Denk mal! Denkmaldebatten zeugen von demokratischer Reife

Denkmale sind Ausdruck der Geschichte wie von Geschichtsklitterung: Nur weil sie da sind, müssen wir sie nicht behalten. Aber streiten müssen wir in einer Demokratie darüber! Ein Kommentar

Von: Martin Zeyn

Stand: 08.07.2020 | Archiv

Otto sieht rot. Die Bismarck-Statue in Hamburg-Altona, mit roter Farbe übergossen | Bild: Jonas Klüter/dpa

"Das ist unsere Geschichte", dieser Kommentar stand unter einem Weltspiegel-Beitrag über den Denkmalstreit in Belgien. Ja, Kriegsverbrechen und Landraub sind unsere Geschichte. Aber das darf und kann nicht bedeuten, dass wir Verbrecher ehren, indem wir Straßen und Plätze nach ihnen benennen oder gar ihnen ein Denkmal setzen. Geschichte bedeutet auch, die Geschichte zu deuten. Und zu sagen, auf welche Teile wir die Fundamente unserer Demokratie aufbauen wollen.

Die Debatte, wie und woran wir gedenken wollen, ist nicht neu. In Hamburg wurde schon in den 70er-Jahren über ein 1936 aufgestelltes Kriegerdenkmal gestritten. Vor allem über den dort eingravierten Satz: "Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen." Was die Nazis als Heldentum inszeniert hatten, war für viele Nachgeborene nur noch dämlicher Kadavergehorsam. Also lud der Hamburger Senat den Wiener Bildhauer Alfred Hrdlicka ein, um ein Gegendenkmal zu schaffen. 1985 führte die Ausstellung zu massiven Protesten – weil der Bildhauer mit dem Titel "Hamburger Feuersturm" und durch die Ausführung deutlich machte, es gibt eine Verbindung zwischen dem deutschen Militarismus und der Zerstörung Hamburgs im 2. Weltkrieg. Das war für nationalistische, aber auch konservative Kräfte eine unerträgliche Geschichtsklitterung. Sie bestanden wider aller Fakten darauf, dass deutsche Soldaten immer nur ihre „Pflicht“ getan hatten.

Detail von Alfred Hrdlickas Gegendenkmal

Ich halte Hrdlickas „Gegen-Denkmal“ nicht für ein wichtiges Kunstwerk. Aber für einen extrem wichtigen Debattenbeitrag. Denn nur, weil ein Denkmal da ist, regt es nicht zum Denken an. Sein Gegen-Denkmal leistete genau das, wenigstens für ein paar Jahre, bevor es das Schicksal fast aller Kunst im Außenraum ereilte. Nichts ist so unsichtbar wie ein Denkmal, unkte schon Robert Musil.

Militarismus, zwei Weltkriege, furchtbare Kriegsverbrechen. All das ist Teil unserer Geschichte. Aber welcher Teil? Geschichte ist nicht gottgegeben, sie ist immer auch eine Inszenierung. Im Kaiserreich wurde Bismarck mit riesigen Statuen geehrt. Aber nicht August Bebel, sein Gegenspieler. Mit Denkmalen wird ein Geschichtsbild in Stein gemeißelt: das der Mächtigen und Herrschenden. Und anstatt die römische Kultur mit ihrer Rechtsprechung, den Straßen und Thermen zu feiern, stellte man eine Hermannskulptur auf, weil der Germanenführer zwei römische Legionen niedergemetzelt hatte. Wie viele Städte haben die Römer in ihren germanischen Provinzen gegründet? Sollen wir wirklich darauf stolz darauf sein, diese Eroberer zurückgeschlagen zu haben?  

Richard Wagner: "Großer Komponist und Antisemit"

Denkmale sind ebenso Ausdruck der Geschichte wie Geschichtsklitterung. Nur weil sie da sind, bedeutet das nicht, das wir sie auch behalten müssen. Und ja, Hitler ist ein Teil unserer Geschichte, aber 1945 hat kein Denkmalschützer behauptet, wir müssten Büsten und Hakenkreuze vor der Zerstörung schützen, weil sie ein Teil von uns sind.

Hitler ist natürlich ein Totschlagargument. Denn die Geschichte ist selten so eindeutig wie bei diesem ehemaligen Reichskanzler. Die deutschen Stadtpläne zu entmilitarisieren und zu entkolonialisieren ist ein gutes Ziel. Aber auch hier braucht es Augenmaß. Auf eine Kantstraße zu verzichten? Niemals, auch wenn es einzelne rassistische Äußerungen in seinen Werken gibt – neben vielen, die die Einheit der Menschheit betonen. Nicht einmal auf eine Richard-Wagner-Straße würde ich verzichten, aber dann bitte mit dem Erklärsatz: "Großer Komponist und Antisemit". Und die Monumentalstatuen von Bismarck würde ich nicht abreißen, aber auf menschliches Maß verkleinern. Und Grün über die Podeste wachsen lassen.

Anders als Monarchien oder Diktaturen leben Demokratien von Diskussionen. Sie leben auch von harten Diskussionen. Weil nur so sich eine Gemeinschaft bildet, die weiß, wofür sie steht. Es gibt nicht die eine Geschichte. Es gibt auch nur selten unstrittige Geschichtsdeutungen. Dass wir über Bilder, Straßennamen und Denkmale streiten, ist deswegen ein gutes Zeichen. Die Epoche der Geschichte von oben ist vorbei. Und auch wenn es manchmal anstrengend ist, sich zu streiten – dass wir es tun, ist ein gutes Zeichen.