Interview mit Autor Denijen Pauljević Hörspiel über die Suche nach Heimat: Das Schneckengrabhaus

München – Weltstadt mit Herz? Mitnichten, findet die junge Romni Ramisa in unserem neuen Hörspiel. Hier geht es um Wut, Ausgrenzung und die erfolglose Suche nach Heimat. Ein Interview mit dem Autor, Denijen Pauljević.

Von: Ralf Homann, Katja Huber

Stand: 09.01.2022 | Archiv

Nix los auf der Hackerbrücke in München (20.03.2020) | Bild: Felix Hörhager/dpa

Ramisa ist überwältigt von Zorn: München macht da weiter, wo Neonazis und der Bürgermeister in Belgrad aufgehört haben: In Serbien konnte sie als Romni nicht Lehrerin werden, in München wurde sie obdachlos, ihr Asylantrag abgelehnt. Doch sie wird bleiben und kämpfen. "Ich werde diese Stadt niederstechen und sie verbluten lassen", sagt sie. Ramisa hat keine Familie mehr, wandert ziellos durch die Gegend. Nur auf dem Friedhof findet sie eine Art Zuflucht: Sie verrichtet dort einen Ein-Euro-Job als Putzhilfe.

Denijen Pauljević

Hörspielautor Denijen Pauljević wirft Fragen auf: "Sind die Umstände entscheidend oder ist es entscheidend, was sie aus einem machen? Kann jede und jeder tatsächlich in jeder Situation das eigene Leben in die Hand nehmen?" Der Autor hat in sein Hörspieldebüt seine eigenen Lebenserfahrungen mit einfließen lassen:

Ihre Hauptfigur Ramisa ist zuerst illegal in München, dann ist sie obdachlos. Woher kommt der Einblick in diese Lebenssituation?

Denijen Pauljević: Ich bin Mitte der Neunziger nach München gekommen, während der Jugoslawienkriege als Kriegsdienstverweigerer, und war erst einmal eineinhalb Jahre illegal in München. Obdachlos war ich nicht, aber illegal. Und als ich dann den Asylantrag gestellt habe, hatte ich sehr viel mit den Behörden, vor allem mit dem Kreisverwaltungsreferat, zu kämpfen, und dadurch sind diese Erfahrungen, die Ramisa hat, eigentlich auch meine eigenen.

Ramisa geht mit der Stadt München besonders hart ins Gericht. War die Stadt für Sie auch so gnadenlos?

Mit Behörden habe ich damals sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Nicht aber mit Münchner:innen. Ich habe mich relativ schnell willkommen und wohl gefühlt. Was wahrscheinlich daran lag, dass ich die Sprache schnell gelernt habe und weil München, als eine urbane Umgebung, meiner Heimatstadt sehr ähnelte. München kam mir aber damals, nach meiner Jugend in Belgrad und nach einem Jahr in Prag, manchmal wie ein verschlafenes, konservatives und gemütliches Dorf vor. Nach ein paar Jahren empfand ich München als "meine Stadt" und dennoch habe ich das Gefühl, immer wieder neu anzukommen. Und dass ich nicht endgültig ankomme – das hat etwas Befreiendes.

Ramisa erlebt einen Statusverlust: ihr Hochschuldiplom ist nichts mehr wert. Die angehende Lehrerin wird zur Putzfrau degradiert. Ist diese Abwertung eine Erfahrung, die Sie auch gemacht haben?

Genau das habe ich tatsächlich auch erlebt. Mein Abi wurde hier in München nicht anerkannt. Deshalb musste ich das Studienkolleg besuchen. Abgesehen davon, dass sich der Geschichtsunterricht mehr mit der deutschen Geschichte beschäftigt hat und der Unterricht auf Deutsch war, habe ich wirklich eins zu eins das Gleiche gemacht, vier Jahre später.

Wieso haben Sie sich dann für eine weibliche Protagonistin entschieden? Geht das noch, sozusagen im Kontext von Betroffenheit, persönlicher Erfahrung und Identität?

Ich habe dadurch das Gefühl, eine gesunde Distanz zu dem zu gewinnen, was ich selbst erlebt habe. Außerdem macht es mir Spaß, als Autor in andere Figuren fast schauspielerisch hineinzuschlüpfen und aus ihrer Sicht eine Geschichte zu erzählen. Dabei habe ich allerdings keine Bedenken, dass ich das als Mann mache. Außerdem finde ich, dass die Wut, die Ramisa vorantreibt und die auch eine wesentliche Rolle in diesem Hörspiel spielt, dass die Wut einer weiblichen Figur eine ganz andere ist als einer männlichen Figur. Und ich finde, dass Ramisas Wut darüber, dass sie eine Frau ist, viel direkter und auf eine gewisse Weise zerstörerischer ist. Das hat mich auch bewegt und beschäftigt.

"Das Schneckengrabhaus" ist Ihr Hörspieldebüt. Sie arbeiten gerade intensiv an Ihrem Romandebüt und haben bisher auch viele Theatertexte und Drehbücher geschrieben. Wie war der "Sprung" zum Hörspielmanuskript?

Der Sprung entsprang der Neugier – wie funktioniert ein Hörspiel, wenn man es selbst mitgestaltet? Theater und Film bedienen mehrere Sinne. Ein Hörspiel ebenfalls. Aber anders. Die akustische Ebene wird eine Bildebene, ohne Bildstörungen. Stimmklang, Raumklang. Fokussierter auf die Wortkraft. Ein Hörspiel ist noch mehr ein Kammerspiel. Fast so stark wie das Lesen eines literarischen Textes. Fast. Dafür kann man es mit geschlossenen Augen erleben.

Wenn Sie drei Wünsche zu Ihrem Hörspiel und seiner Wirkung hätten – welche wären es?

Es sollte wütend machen. Die Wut verdünnt das Blut und hält Menschen und Tiere am Leben. Es sollte von diesem Hörspiel geträumt werden, gerne in veränderter Form: ein wogender Tintenfleck in einem Wasserglas, der eine Katze neugierig macht. Das Hörspiel sollte sich einer Vollendung entziehen, in Gedanken der Zuhörer:innen weiterleben.

Das Schneckengrabhaus

von Denijen Pauljević
Regie: Ralf Haarmann
Komposition: Irena Tomažin
Mitwirkende: Zeynep Bozbay, Johannes Herrschmann, Jelena Kuljic, Stefan Merki
BR 2022