Autorin Eva Menasse "Macht süchtig, aggressiv und unversöhnlich"

Die sozialen Medien sind an einem Großteil des Irrsinns schuld, sie vergiften die Hirne, spalten die Gesellschaft und laden zur Menschenjagd ein. Sagt Schriftstellerin Eva Menasse

Von: Eva Menasse

Stand: 12.11.2021 | Archiv

Porträtfoto der Schriftstellerin | Bild: dpa-Bildfunk/Soeren Stache

Jeden Tag gibt’s eine neue Aufregung, wir alle unterschreiben dauernd neue Petitionen und Unterstützungserklärungen, jede Woche eine neue Sau durchs Dorf, nur leider kann ich mich an die vergangenen vier Säue des letzten Monats schon kaum mehr erinnern. Vermutlich ging es darum, dass die einen Antisemiten und/oder Rassisten sind, die anderen dagegen bestimmt nicht, und ein paar Boykottaufrufe waren gewiss auch dabei, ebenso wie das Gegenteil, nämlich Warnungen, die Meinungsfreiheit nicht zu beschädigen. Geht es nur mir so, oder führt der allgemeine Hysteriepegel, der mich zeitweise durchaus auch erfasst, in Summe zu Frust, Agonie und Scheißdrauf?

Die sozialen Medien sind an einem Großteil des Irrsinns schuld

Ich weiß, es ist ein untrügliches Zeichen des Älterwerdens, wenn man darauf beharrt, schon seit Jahren etwas zu sagen, das immer noch stimmt und immer noch keiner hören will. Aber gut, ich werde halt älter, und daher sage ich es hier noch einmal: Die sozialen Medien sind an einem Großteil des Irrsinns schuld, sie vergiften die Hirne, spalten die Gesellschaft und laden zur Menschenjagd ein. Überprüfbar gebärden sich dort auch Politiker, Journalisten, Wissenschaftler und Künstler, nicht nur das gemeine Volk in einer Weise, wie sie sich im persönlichen Umgang niemals gebärden würden oder jedenfalls früher nicht gebärdet haben, und warum sie das tun, ist längst erforscht. Das Zeug macht süchtig, aggressiv und unversöhnlich, es verführt zu unlöschbaren Schnellschüssen und trägt zum Gruppenhass bei, und die, die es programmiert haben, wissen das und wollten es genau so.

Erhitzte Erde, erhitzter Diskurs

Wir haben hier zwei Riesenprobleme, und beide sind sowas von menschengemacht: die Klimaerwärmung und die Diskurshitze. Letztere verbrennt Vernunft, Kompromissfähigkeit und menschlichen Umgang gerade ebenso schnell wie der Regenwald abgeholzt wird und die Arten sterben. Beide Hitzen führen längst zu Todesopfern. Während wir aber beim Klima unbedingt eine globale Lösung finden müssen, weil auch 80 Millionen vegane Deutsche mit Photovoltaik auf dem Dach den Planeten nicht retten werden, hängt das andere durchaus von jedem einzelnen ab. Man kann das Zeug nicht abschalten, aber man könnte es ignorieren. Vor allem müsste man aufhören, darauf zu starren, als gäbe es nichts Wichtigeres. Politik und herkömmliche Medien tun aber so, als wäre das, was dort stattfindet, ein Abbild der Gesellschaft. Das ist es nachweislich nicht, wie sich etwa an manchen identitätspolitischen Themen verblüffend zeigen lässt – dort spielen sie eine Rolle, in der analogen Welt aber kaum.

Die Minderheit der Trolle ist bei Twitter die Mehrheit

Die Bild-Zeitung hat gut eine Million Käufer. Die aktiven Twitterer in Deutschland, also jene, die täglich mehrmals twittern und damit die Themensetzungen und Shit-Storms erzeugen, dürften ein paar mehr sein, mit anderthalb Millionen sind sie wahrscheinlich halbwegs zutreffend geschätzt. Aber wer sind sie? Ja, es sind vorwiegend Jüngere, Technikaffine, Vielsprachige, Kosmopoliten. Also unsere gesellschaftliche Zukunft. Trotzdem kriegt diese verheißungsvolle Minderheit, die dort die Mehrheit bildet, den Hass und die Polarisierung auf ihren Plattformen einfach nicht in den Griff. Und ich glaube, damit müssten wir uns dringend beschäftigen, denn anders als beim Klima hat hier bisher niemand eine Lösung.

Eva Menasse, geboren 1970 in Wien, arbeitete als Journalistin und lebt 2003 als Publizistin und freie Schriftstellerin in Berlin. Ihr Debütroman "Vienna" und die nachfolgenden Bücher waren große Erfolge. In ihrem aktuellen Roman "Dunkelblum" seziert Menasse am Beispiel eines fiktiven Dorfes die österreichische Verdrängungskultur vom Zweiten Weltkrieg bis heute.

Kultur und Demokratie? Wir haben Autorinnen, Künstler, Intellektuelle nach ihrer Vorstellung von der Zukunft gefragt. Was muss sich ändern? Was kann und muss jeder Einzelne tun? Eine Essay-Reihe über die Zukunft der Demokratie.

Der Essay von Eva Menasse ist ein Beitrag der Bayern 2 kulturWelt, die Sie hier nachhören und abonnieren können.