Pro: Corona und Partys Feiert, aber mit Vorsicht!

Auch wenn bei diesen Corona-Zahlen es keiner hören will: Feiern ist eine menschliche Konstante – und verdammt schön. Ein Plädoyer für mehr Achtsamkeit, und warum wir sehr vorsichtig sein sollten, Partys zu verbieten.

Von: Benedikt Mahler

Stand: 15.10.2020

Gläser hängen in einer Bar | Bild: picture alliance/Russian Look

Das Fest ist ein sozialer Ort. Hier tritt spontanes und emotionales Verhalten zutage, hier entfliehen wir der Monotonie des normierten Alltags, geben uns dem Genuss hin und feiern das Leben. Der Handlungsdruck, das Planen, das Entscheiden und die Sorge um die Zukunft fallen vom Menschen ab und ermöglichen ein Aufgehen in der unmittelbaren Gegenwart. Das Feiern nimmt Druck aus dem Kessel und macht bisweilen bessere Menschen aus uns. Deswegen dürfen wir es nicht kategorisch aus unserem Alltag verbannen.

Negativbeispiel Ischgl

Kein Mensch mit Hirn und Verstand würde zum gegenwärtigen Zeitpunkt erwägen, Fußballstadien, Diskotheken und Konzerthallen wie vor Monaten zu füllen. Nichts war in der Pandemie so wirkungsvoll wie das Absagen von Großveranstaltungen. Es gibt allerdings auch keine Anhaltspunkte dafür, dass kleinere Veranstaltungen, Treffen im Freien, bestuhlte Konzerte mit großzügigen Abständen, Essen zu gehen und in kleineren Gruppen Freunde einzuladen die Verbreitung der Krankheit maßgeblich vorangetrieben hätten. Ischgl und Starkbierfeste müssen ständig als Negativbeispiele herhalten, als ob die Mehrheit der Gesellschaft unter normalen Umständen nichts Besseres im Sinn hätte, als sich jeden Tag auf einer Après-Ski-Hütte bis zum Abwinken volllaufen zu lassen. Wir haben mittlerweile sehr wohl verstanden, worauf es ankommt und was wir uns eben gerade nicht leisten können. Abstand halten, Maske tragen, draußen sein: Das sind die besten und einzigen Mittel, die wir haben.

Lieber kontrolliert draussen als unkontrolliert drinnen

Im Juli trafen sich 40 Menschen im Grafrather Wald bei München zu einem Rave, weil die Anwohner im Glockenbach sich wahrscheinlich über die Lautstärke beschwert hätten. Ein Politikum, schon vor Corona. Jetzt haben die Gestörten ein Argument mehr. Dagegen haben Clubbesitzer und Stadträte von den Grünen, DIE PARTEI und den Linken nicht-kommerzielle Freiflächen zum Feiern für Jugendliche gefordert. Die Idee dahinter: Besser die Jugendlichen treffen sich im öffentlichen Raum, der noch kontrollierbar ist, als dass sich die Raver ins Private zurückziehen. Und im Fall der 25 Jugendlichen, die am vergangenen Wochenende auf dem Münchner Schlachthofgelände Party machten, möchte man schon fast etwas kleinlaut anmerken: Nun ja, immerhin haben sie sich draußen getroffen, da muss doch jemand mitgedacht haben. Im Winter bleibt ihnen wahrscheinlich nur der ungelüftete Partykeller einer Genossenschaftssiedlung in Mittersendling. Die, die in ihren Lebensgewohnheiten momentan am stärksten eingeschränkt werden, sind die jungen Leute. Die stärksten Gefährdeten sind die Alten. Wir können die einen nicht mutwillig gefährden oder gar wegsperren, während wir den anderen nicht sagen können: Jugend findet nicht statt die nächsten zwei Jahre.

Auch Verbote wirken nur begrenzt

Das Problem an Verboten: Nicht alle halten sich daran. Ein anderes Problem ist, dass das Verbot eine Handlungsanweisung ist, die denjenigen, der sie blind befolgt, von jeder Verantwortung freispricht. Man kann verantwortungsbewusst durch die Welt gehen oder sich unhinterfragt an Verbote halten. Beides zugleich ist nicht möglich. Wir müssen in diesem Zusammenhang verstehen, was wir tun und lassen sollen. Deshalb ist eine Situation, in der keiner mehr weiß, was zu tun und was zu lassen ist, eine denkbar schlechte Voraussetzung, um eine Gesellschaft durch eine Jahrhundertkrise zu manövrieren. Es braucht wenige Regeln, dafür aber strikte. Anstatt hier politisch nachzubessern, befeuern wir aber nur gegenseitig unser schlechtes Gewissen. Das Problem ist der Exzess. In beiden Extremen.

Der Kabarettist Maxi Schafroth hat es am BR-Sonntagsstammtisch mit Markus Söder auf den Punkt gebracht: "Die Politik muss signalisieren, dass Kulturveranstaltungen, Oper, Theater und Konzerte mit den entsprechenden Vorkehrungen machbar sind. Es gibt keinen Grund, sich total in die Häuslichkeit zurückzuziehen." Das Signal, das aber gegenwärtig von der Politik ausgeht, erweckt eher den Anschein, ein zweiter Lockdown wäre uns allen eigentlich am liebsten, den können wir uns aber wirtschaftlich nicht leisten. Diese Perspektive ist zynisch, schafft Unmut und schadet dem einzigartigen zivilisatorischen Projekt, dass wir seit acht Monaten stetig weiterentwickeln – durch Gemeinsinn die Pandemie einzudämmen, was einige Monate nicht ohne Erfolg blieb. Was wir jetzt brauchen, sind nicht noch mehr Verbote, sondern mehr Bewusstsein für die eigene Verantwortung, die es uns schließlich auch wieder erlaubt, auf vernünftige Weise vernünftig zu sein.

Raus aus der Tunnelperspektive

Der Wiener Philosoph und Buchautor Robert Pfaller ist Wortschöpfer dieser dialektischen Doppelung. Mit ihrer Hilfe analysiert er ein Grundproblem des Postliberalismus. Pfaller ist der Meinung, dass der Großteil dessen, was wir unter Berufung auf die Vernunft gerne mal blind durchboxen, sich unter der Hand oft ins Gegenteil verkehrt – nämlich in die Unvernunft. Wenn wir zum Beispiel sehr besorgt sind um die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger, dann beschädigen wir deren Bürgerechte. Wenn wir uns um Kosteneffizienz und Staatsverschuldung kümmern, dann ruinieren wir ganze Volkswirtschaften. Wenn wir sehr vernünftig sind und an die Umwelt denken und Biotreibstoffe einführen, dann treiben wir die Getreidepreise in die Höhe und Millionen in den Hunger. Die Pandemie stellt dabei alle vorangegangenen Einbahnstraßen völlig in den Schatten. Mit Pfaller gesprochen: Wir müssen raus aus der Tunnelperspektive! Was wir heute zuweilen als Vernunft bezeichnen, dem wohnt etwas Eindimensionales, Exzessives und Panisches inne. Es beschädigt das, wofür es sich zu leben lohnt.

Erlauben wir uns kindliche Unvernunft!

Robert Pfaller stellt seit Jahren diese eine Frage: Wofür lohnt es sich zu leben? Und der Wert bestünde, wie so oft in der Philosophie, nicht darin, diese Frage gut zu beantworten, sondern darin, diese Frage überhaupt an sich und die Welt zu richten. Sie verhindert, dass sich teilvernünftige Prinzipien in ihrer Verabsolutierung in Unvernunft verwandeln. Einfach nur vernünftig seien etwa altkluge Kinder, die so viele vernünftige Dinge gelernt haben und so gerne erwachsen sein wollen. Das, was aber altkluge Kinder so sehr irritiert an den wirklichen Erwachsenen, ist, dass diese ihrerseits in der Lage sind, sich Momente kindlicher Unvernunft zu gönnen, sich zu verlieben, sich zu betrinken oder Zigaretten zu rauchen. Altkluge Kinder haben nicht gelernt, ihre Vernünftigkeit zu relativieren, auf vernünftige Art vernünftig zu sein. Oder anders: auf erwachsene Art erwachsen zu sein.

Sind Sozialkontakte streambar?

Was bedeutet das für unseren Umgang mit der Pandemie? Gewiss, wir könnten mehr tun. Alles deutet darauf hin, dass es zu weniger Infektionen kommt, wenn die Leute zu Hause bleiben. Und womöglich stellen wir unabhängig von Corona fest, dass durch all diese Maßnahmen ganz nebenbei der Drogenbissbrauch, Gewaltdelikte und Autounfälle zurückgehen, die Umwelt sich erholt und die Delfine nach Venedig zurückkehren. Aber ist eine Welt denkbar, in der Menschen ein eben nicht gemeinsames Bierchen als Spotify- und YouTube-Event wie ein Live-Konzert (verdammt, wie geil war das früher, als es die noch gab!) im Internet streamen? Was man vor einem Jahr eine groteske Utopie genannt hätte, ist plötzlich vorstellbar geworden. Das heißt nicht, dass es so kommen muss, nur sollten wir uns doch einig sein, dass wir das nicht wollen können. Eine solche Welt und ein Leben darin wäre so schrecklich arm.

Das schlechte Gewissen schlachten

Was wir tun sollten: das Dilemma schlachten und unser schlechtes Gewissen gleich mit. Absolute Kontrolle und Sicherheit zu gewinnen, ist utopisch. Uns bewusst in Situationen zu begeben, in denen wir uns nicht mehr kontrollieren können, ist momentan absolut unverantwortlich, wenn wir dabei Menschen um uns herum haben. Also müssen wir einen dritten Weg einschlagen. Wir müssen lernen, mit Corona zu leben und zu feiern. Vor allem dürfen wir nicht verlernen zu genießen. Es gibt keinen Grund, den Genuss zu vernachlässigen. Ein Ende der Pandemie ist nicht absehbar auch ein Impfstoff würde die Seuche vermutlich nicht schlagartig aus der Welt verschwinden lassen. Wir müssen davon ausgehen, dass das Virus uns noch einige Jahre beschäftigen wird. So wie wir uns an ein rücksichtsvolles Abstandhalten gewönnt haben, müssen wir lernen, von der Corona-geplagten Welt bisweilen einen Schritt zurückzutreten, um uns im Schatten der absoluten Systemirrelevanz hinzugeben: lange ausschlafen, für ein paar Freunde kochen, in die Sauna gehen, ein dickes Buch an nur einem Sonntag vertilgen, die beste Flasche Wein einfach so – ganz ohne Grund – zu köpfen, mit den Eltern (die nicht täglich drei Video-Konferenzen abhalten) einen ausgiebigen Spaziergang machen, ins Theater gehen, Zigarre rauchen, ins Kino gehen, in einer Bar mit einem alten Bekannten einen Drink nehmen, Konzerte besuchen und in der eigenen Wohnung die Musik laut aufdrehen, sodass alle Nachbarn wieder wissen: Hier wird noch gelebt!