Frisöre dürfen öffnen Die Würde des Menschen beginnt beim Haupthaar

Menschliches Haar wächst im Schnitt etwa 1,5 cm pro Monat. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat dennoch Sorge, seine Bürger könnten sich unter ihrer seit zwei Monaten wild wuchernden Matte verloren haben. Mit dem Frisörerlass gibt er ihnen das zurück, was sie in Zeiten der Pandemie am meisten vermisst haben: menschliche Würde. Und ein geschorenes Haupt.

Von: Veronika Wawatschek

Stand: 12.02.2021 10:34 Uhr

Mann mit wilder Mähne | Bild: colourbox.com

Die Würde der Menschheit beginnt ja bekanntlich an der Scheitelkrone. Dieser Meinung ist jedenfalls Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Es sei ein Bedürfnis, sich selbst wieder zu finden in einer Zeit der Pandemie. So kommentierte Söder nach dem Bund-Länder-Treffen am Mittwoch die Verwunderung seines Berliner Kollegen Michael Müller darüber, dass Frisöre bereits am 1. März öffnen dürfen.

Wallendes Beinhaar bekommt im Corona-Winter kaum jemand zu Gesicht

Andere "körpernahe Dienstleistungen" dürfen das nämlich nicht. Freilich: Wallendes Beinhaar dürfte im Winter ebenso wenig eine Frage der Würde sein, wie Hornhaut am Fuß oder nicht pedikürte Fußnägel. Dazu sei angemerkt: Menschliches Haar wächst im Schnitt etwa 1,5 cm pro Monat. Dass sich also jemand unter der seit zwei Monaten wuchernden Haarpracht tatsächlich verloren hat und sich nun mühselig mithilfe des Barbiers wieder finden muss, dürfte also weniger einem Faktum denn einer söderschen Prophezeiung entsprungen sein.

A propos Weissagungen: Im Alten Testament geht der Haarverlust nicht mit Würde einher, sondern mit schwindenden Kräften oder gar Strafen. So verliert Samson seine Energie, als ihm Delila die Haarpracht schneidet. Und der Prophet Jesaja schreibt über die Bestrafung Jerusalems: "Und es wird Gestank statt Wohlgeruch sein und ein Strick statt eines Gürtels und eine Glatze statt lockigen Haars."

Milchgesichtige Passionsspieler - aber die Maske sitzt

Ob die künftigen Passionsspieler es als Strafe empfinden, wenn der traditionelle Haar- und Barterlass, der eigentlich am Aschermittwoch in Kraft tritt, in diesem Jahr zum reinen Haarerlass gestutzt wird, ist derzeit nicht bekannt? Klar ist aber schon jetzt: Der Bart muss ab, damit die FFP2-Maske sitzt. Und der geneigte Passionsbesucher darf sich im Jahr 2022 auf bar-gesichtige, um nicht zu sagen milchbubenhafte Passionsspieler freuen, statt des üblichen Ammergauer Wildwuchses.

Fragt sich nur, wie es – um noch mal auf Samson und seine gestutzten Kräfte zurückzukommen - um die Energie der Bart- und Haarträger bis dahin dann bestellt sein wird? Und außerdem wie viel Kraft und graue Haare die Pandemie auch ganz ohne das Zutun der Frisöre den ein oder anderen noch kosten wird? Vielleicht gehört die Geschichte mit der Energie und der Haarpracht aber auch nur ins Reich der Mythen und Sagen. In Wahrheit weiß der bayerische Landesvater einfach, wie man die letzten Kräfte des Volkes mobilisiert: mit einem frisch geschorenen Haupt, eben dort, wo die Würde des Menschen beginnt.