Neuer Teil-Lockdown für die Kultur "Clubs sind keine Pandemietreiber"

Die Impfkampagne war nicht erfolgreich genug, um einen weiteren Lockdown zu verhindern. Darunter leiden jetzt in Bayern vor allem Clubbetreibende und Musikschaffende. Die sagen: Es trifft die Falschen.

Von: Lili Ruge

Stand: 24.11.2021 12:31 Uhr | Archiv

Ein Mann sitzt auf einer Art Tonne vor einer Wend mit vielen Stickern. Es ist Peter Fleming, Betrieber des Clubs "Harry Klein" in seinem geschlossenen Club. | Bild: dpa-Bildfunk/Sven Hoppe

Das erste Mal am Tresen zu stehen, als die Clubs diesen Herbst in Bayern wieder aufgemacht hatten, war ein unwirkliches Gefühl. Eine Mischung aus Nach-Hause-Kommen und Unbehagen. Wir sind so lange entweder daheim oder spazieren gewesen und haben uns dermaßen viel Spezialwissen über die Verbreitungsweisen von Viren angeeignet, dass viele von uns erst mal Schwierigkeiten hatten, die neuen Freiheiten zu genießen. Mittlerweile wissen wir, dass das komische Gefühl nicht ohne Berechtigung war. Die Inzidenzen steigen dramatisch.

Wer hat den Schwarzen Peter im Corona-Spiel?

Allein die Öffnung der Bars und Clubs für die Explosion der Infektionszahlen verantwortlich zu machen, ist sicher zu kurz gegriffen. Vermutlich haben sich einfach zu viele Menschen inklusive der Politik in der trügerischen Sicherheit gewiegt, die Pandemie sei vorbei. An der Tür ihres Clubs sei ein solches Gefühl aber sicher nicht entstanden, schreiben Peter Fleming und Peter Süß, die Betreiber des Münchner Techno-Clubs Harry Klein: "Sowohl wir als auch unsere Gäste haben die Verordnungen mitgetragen. Ja sogar befürwortet. Anfangs war die Auflage 3G. Wir entschieden uns, sofort 2G einzuführen." Auch Claudia Holler, die das Café Holler in Deggendorf betreibt, erzählt, dass ihre Gäste bei den Einlasskontrollen sehr kooperativ waren. "Wenn man die Kontrollen ernst nimmt und solidarisch in die Hand nimmt, kann man das hinkriegen. Wir haben sogar positive Kommentare bekommen dafür, dass wir die Kontrollen so ernst nehmen."

Der Lockdown trifft die Szene hart

Dass Sie jetzt unter Auflagen schließen müssen, trifft die Betreiber von Clubs und vor allem ihre Mitarbeitenden finanziell hart. Claudia Holler: "Wir haben elf Mitarbeiter, die alle auf Minijob-Basis beschäftigt sind. Und für die gibt es nur die Möglichkeit, Hartz IV zu beantragen." Sie habe jetzt Sorge, dass ihr Team auseinanderbreche. Das Harry Klein hatte Glück, dass seine Mitarbeitenden loyal waren: Auch nachdem sie sich über die 19 (!) Lockdown-Monate anderweitig Beschäftigung gesucht hatten, kamen die meisten von ihnen zurück ins Harry, als es wieder losging. Jetzt stehen sie nach gerade mal 8 Wochen abermals vor geschlossenen Clubtüren – und damit auch vor der Frage, wie sie ihren Unterhalt finanzieren können. „Herr Söder, wo sind die Hilfen für diesen Personenkreis?“, fragt das Harry Klein. Es fehlt den Clubs an Perspektive. Insbesondere auch, weil die Impfquote in der Bevölkerung nicht ausreicht, um sicherzustellen, dass dies der letzte Lockdown gewesen sein wird.

Clubs dürfen nicht stigmatisiert werden

Ebenso sehr, wie unter der neuerlichen Schließung, leiden die Clubs unter einer Stigmatisierung als Corona Hot-Spots. Laut den Daten der Luca-App sei es in Clubs vermehrt zu Corona-Ausbrüchen gekommen. Die Harry-Klein-Betreiber Fleming und Süß widersprechen dieser Darstellung: "Die Behauptung, Clubs sind Pandemietreiber, ist lächerlich. Da wir Clubs und Spielstätten zur Kontaktnachverfolgung verpflichtet waren, im Gegensatz z.B. beim Einzelhandel, mussten die Zahlen auch entsprechend sein. Vielmehr zeigen die Zahlen von Luca, dass wir Clubs ordentlich gearbeitet haben", schreiben sie. Die Rechnung ist einfach: In Clubs, wo Kontakte nachverfolgt wurden, entdeckte man Corona-Fälle. Überall dort, wo nicht getrackt wurde, wie in den gut gefüllten Geschäften der Innenstadt, entdeckt man keine. Dabei haben Clubs ja auch mitgeholfen, die Pandemie zu bekämpfen: Sie haben durch 2G-Beschränkungen Anreize für Impfungen geschaffen und durch die Kontaktverfolgung Infektionsketten brechen können, die andernfalls möglicherweise unentdeckt geblieben wären.

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Am meisten leid tue es ihr für ihre jungen Gäste, sagt Claudia Holler aus Deggendorf. Es seien Tränen geflossen, als der erneute Lockdown verkündet wurde. Sie wolle aber niemandem die Schuld dafür in die Schuhe schieben, weder der Politik noch den Ungeimpften. "Schuld ist das Virus" sagt sie. Ihre Hoffnung bleibt, dass der Lockdown sich nicht über den ganzen Winter zieht. "Drei Wochen sind okay, aber drei Monate wären tragisch."
Natürlich braucht es jetzt Maßnahmen, um das außer Kontrolle geratene Infektionsgeschehen wieder einzudämmen. Dazu müssen Kontakte reduziert werden. Mal wieder sind es die Kultureinrichtungen, die als Erste aufgefordert werden, einen Beitrag zu leisten. Hoffentlich mit dem gewünschten Effekt. Immerhin hatte man dort mittels Kontaktnachverfolgung wenigstens ein Instrument mehr in der Hand, um Infektionsketten zu brechen. Auf den Privatfeiern, die jetzt wieder stattfinden werden, wird das schwierig.