Dieses schwarze Loch Der Buchmarkt in der Corona-Krise

Die Verlage hat Corona schwer getroffen. Einige beklagen, nur noch ein Fünftel des Umsatzes zu erzielen. Den Autor*innen geht es kaum besser. Ein Bericht zur Lage am Buchmarkt von Armin Kratzert.

Von: Armin Kratzert

Stand: 23.04.2020

Schwarzes Loch frisst sich in Bücherregal | Bild: BR

"Es war Sommer, ein unglaublich heißer Sommer – ein Sommer, wie es ihn in der Form heute kaum mehr gibt", schrieb Stefan Wimmer eines Tages, langsam erst, und dann mit zunehmendem Schwung, er erzählte die Geschichte der Kajal-Clique aus der Münchner Vorstadt, eine Geschichte von Alkohol, Wave-Bands, Schulkatastrophen und erstem Sex, ziemlich seine eigene Geschichte also, und zwei, drei Jahre später war prompt ein Roman daraus geworden, "Die 12 Leidensstationen nach Pasing", 251 Seiten waren angekündigt für den März 2020. Es sollte ein Frühling werden, wie es ihn in der Form für Stefan Wimmer noch nie gegeben hatte, ein Frühling also mit einer unbedingt glamourösen Buchpremierenparty, Lesungen, Leipziger Messe, Besprechungen in den großen Zeitungen...

Und dann: Kam alles ganz anders.

Das Jahr ohne Buchfrühling

Der Frühling 2020 hieß Corona, und niemand interessierte sich erst mal für neue Bücher oder dafür, sich mit Leuten in einer engen Buchhandlung oder einem Literaturhaussaal zu einer Lesung zu versammeln. Keine Party also. Kein Geld vorerst. Und vor allem: Keine Zuhörer, keine Aufmerksamkeit, kein Applaus.

Literatur findet in diesem Frühjahr zum ersten Mal ohne Publikum statt.

Stefan Wimmer nimmt es gelassen. "Als Schriftsteller lebe ich sowieso seit 13 Jahren im Ausnahmezustand", sagt er. Also schreibt er einfach schon mal weiter, am nächsten Buch.

Plötzlich Rezensionsruhe

"Es ging noch ganz gut los", sagt Georg M. Oswald, dessen neuer Roman "Vorleben" auch im März erschienen ist. Ein paar positive Besprechungen, ordentliche Verkäufe. Aber dann wurden, als das Virus sich ausbreitete, sämtliche Lesungen abgesagt, und in den Feuilletons herrschte plötzlich Rezensionsruhe. Über die Spitzentitel der Verlage wurde noch berichtet, und über die für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Bücher, stellt Oswald fest, und das war es dann. Die Aufmerksamkeit der Leser war fortan auf andere, drängendere Fragen gerichtet. Außerdem hätten viele Zeitungen den Umfang reduziert, weniger Platz im Feuilleton, Süddeutsche Zeitung und Die Zeit haben Kurzarbeit eingeführt. Trotzdem ist Oswald, der auch als Rechtsanwalt arbeitet, zuversichtlich. Katastrophen hat es immer gegeben, und manchmal wurde dann eben auch Literatur daraus.

Wie in die Buchhandlungen kommen?

Wer etwas Glück hatte, dessen Buch war heuer schon im Januar oder Februar erschienen. Monika Helfer etwa, bis dahin nicht gerade für besonders hohe Auflagen bekannt, fand sich mit ihrem feinen Roman "Die Bagage" unversehens auf der Bestsellerliste. Der Hanser Verlag aber, in dem Helfers Buch veröffentlicht wurde, hat seine Vertreterkonferenz für das schon kräftig gekürzte Herbstprogramm kürzlich nur per Videokonferenz abhalten können, die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, seit Wochen im Homeoffice. "Wir richten uns bis auf Weiteres im Provisorium ein", hört man dort.

Nur 20 Prozent des normalen Umsatzes

Der kleine Münchner Liebeskind Verlag hat das geplante Herbstprogramm komplett aufs nächste Jahr verschoben und hofft nun, die Bücher des Frühjahrs in den kommenden Monaten wenigstens noch einigermaßen verkaufen zu können. 20 Prozent des normalen Umsatzes habe er in den letzten Wochen erzielt, sagt Verlagsleiter Jürgen Christian Kill: "Relativ düster" sei deshalb die Stimmung. Immerhin sei er klein genug, um auch seine Kosten erheblich reduzieren zu können.

Und der Kunstmann Verlag hat bei Beginn der Corona-Krise einen kompletten Bestellstopp erlebt: Alle Läden waren ja geschlossen. Inzwischen geht es langsam aufwärts, Stammkunden solidarisierten sich mit ihren bevorzugten Verlagen und Lieblingsbuchhandlungen, glaubt Kunstmann-Sprecher Andreas Schäfler.

Krisengewinner Versandhandel

Die Buchbranche muss Umsatzeinbußen von monatlich etwa einer halben Milliarde Euro verkraften, schätzt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Da sind aber natürlich vor allem die Umsätze des Teils der Branche erfasst, den man getrost als Industrie bezeichnen kann, Verlage etwa wie Random House mit 300 Millionen Euro Jahresumsatz oder Druckereien wie Pustet, die 10 Millionen Bücher pro Jahr für über 100 Verlage herstellen.

Größter Profiteur der Corona-Krise aber ist Amazon. Der weltgrößte Onlinehändler hatte in Deutschland letztes Jahr schon einen Anteil von 14,7 Prozent am Umsatz mit Büchern (und Büroartikeln). Der ist in den letzten Wochen um wohl ein Drittel gewachsen. Amazon, so ist zu hören, macht zur Zeit 10.000 Dollar Umsatz – pro Sekunde.

Wir werden überleben

"Wir haben viel zu tun. Das hält uns davon ab, zu viel nachzudenken", sagt Regina Moths. Ihre Münchner Buchhandlung betreibt schon seit 20 Jahren auch einen Online-Shop. Vor allem aber hat sie Stammkunden, die ihr auch in schwierigen Zeiten treu geblieben sind. "Trösten und improvisieren" müsse man jetzt vor allem. Und eben nicht daran denken, dass der Umsatz trotzdem um etwa 50 Prozent eingebrochen ist. Moths verkaufte in den Wochen, als ihr Geschäft geschlossen war, Bücher auch auf telefonische Bestellung, berührungslos, durchs Fenster zur Straße, oder persönlich ausgeliefert. "Wir werden überleben", sagt sie, "wenn auch etwas zerzaust!"

Lesungen ernähren viele Autoren

Ein literarischer Autor lebt von durchschnittlich nur 1.200 Euro brutto pro Monat. Dieses Einkommen ist aber großen Schwankungen unterworfen: Hat man gerade ein neues Buch, oder eben nicht. Und vor allem: Die meisten, die vom Schreiben leben wollen, leben in Wirklichkeit von Lesungen oder Veranstaltungen. Können die nicht mehr stattfinden, fällt das Durchschnittseinkommen schnell auch mal auf Null.

Pierre Jarawan, dessen Debütroman "Am Ende bleiben die Zedern" 2016 außerordentlich erfolgreich war, hatte für seinen neuen, im März erschienenen Titel "Ein Lied für die Vermissten" schon mehr als 40 Lesungen vereinbart. Alle abgesagt. Die Lesereise, von Moosburg bis Düsseldorf und Aachen, ausgefallen. Präsentation der Übersetzung ins Niederländische in Den Haag: gestrichen. Der Einkommensverlust: enorm. Etwa die Hälfte des Jahreseinkommens, schätzt Jarawan, ist ihm so abhanden gekommen. Und vor allem, nach dreieinhalb Jahren allein am Schreibtisch, die Möglichkeit, sich mit seinem Publikum auszutauschen: "Ein großes schwarzes Loch. So fühlt es sich an."

Was fehlt? Das Gespräch!

Denn natürlich können wir immer noch lesen. Die neuen Bücher kommen auch mit der Post, oder digital, gleich auf den Bildschirm. Den Autor zu sehen aber, seine Stimme zu hören, sein Temperament zu erleben, das fällt heuer aus. Das Gespräch über Literatur. Die unmittelbare Begegnung. Das Bier danach.

Und für die Schriftsteller dieser eine, große, so wichtige wie emotionale Moment, nach Jahren in der Klausur, wenn die erste Lesung beginnt, im Saal das Licht ausgeht, das neue Buch aufgeschlagen wird, wenn es ruhig wird, die Spannung sich aufbaut, und man endlich zu glauben anfängt, dass der Text vielleicht doch geglückt ist.

Im günstigsten Fall setzt sich ein Schriftsteller also jetzt hin, nutzt die Zeit und schreibt. Vielleicht ja auch über diese oder jene Krise. Die Verlage hoffen, dass spätestens im Herbst alles besser wird, oder auch nächstes Jahr. Richtig überzeugend klingen diese Beschwörungen nicht immer. Die Buchhandlungen haben wieder geöffnet, einige sagen, dass es gerade besser läuft als vorher.

Nur die eine Sache geht leider gerade nicht so gut, die Stefan Wimmer uns zum Schluss seines Romans mitgibt: "Also geht raus und schnappt euch dieses Leben."

Bücher:

Monika Helfer: "Die Bagage". Hanser Verlag

Pierre Jarawan: "Ein Lied für die Vermissten". Berlin Verlag

Georg M. Oswald: "Vorleben". Piper Verlag

Stefan Wimmer: "Die 12 Leidensstationen nach Pasing". Heyne Hardcore Verlag