Einfach Bauen Architektur, die sich aufs Wesentliche besinnt

Wie werden wir in Zukunft bauen? Einfacher, sagt der Architekt Florian Nagler. Der Übertechnisierung des Bauens setzt er eine entschiedene Reduktion entgegen. Seine Versuchshäuser in Bad Aibling zeigen, was dabei entstehen kann: Praktische, komfortable und ökologische Bauten.

Von: Norbert Haberger

Stand: 11.02.2021

Die Modellhäuser von Florian Nagler in Bad Aibling | Bild: BR / Capriccio

Irgendwann, sagt Florian Nagler, habe er genug gehabt. Genug davon, wieder ein neues technisches Element zu entwickeln oder eine neue technische Lösung zu suchen. Stattdessen wollte er sich darauf konzentrieren, dass die Architektur selber Lösungen bereitstellt – und startete ein Experiment: "Einfach Bauen". Häuser entwerfen mit möglichst wenig Technik, wenig unterschiedlichen Materialien, aber mit langer Lebensdauer. Zurück zu einer echten Kultur des Bauens.

Schlichte, schöne Gebäude

Nagler ist Architekt und Professor an der TU München. "Wir haben uns überlegt, dieses 'Einfach Bauen' mal mit den gängigen Baumaterialien zu überprüfen. Die gängigsten Baumaterialien bei uns im Wohnungsbau, das ist Stahlbeton, das ist Holz und das Mauerwerk." Kann man mit diesen drei Bauweisen einfacher agieren? Man kann!

Die drei Versuchshäuser des Projekts in Bad Aibling sind inzwischen bezugsfertig. Es sind schlichte, schöne Gebäude geworden, denen man die Philosophie dahinter ansieht: weniger ist mehr. Bauherr ist Ernst Böhm, von der Idee anders zu bauen, war er sofort fasziniert. Einfach bedeutet nicht hässlich und klein, im Gegenteil: Die Räume sind einladend und über drei Meter hoch, denn Höhe trägt zur Lebensqualität und zur Luftqualität bei. Naglers Team berechnete, wie ein Raum mit möglichst wenig Energieaufwand im Winter beheizt und im Sommer gekühlt werden kann - anhand von 2600 Simulationen am Computer und für alle möglichen Raumgrößen.

"Was man weglässt, kann nicht kaputtgehen"

Die Wände der Häuser bestehen durchgehend aus einem Material: Beton, Holz oder Ziegel. Sie brauchen keine zusätzliche Wärmedämmung, etwa aus Kunststoff. Auch die Haustechnik im Inneren ist äußerst simpel gehalten, Leitungen laufen meist an der Oberfläche. Wenn etwas kaputtgeht, ist es schnell repariert, das ist Ernst Böhm wichtig. Seine Baufirma bietet großen Wohnungsgesellschaften Reparaturdienste an, und er weiß: "Alles was man weglässt, kann nicht kaputtgehen. Alles was nicht beweglich ist, geht auch nicht so leicht kaputt, wie Dinge, die beweglich sind."

Sollten die Häuser irgendwann abgerissen werden, haben sie noch einen weiteren Vorteil im Vergleich zu anderen: bei der Entsorgung. Wenn man nur Ziegel habe, könne man diese wieder aufbereiten, ebenso bei Holz, das verheizt werden oder bei Beton, der wieder benutzt werden kann, sagt Ernst Böhm: "Aber in dem Moment, wo Sie Dinge verbinden und vermischen, landet es meistens im Sondermüll." Massivbauweisen sind uralte Techniken. Oft kommen damit auch alte Formen wieder: Wie beim Stampfbeton der alten Römer ist in diesem Beton kein Stahl enthalten. Deshalb sind keine eckigen Fenster möglich. Die alte Lösung: So entstanden Rundbögen wie bei einer römischen Basilika.

Technik, die das Entwerfen behindert

Florian Naglers Idee kommt zum richtigen Zeitpunkt: Die Übertechnisierung vieler Gebäude nervt immer mehr Bewohner und Architekten. Das Interesse sei groß, so Nagler, denn der immense Einsatz von Technik nehme einem viele Freiheiten beim Entwerfen, beim "Architekturmachen", wie er sagt: "Da ist eine ganz große Aufgeschlossenheit, das verfolgen ganz viele mit Interesse." Die Versuchshäuser in Bad Aibling könnten die Baukultur der Zukunft nachhaltig verändern. Zurück zum eigentlichen Wesen der Architektur. Aus wenigen, natürlichen Materialien schöne Gebäude erschaffen. Einfach Bauen.