Schwesta Ewa als Opfer. Etwa hören wir in einer Folge viele Stimmen dazu, wie aufgebauscht die Strafverfolgung Schwesta Ewas gewesen sei – und erst eine Folge später kommt von einem Musikjournalisten der klare Hinweis darauf, dass sie für etwas verurteilt wurde, das auch verurteilenswert ist. Die Montage der Aussagen – ohne Erzählstimme aus dem Off – färbt die Diskussion zu Ewas Gunsten auch an Stellen, an denen das unpassend wirkt.

Mehrmals spricht Ewa von "dieser Sache mit Schwesta Ewa", wie von einer Trennlinie zwischen Personen. Eine Aufteilung, die auch in dem Titel der Dokuserie "Schwesta Ewa – Rapperin. Häftling. Mutter." steckt. Darin enthalten sind einige Leben, die die "Mehrheitsgesellschaft" so nicht kennt. In ihren besten Momenten macht die Doku eindrücklich klar, dass Schwesta Ewa nicht die Einzige mit dieser Geschichte ist. Sie ist nur eine der wenigen, die als Rapperin bekannt geworden ist. Und sie mit medialer Aufmerksamkeit erzählen kann.

Die Dokuserie "Schwesta Ewa – Rapperin. Häftling. Mutter." ist bei TVNOW streambar. Die Autorin konnte vorab drei von sechs Folgen ansehen.