"Den Schmerz der anderen begreifen" Rassistische Blockaden in der historischen Wahrnehmung

Charlotte Wiedemann hat ein Buch über Holocaust und Weltgedächtnis geschrieben. Warum wir keine Ahnung davon haben, dass eine Millionen Afrikaner dazu beigetragen haben, Europa von den Nazis zu befreien, erzählt sie im Interview.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 25.07.2022 | Archiv

Deutsch-Suedwestafrika, Hereroaufstand 1896 | Bild: picture-alliance/dpa/akg-images

Historikerstreit, multidirektionales Erinnern, Singularität, weißes oder universales Gedenken –Stichworte aus schwierigen Debatten, in denen es um eine Art Konkurrenz des Gedenkens geht, sogar um eine Konkurrenz der Verbrechen. Die Journalistin und Publizistin Charlotte Wiedemann hat ein Buch über Holocaust und Weltgedächtnis veröffentlicht, in dem sie einen anderen Ansatz versucht: "Den Schmerz der anderen begreifen".

Judith Heitkamp: Je länger ich in Ihrem Buch gelesen habe, umso mehr dachte ich, man müsste eigentlich über jedes einzelne Wort des Titels länger reden. Man könnte zum Beispiel mit "begreifen" anfangen. Kann man Schmerz begreifen, den man zunächst einmal fühlt? Und was heißt das?

Charlotte Wiedemann: Das heißt eigentlich, dass ich den Anspruch nicht zu hoch formulieren will. Den Schmerz anderer nachzufühlen, das ist ja nur in seltenen Fällen möglich. Aber begreifen – in dem Sinne, dass man ihn als existent betrachtet und ihn respektiert und dann dem anderen zum Beispiel die Möglichkeit gibt, darüber zu sprechen – ist eine Art Grundvoraussetzung, um zu etwas wie einem solidarischen Erinnern zu kommen, auch in anderen Menschenrechtsfragen zu einem gerechteren, ausgeglichenen Herangehen. Alle Erzählungen gehören zu unserem gemeinsamen Erbe.

Dafür muss man aber auch viele Erzählungen kennen. Sie fangen Ihr Buch an mit den Soldaten aus den Kolonien, die gegen Hitler gekämpft haben. Die kommen aber in unseren deutschen, weiß-deutschen Assoziationen zum Zweiten Weltkrieg fast nie vor. Warum?

Das ist tatsächlich ein sehr interessantes Phänomen. Der ganze Zweite Weltkrieg war noch sehr stark davon geprägt, dass ein Großteil der Welt unter kolonialer Macht stand. Frankreich hat eine Million afrikanische Soldaten eingesetzt im Kampf gegen die Wehrmacht. Man kann sagen, dass Frankreich vermutlich sonst gar keine Siegermacht gewesen wäre. Die Kette der Folgen des Kolonialismus ist lang, und die großen Zusammenhänge sehen wir manchmal nicht. Dafür sind diese Kolonialsoldaten, finde ich, ein sehr schönes Beispiel.

Warum sehen wir die großen Zusammenhänge nicht?

Die deutsche Verantwortung für diesen Krieg ist unstreitig und wir sehen uns natürlich sehr stark als Deutsche in Europa. Auch die Judenvernichtung war ganz überwiegend ein europäisches Phänomen, es waren vor allem europäische Opfer. Im Prinzip haben wir die sonstige Rahmenhandlung ausgeblendet … das war die höfliche Antwort. Ich kann natürlich auch sagen, dass es in unserer Geschichtsbetrachtung immer wieder rassistische Wahrnehmungsblockaden gibt, dass wir uns nicht wirklich vorstellen können, dass eine Millionen Afrikaner dazu beigetragen haben, Europa zu befreien. Auch bei der Befreiung von Konzentrationslagern waren afroamerikanische Soldaten dabei, aber denen hat man für das Foto gesagt: Tritt mal zur Seite, Junge.

Sie erzählen im Buch von einem Foto zweier schwarzer alliierter Soldaten im Schnee, ein Foto aus dem zweiten Weltkrieg, das ihnen viel später bei einer Reise nach Mali gezeigt wurde – und das für Sie ein Aha-Erlebnis war beim Nachdenken über "das Andere" und "das Eigene". Was hat das Foto für Sie deutlich gemacht?

Das Foto war für mich ein bisschen beschämend, weil ich damals diese Geschichte noch nicht kannte und mir zugleich das Foto so gezeigt wurde mit der allergrößten Selbstverständlichkeit, dass ich natürlich diese Geschichte kenne.

So konkret wie bei diesem Beispiel geht es im Buch weiter. Sie gesellen sich so nach und nach zu verschiedenen historischen oder zeitgenössischen Perspektiven aus verschiedenen Winkeln der Welt hinzu und gucken dann von dort aus auf den Zivilisationsbruch des Holocaust. Sie fragen sich zum Beispiel an einer Stelle: Würde ich den Holocaust einzigartig nennen, wenn ich Bosnierin wäre, wenn ich Kambodschaner wäre oder wenn ich aus Tansania käme? Was ist denn Ihre Bestandsaufnahme?

Hier in dem Buch sind es oft erst einmal nur persönliche Schlussfolgerungen. Ich rege auch dazu an, dass wir uns zum Beispiel bei der Frage der Singularität des Holocausts davon wegkommen, zu sagen, es gäbe zwei Lager, und uns statt dessen einfach mal fragten: Was ist das für mich persönlich? Was bedeutet das? Ist es für mich etwas Einzigartiges und warum eigentlich? Für mich persönlich bringt dieser Begriff das Nicht-Fertigwerden mit dem Nationalsozialismus und speziell der Judenvernichtung zum Ausdruck. Aber ich möchte ihn keinesfalls als ein Dogma angewandt sehen, weil wir dann automatisch auch eine Hierarchie von Opfern haben. Die Erinnerungskultur um den Holocaust herum hat ein ganz besonderes Prestige, weil unzählige westliche Institutionen die Forschung und die Erinnerung daran seit Jahrzehnten aufrechterhalten. Welche Auswirkungen hat das im übrigen Teil der Welt? Wie gehen Afrikaner*innen damit um und welche Erinnerungskultur haben sie an eigene Genozide?

Es geht letztlich um viele Dinge, die man besser wissen oder überhaupt wissen sollte - ganz konkret um mehr Geschichtswissen, wenn ein empathisches Weltgedächtnis, so haben Sie das genannt, entstehen soll. Oder?

Ja, ich denke schon. Ich versuche im Buch, auf eine sehr erzählerische Weise, auch Wissen zu vermitteln. Ein Beispiel, was mich sehr beeindruckt hat, ist, dass wir parallel zu den Nürnberger Prozessen diese gewaltigen kolonialen Verbrechen hatten. 1947, als in Amsterdam die erste Ausgabe des Tagebuchs von Anne Frank erschien, ging die niederländische Armee mit Massenexekutionen gegen den Freiheitskampf in ihrer Kolonie Indonesien vor. Da gab es keine "Stunde Null". Da gab es nicht so etwas, dass die Welt nach diesem Großverbrechen des Holocaust erschüttert war und jetzt alles anders wird. Die Genozid-Konvention zum Beispiel wurde so formuliert, dass diese kolonialen Verbrechen gegen Zivilbevölkerung davon nicht erfasst wurden. Das führt bis heute dazu, dass es verschiedene Blicke auf den Holocaust gibt und ich denke, das sollten wir als Anregung verstehen, uns mehr mit diesen verschiedenen Blicken zu beschäftigen.

Das Gespräch wurde für die kulturWelt am 24. Juli aufgezeichnet. Den Podcast dazu können Sie hier abonnieren.

"Den Schmerz der anderen begreifen" von Charlotte Wiedemann ist im Propyläen Verlag erschienen.