Daniel Hornuff über die Bundeswehr "Eine ästhetische Entmilitarisierung des Militärs"

Mit populären Kampagnen auf Youtube und ihrer Webseite versucht die Bundeswehr Soldatinnen und Soldaten zu rekrutieren und ihr Image aufzupolieren. Ein Gespräch mit Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff über die neue mediale Selbstinszenierung.

Von: Knut Cordsen

Stand: 17.05.2022 12:35 Uhr

Screenshot ihrer Kampagne: Karrierekaserne | Bild: Daniel Hornuff/ https://www.karrierekaserne.de/home

"Mars macht mobil". Glücklich, wer eine Kindheit hatte, in der man Mobilmachung einzig mit einem Süßigkeitenriegel in Verbindung brachte. Jetzt herrschen andere Zeiten: Die Bundeswehr versucht mit Werbeclips das dringend nötige Personal, Soldatinnen und Soldaten, zu rekrutieren. Das scheint beim offenbar eher fragwürdigen Zustand der einst gepriesenen starken Truppe auch bitter nötig zu sein. Ein Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff über die mediale Offensive der Bundeswehr auf YouTube.

Knut Cordsen: Unter dem Rubrum "Karrierekaserne" macht die Bundeswehr seit ein paar Wochen auf YouTube Werbung dafür, sich zum Beispiel als ABC-Waffenbwehrspezialist oder als Eurofighterpilot zu bewerben. Interessant scheint mir an diesen Videoclips zu sein, dass hier Landesverteidigung und ein sicherer Arbeitsplatz in Beziehung zueinander gebracht werden. Der Tenor ist nämlich immer derselbe: "Komm zu uns. Wir garantieren dir einen festen" - man ist fast versucht zu sagen "bombensicheren" - "Job und dafür arbeitest du an der Aufrechterhaltung unserer Sicherheit, der Landessicherheit". "Profis der Sicherheit": Als solche werden ja auch die zukünftigen Soldatinnen und Soldaten angesprochen. Und dann fällt auch noch so ein Satz wie "Dein Talent macht Deutschland sicher". Das ist eine doch recht interessante Verbindung, die da aufgemacht wird, oder?

Daniel Hornuff: Das kann man durchaus sagen, gerade weil hier das Motiv der Sicherheit so stark im Zentrum steht und gleich in doppelter Weise auch ausgespielt wird: einmal die Arbeitsplatzsicherheit, zum anderen die nationale Sicherheit. Gleichwohl ist so eine Kampagne auch nicht ganz überraschend, denn sie gliedert sich doch ein in ein allgemeines Sicherheitsbedürfnis. Wenn eine Welt, ein eigenes Leben zunehmend in Krisen gerät, dann kommt so etwas wie Sicherheit als Wert wieder. Mir scheint, dass so eine Kampagne, wie sie hier von der Bundeswehr gefahren wird, genau dann diesen Wert aufgreift und als erstrebenswert und attraktiv in Szene setzt.

Es werden Männer wie Frauen gleichermaßen angesprochen und eine Stabsdienstsoldatin sagt einmal in einem dieser Werbeclips den schönen Satz: "Schießen gehen, die Märsche..., das macht schon Spaß". Gewinnt man mit derlei wirklich neue Soldatinnen und Soldaten?

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Stabsdienstsoldatin Sophia | KarriereKaserne Land | Bild: Bundeswehr Exclusive (via YouTube)

Stabsdienstsoldatin Sophia | KarriereKaserne Land

Das kann ich empirisch nicht beantworten, ob so eine Kampagne tatsächlich erfolgreich ist. Was man vielleicht aber doch sagen kann, ist, dass hier eine Ästhetik und auch eine Performanz gezeigt wird, die im Grunde genommen gar nicht militärisch aufgestellt ist, sondern die vielleicht eher pazifistisch daherkommt. Es geht um so etwas wie Lebensfreude, Erlebnisse haben, gute Gefühle bekommen, sich selbst auch zur Entfaltung bringen. Individualismus wird hier als ein Sub-Wert dieses Spitzenwertes der Sicherheit gepriesen. Und das sind doch Dinge, die zeigen, dass hier eine ästhetische Entmilitarisierung des Militärs stattfindet. Mir scheint, dass viele der Kampagnen, die in den letzten Jahren gespielt worden sind, - also wir erinnern uns etwa an Slogans wie "Gas, Wasser, Schießen" oder "Bei uns geht es ums Weiterkommen, nicht nur ums Stillstehen" - eher eine Jochen-Schweizer-artige Erlebnisdimensionen von Bundeswehr ansprechen. Wenn man sich dann aber die Bildkampagnen und Bildauftritte anschaut, sind das fast Junggesellenabschied-Ästhetiken die da gezeigt werden. Es geht um ein Lebensgefühl, das sich modern gibt, das offen ist, das überhaupt nicht gefahrvoll ist – und das eben diesen Arbeitgeber auch als erstrebenswert und attraktiv in Szene setzen soll.

Ein Smutje, also ein Schiffskoch, sagt einmal in einem dieser Werbevideos: "Die Bundeswehr bietet uns die Möglichkeit, Familie, Beruf und Kameradschaft unter einen Hut zu bringen." Das ist bemerkenswert, dass die Bundeswehr wie jeder normale Arbeitgeber heutzutage auf die Work-Life-Balance Wert legt. Obwohl im Zweifelsfall sein oder ihr Auftrag lautet: im Krieg zu kämpfen. Es wird sogar gegendert bei den 100.000fach abgerufenen "Nachgefragt"-Videos der Bundeswehr, in denen Generäle sich nicht länger an die Zuschauer, sondern ganz geschlechtsneutral an die Zuschauenden wenden. Während die Gesellschaft über schwere Waffen streitet, könnte man etwas zugespitzt sagen, gibt man sich beim Militär extrem zivilisiert. Da hat sich im Laufe der vergangenen Jahre offenkundig doch einiges gewandelt, oder?

Ganz unbedingt hat sich einiges gewandelt. Die Bundeswehr hat – wenn man so will – auch kommunikativ zur heutigen Zeit aufgeschlossen. Aber was doch auffällt, ist, dass hier eine wesentliche Dimension des Militärischen einfach nicht gezeigt wird. Wenn Sie diese "Nachgefragt"-Interviews ansprechen, dann kommen mir die vor wie Günter Netzer-Gespräche im Nachgang von irgendwelchen Fußballspielen. Also man bespricht noch mal Taktiken – Panzerformationen werden besprochen. Was ist jetzt günstig, wie baut man Vorstöße auf? Wie geraten Vorstöße in Unsicherheiten? Wie können sie ihr Interesse mit militärischen Mitteln durchsetzen? Man sitzt im warmen Studio und aus der Ferne wird das dann analysiert – was sich wiederum auch mit Inszenierungen deckt, die wir aus der Boulevardpresse im Moment kennenlernen. Auch da stehen mitunter Moderatorinnen und Moderatoren vor großen Bildwänden und analysieren einzelne Kampfszenen. Da zeigt sich für mich doch noch einmal: Das ist nicht das Militärische per se, sondern es ist es im Prinzip, wie Sie es auch noch mal skizziert und ausgeführt haben, eine zivilisierte Form der ästhetischen Dimension des Militärischen, also eine Demilitarisierung des Militärs.

Was im Zuge des russischen Kriegs gegen die Ukraine auffällt, ist der enorme Imagegewinn von Militärexperten. Der Politikwissenschaftler Carlo Masala zum Beispiel von der hiesigen Universität der Bundeswehr hat seit Beginn der Invasion Zigtausende neue Follower gewonnen, bei denen er sich auf Twitter auch pflichtschuldigst bedankt hat. Er sitzt in Talkshows genauso wie pensionierte NATO-Oberbefehlshaber, Generäle. Dann gibt es erfolgreiche Podcasts wie "Sicherheitshalber" zum Beispiel, wo Taktikfragen besprochen werden. Das Expertengespräch über Militärtaktiken ist paradoxerweise in einer weitgehend pazifizierten Gesellschaft, die den Ukraine Krieg deshalb ja wahrscheinlich auch so als verstörend erlebt, extrem beliebt.

Ich habe mir ein bisschen die Mühe gemacht, die Kommentare unter diesen Videos anzusehen – und die sind fast durchgängig begeistert und von Dankbarkeit getragen. Also offenkundig treffen diese Videos auf ein breites Interesse innerhalb der Bevölkerung. Man bedankt sich bei den Akteuren der Videos dafür, dass sie einem das Militär nahegebracht haben, einen in die Welt eingeführt haben, dass vielleicht auch Ängste, Sorgen, Vorbehalte, vielleicht sogar Ressentiments abgebaut werden. Immer wieder wird zitiert, dass vor ein paar Jahren dieser Spruch vor allem durch die sozialen Medien ging: "Wenn ich jetzt in der Bahn neben einer militärisch gekleideten Person sitze, da fühle ich mich schon unwohl…" – irgendwie in eine beklemmende Situation. Das hätte sich jetzt durch solche Videos auch aufgelöst und man hätte jetzt ein positiveres Bild der Bundeswehr bekommen. Und das verbindet sich wiederum mit weitergehenden Einsichten, vielleicht auch Hoffnungen, vielleicht auch Projektionen dahingehend, dass man sagt: "Na ja, unser Wohlstand, unser Frieden, unser Zusammenleben, unsere Werte... das ist eben nichts Selbstverständliches, sondern das ist etwas, was auch verteidigt werden muss." Und auch das spiegelt sich dann in diesen Kommentaren und Reaktionen wieder, dass man eigentlich der Bundeswehr dankbar dafür ist, dass sie vielleicht doch ein Garant sein kann, um das Leben, das wir leben wollen, leben zu können.

Das Gespräch lief in der kulturWelt, die Sie hier nachhören und abonnieren können.