Der Bildschirm als Bühne Warum die Digitalisierung der Kultur nützt

Plötzlich war sie da, die Digitalisierung. Natürlich hatte jedes Museum und jeder Konzertanbieter schon vorher eine Homepage. Aber jetzt musste die Kunst selbst plötzlich digital funktionieren. Eine Herausforderung.

Von: Martin Zeyn

Stand: 30.06.2020

Videokonferenz des Stay Sing Choirs: Die einzelnen Teilnehmer*innen sind in kleinen Kacheln auf dem Monitor zu sehen | Bild: Screenshot Youtube

Der erste Gedanke: Ran ans Archiv. Plötzlich stand vieles online, bei dem sonst extrem mühsam die Rechtefragen geklärt werden mussten. Corona änderte alles, es gab eine immense Großzügigkeit, die Menschen mit Kultur unbeschadet durch die Quarantäne zu bringen. Alte oder nicht ganz so alte Theater- oder Opern-Inszenierungen standen plötzlich online. Ebenso verzichteten einige Museen und Sammler*innen auf die Bildrechte und forderten die Crowd auf, auf Instagram die Werke zuhause nachzustellen. Tableaux vivant hieß dieser Partyspaß im Barock, aber das Nachstellen einer Szene durch lebendige Personen funktioniert auch heute ganz gut in sozialen Netzen. Menschen schminken sich, durchwühlen ihre Kleiderschränke, um "Das Mädchen mit dem Perlohrenring" oder Caravaggios "Ungläubiger Thomas" detailgetreu nachzustellen. Dann ein Foto hochladen und es mit vielen Menschen teilen.

Kulturpessimist*innen mögen darin vielleicht die ihnen so teure (und etwas muffelnde) Ehrerbietung vermissen. Aber warum sollte sich Bewunderung nicht auch im liebevollen Nachspielen zeigen – und nicht nur im kontemplativ steifen Verharren vor dem Original. Schon vor Corona hatte das MoMa in New York weite Teile seiner Sammlung zum Nachmalen, Nachspielen und ja, auch zum Veräppeln freigeben. Während der Pandemie zogen selbst Institutionen nach, die immer noch den hohen Ton von einschüchternden Ankündigungstexten und das Beweihräuchern von Großkünstlerräumen pflegen (ein Besuch in der Pinakothek der Moderne macht deutlich, dass mein Urteil eher milde ausfällt). 

Vernetzen als Volkssport

Denn es geht nicht nur darum, endlich andere, vor allem jüngere Zielgruppen zu erreichen. Auch wenn mir angst und bange wird, wenn ich das Durchschnittsalter von Museums- und Opernbesucher*innen im Kopf überschlage – 50 plus ist da eine freundliche Umschreibung. Ja, Angebote, die sich an 20- bis 30-Jährige richten, sind Mangelware. Vielleicht ändern die Lockdown-Erfahrungen etwas daran. Aber es geht schlicht und einfach auch darum, dass Kultur Spaß macht. Auffällig war das bei den zahllosen virtuellen Chortreffen. Tausende von Sängern schlossen sich zu Chören zusammen und sangen mit Wildfremden zusammen - ob nun Sting oder Bach. Eine Weltgemeinschaft der eingesperrten Kunstfreunde. Ein virtuelles Kunstfest, das uns allen zeigte: Musik, ja alle Kunst ist ein Lebensmittel, etwas was uns allen über den Tag hilft, als Trost, als Lebensinhalt, als Ausdruck von Lebensfreude. Während der Pandemie wurde Vernetzen zum Volkssport, erreichte wirklich fast alle, statt wie zuvor eine Fingerübung für Youngster und Hipster zu sein.

Allerdings wissen wir seit der frühen Interneteuphorie (ja, auch das Netz hat schon eine Geschichte, aus der wir lernen können): die reine Vernetzung führt zu keiner Ausschüttung eines weltumfassenden Heiligen Geistes. Die Schwarmintelligenz mag es vereinzelt geben, doch was es sicher gibt, ist Schwarmdummheit. Aber Vernetzen war in Zeiten, wo jede Berührung die Gefahr einer todbringenden Krankheit mit sich brachte, Vernetzen schwächte unser aller Einsamkeit ab. Und Video-Konferenzen müssen kein Notbehelf sein, sie sind eine Einladung.

Mitmachen mag an den Theatern (auch nach mindestens 50 Jahren immer wieder vergeblicher Etablierungsversuche) noch ein Fremdeln hervorrufen – in den sozialen Netzen ist es das Natürlichste der Welt. Und es wird ein Tag kommen, an dem eine Opernbühne den Gefangenenchor von hunderten Enthusiasten live in einen Saal zuspielen wird – das wird anders klingen, aber es kann genauso ein großer Opernmoment werden.  

Der Anfang vom Ende des Copyrights?

Und noch ein letztes: Ein großer Hemmschuh beim Verbreiten von Kultur ist das Copyright. Ja, Künstler*innen müssen bezahlt werden. Darüber müssen wir als Gesellschaft nachdenken – und vielleicht die dreimonatige Soforthilfe in eine lebenslange Unterstützung ausweiten – mit der Verpflichtung, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, sei es mehr Kunstunterricht an den Schulen, seien es regelmäßige Konzerte in Problembezirken, die der Kulturbetrieb immer noch übersieht beziehungsweise paternalistisch mal mit einem Sozialprojekt abspeist. Wenn die Bezahlung geklärt ist, könnte die Kunst endlich allen gehören. Das Copyright empfinden viele Künstler*innen sowieso als ein Folterinstrument – weil es die Benutzung von Material und Ideen einschränkt. Corona hat gezeigt: Die Kultur geht nicht zugrunde, wenn wir Kunst als Allgemeingut verstehen. 

Und pardon, auch wenn es die Silberrücken und die Vertreter der gebildeten Stände immer noch nicht wahrhaben wollen: Veränderung ist das Lebenselixier der Kunst. Der größte Fehler wäre, nach Corona weiterzumachen wie bisher. Der größte Gewinn der Digitalisierung ist eine offene, freiere, mutigere und wandlungsbereite Kultur.