Ines Geipels Recherche Wie die DDR den Kosmos unterwerfen wollte

Der Neue Mensch im All - dieses Thema löste in den 1970er Jahren in der DDR einen wahren Forschungshype aus. Um einen »Körper mit optimaler Normierung« zu kreieren, wurde in hochgeheimen Laboren geforscht. Ines Geipel recherchierte jahrelang zu diesem bislang unbekannten Erbe der DDR. Jetzt ist ihr neues Buch "Schöner Neuer Himmel. Aus dem Militärarchiv des Ostens" erschienen. Antonio Pellegrino hat mit der Autorin gesprochen.

Von: Antonio Pellegrino / Kirsten Böttcher

Stand: 23.05.2022 | Archiv

Auf diesem von der Raumfahrtagentur Roskosmos veröffentlichten Videostandbild sind die Roskosmos-Kosmonauten Oleg Artemjew und Denis Matwejew während ihres Weltraumspaziergangs auf der Internationalen Raumstation (ISS) zu sehen. | Bild: dpa-Bildfunk/Uncredited

Antonio Pellegrino: Im Weltraumprogramm der Sowjetunion sollte mit dem Neuen Menschen die Eroberung des Kosmos vorangetrieben werden. Was hat Sie veranlasst, im Freiburger Militärarchiv sich mit diesem Thema zu beschäftigen und dort zu recherchieren?

Ines Geipel: Es kam vor vier Jahren ein Mann nach einer Veranstaltung auf mich zu und erzählte mir, dass er womöglich Teil dieser Militärforschung war. Diese Geschichte kam mir nicht besonders plausibel vor, aber dem Mann ging es wirklich nicht gut, und ich dachte, ich habe mich ja viel beschäftigt, eben auch mit Sportkörpern, vielleicht finde ich einen Zugang. Und dann war es im Grunde dieser über Jahre gehende Besuch im Militärarchiv in Freiburg und ein sehr, sehr mühseliges Ausschälen, Suchen, Sortieren nach diesem Biomedizin-Programm, eingebunden in das Interkosmos-Programm der Sowjets ab Ende der 60er, Anfang 70er Jahre. Das beschreibe ich jetzt als ein dynamisches System, das sich sukzessive aufbaut und an der sich die DDR immer stärker mit Forschungen beteiligt.

Sie haben im Freiburger Militärarchiv recherchiert und auch in anderen Archiven. Aber das Gros dieser Geheimdossiers liegt in Freiburg. Gibt es dafür einen Grund dafür?

Diese Forschung war sehr lange – also bis 1985/86 - ausschließlich angebunden ans Militär. Insofern war mein erster Schritt, nach Freiburg zu gehen. Ich habe dann aber durch viel Knobelarbeit entdeckt, dass das eigentliche Forschungsmaterial heute in Adlershof liegt. Einerseits meint Körper-Forschung: Forschung an Tieren, aber dann  auch am Menschen. Und man sieht, dass diese Grenzen über die Zeit hin - und das ist natürlich auch ein Diktat der Ideologie -  immer durchlässiger werden. Da kommen wir in ungute Bereiche.

Unterwerfung der Welt und des Kosmos

Die Marschroute gab der Große Bruder, die Sowjetunion, vor. Welche DDR-Gruppierungen waren konkret an diesen verschiedenen Projekten beteiligt?

All das, was wir jetzt hier besprechen, war absolute Geheimforschung. Es war wirklich benannt durch die Staatssicherheit als sogenanntes Staatsgeheimnis. Und was zum Staatsgeheimnis gemacht wurde, wurde nach innen hin mehrfach verklappt. Man staunt, wie diese Forschungsprogramme auch abgesichert wurden, so dass natürlich eine normale Bevölkerung davon nichts mitbekommen konnte und auch nicht sollte. Diese Kosmos-Forschung ist von den Sowjets aus in der Programmatik ganz klar benannt: Man wollte einen Körper, einen nicht mehr Organ bezogenen Körper kreieren. Man wollte den Kommunismus im Weltall nicht nur ausrufen, sondern es ging wirklich auch um Unterwerfung. Man wollte den Kosmos beherrschen mit diesem neuen Körper. Da steckt natürlich wahnsinnig viel Hybris  drin. Es sind Schlüsselmetaphern auch eines totalitären Systems: diese grenzenlose Machbarkeit, der Technikglaube der 60er/70er Jahre, diese Effizienz-Manie: der Himmel wird im Grunde zum großen Willensformat. Es ging nicht nur um eine Weltrevolution des Kommunismus in dieser Zeit, sondern zur Welt sollte dann auch noch der Himmel oder der Kosmos unterworfen werden!

Kurzbio

Für ihr neues Buch "Schöner Neuer Himmel" recherchierte Ines Geipel vier Jahre lang in Verschlussakten der DDR-Militärforschung.

Ines Geipel, geboren 1960 in Dresden, ist Schriftstellerin und Professorin für Verssprache an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Die ehemalige Weltklasse-Sprinterin floh 1989 nach ihrem Germanistik-Studium aus Jena nach Westdeutschland und studierte in Darmstadt Philosophie und Soziologie. 2000 war sie Nebenklägerin im Prozess gegen die Drahtzieher des DDR-Zwangsdopings. Ihr Buch »Verlorene Spiele« (2001) hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Bundesregierung einen Entschädigungs-Fonds für DDR-Dopinggeschädigte einrichtete. Sie ist Mitbegründerin des "Archivs der unterdrückten Literatur in der DDR“ und hat zahlreiche Bücher zur Diktaturgeschichte des Ostens veröffentlicht, zuletzt den intensiv diskutierten Band „Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass“. 2011 erhielt Ines Geipel das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2020 den Lessingpreis für Kritik, im vergangenen Jahr den Marieluise-Fleißer-Preis.

Gespräch und Lesung mit Ines Geipel gibt es hier im Podcast "Lesungen".

Und im Hinblick auf dieses Forschungscluster, was so sukzessiv sichtbar wird, sieht man im Grunde, dass das immer dieselben Personen sind. In Greifswald wurden am Anfang der DDR die Militärärzte ausgebildet, dann war Bad Saarow ein zentraler geheimer Ort. Und das lag natürlich daran, dass das Labor, also das Militärlazarett, in Bad Saarow war. Dann gibt es direkte Verbindungen zur Akademie der Wissenschaften und zu Kombinaten. Da spielt natürlich die Pharmazie in Dresden eine große Rolle. Also, es gab immer diese formulierte Forderung der Sowjets, dass im Grunde die DDR ein einziges Forschungslabor werden sollte für den Kosmos. Da sieht man aber an den Unterlagen, dass es einigen Widerstand gegeben hat. So hundertprozentig ließ sich das am Ende, wenn man in die Akten schaut, nicht durchsetzen.

Dennoch wurden in der DDR geeignete Probanden für dieses Vorhaben ausgewählt: Hochleistungssportler, Frauen, Tiere, Häftlinge, Soldaten, die sollten alle mit    verschiedenen Mitteln behandelt werden und zu Hochleistungen im All trainiert werden.

Das ist korrekt. Ich habe mir große Mühe gegeben, in diesem Buch tatsächlich nur das aufzunehmen, was ich absolut belegen kann - das Buch hat fast 500 Fußnoten. Ich habe über vier Jahre in verschiedensten Archiven gesessen, und man sieht an den Unterlagen, das nicht nur sehr konzertante Vernichtungsaktionen stattgefunden haben, also nicht nur sehr viel Material vernichtet wurde, sondern dass man eben auch sehr vorsichtig war in der Beschreibung dessen, was man getan hat. Deswegen kann ich hier ein paar Türen aufmachen, ich kann Linien aufzeigen, aber ich glaube, dass es eben noch sehr viel umfassendere Forschung geben muss, damit dieser Raum tatsächlich kenntlich wird.

Codierung der Probanden

Abgesehen von den Astronauten waren die anderen betroffenen Personen, die für diese Forschungsprojekte, „benutzt“ wurden, waren die sich bewusst, was da vor sich ging und was mit ihnen geschah?

Lassen Sie mich etwas zur Logik dieser Forschung sagen: Es gab ab einem bestimmten Zeitpunkt eine sehr intensive Forschung in den "Biosputniks" (vor allem Experimente an Tieren und Pflanzen in Biosatelliten) am Himmel und gleichzeitig und immer synchron am Boden Experimente. Diese Doppelung der Forschung war das Charakteristikum dieser Forschungsmethoden. Und was ich in diesen Unterlagen ganz klar auch sehe, ist, dass man viel Wert draufgelegt hat, die Probanden zu codieren. Der Einzelne wird sich in dieser Forschung nicht wiederfinden können. Aber man kann die Gruppen spezifizieren.

Es wurde sozusagen auf der ganzen Klaviatur gespielt: Alles wurde eingesetzt, um zu erfolgreichen Ergebnissen zu kommen, sprich Anabolika, Bluttransfusionen, andere chemische Substanzen. Peptin, schreiben Sie, sei das DDR-Präparat Was wurden noch für Methoden angewandt?

Ein „komplex chemisierter Körper“ für den Kosmos

Das, was ich beschreiben kann, ist ziemlich atemberaubend. Und es ist ja auch erstaunlich, dass wir nach über 30 Jahren nach Mauerfall diesen Bereich der Forschung überhaupt noch gar nicht aufgemacht haben. Man denkt sich einen Körper aus, der hinter der Sonne möglichst noch existieren sollte! Es ging um die Erforschung und das Kreieren eines Körpers unter absoluten Extrembedingungen. Wir haben heute ein Tourismusbild, was den Kosmos angeht, von Astronauten, die über den Mond hopsen. Also, diese Diskrepanz zwischen unseren Klischeebildern im Hinblick auf den Kosmos und der Realität, nämlich der Realität eines Körpers in der Schwerelosigkeit. Dieser Körper fällt auch maximal zusammen. Die Muskeln gehen weg, das Blut geht weg, die Knochensubstanz geht weg, das Immunsystem bricht zusammen – deswegen wurde auch ganz viel Virusforschung betrieben. Ich habe einen Beleg gefunden, dass schon 1988 die DDR in Wuhan war …Also, es ist klar: ein Körper in dieser Form implodiert! Da braucht es Substitute. Es ist im Grunde ein komplex chemisierter Körper notwendig, um diese extreme Situation im Kosmos überhaupt zu überstehen. Da draußen ist die Hölle, und wir sind als Menschen Fossile, wir sind für diese Bedingungen nicht geschaffen. Deswegen sieht man auch in den Unterlagen, dass es immer stärker um diese Cyborg-Fragen, den Komplex Mensch-Maschine geht. Man überlegt sich: Wie funktioniert Fortpflanzung hinter der Sonne? Die Forschung an trächtigen Ratten zeigte zum Beispiel, dass die Mütter die Föten abstoßen, dass sie selber überleben wollen unter diesen extremen Bedingungen. Wir können also hoffen, dass das Mensch-Sein eine natürliche Grenze hat im Hinblick auf dieses Willensformat.

Kampfräume im All

Gab es auch Momente des Austauschs mit den sogenannten politischen Gegnern? Oder wurde alles sehr konfrontativ gestaltet? Mit anderen Worten: Gab es auch eine Kooperation mit dem Westen?

Spätestens ab Anfang der 80er Jahre sowohl die Amerikaner aber auch die Franzosen und die Bundesrepublik. Da gab es natürlich eine Konkurrenz und auch eine merkwürdige Win-win-Situation in der Forschung. Aus meiner Aktenlektüre betrachtet, ist das, was die Sowjets machten, die ganze Zeit eine Frage der Ideologie. Es ist die Zeit des Kalten Krieges. Man will unbedingt vor den Amerikanern aufschlagen im Kosmos. Es geht tatsächlich um Vormachtstellung. Ab einem bestimmten Zeitpunkt fehlen aber die Mittel, und man nimmt dieses Westgeld und auch die Technik des Westens gern. Da werden Allianzen gegründet. Es gab einige Wackler in den Jahren 89/90/91, als die Sowjets keine Mittel hatten, sogar nicht mal das Geld hatten, ihre Kosmonauten aus dem Himmel zurückzuholen – da blieben welche oben und verloren irreversibel Muskelmasse und ihren Körper. Das ist ab einem bestimmten Zeitpunkt auf massive Weise neu gestartet, es gibt eine regelrechte Renaissance der Kosmos-Forschung. Vor allem China aber auch Russland haben das sehr deutlich gemacht, dass sie viel vorhaben in den nächsten Jahren. Das hat mit Bodenschätzen, seltene Erden auf dem Mond zu tun. Das ist ein stark umkämpfter neuer geopolitischer Macht- und Kampfraum.

Der Kosmos als - um es altmodisch zu sagen - neuer Lebensraum. Wie erklären Sie sich, Frau Geipel, dass es bis zu ihrer Recherche dieses Kapitels Wissenschaftsgeschichte im öffentlichen Diskurs keine Rolle gespielt hat? Sie beklagen auch an einer Stelle, dass es eigentlich keine "Stunde Null" der Wissenschaft gegeben habe.

Aus dem Akten geht tatsächlich hervor, die ich so bis 1992/93 einsehen konnte, dass bestimmte Projekte, also gerade auch die Interkosmos-Forschung der Sowjets, relativ nahtlos auch was die Forschungsklientel angeht, weitergelaufen sind. Es gab  ziemlich hanebüchene Projekte, die man sich ausgedacht hatte. Ich bin da auch ein bisschen ratlos, ehrlich gesagt. Es gibt zwei Studien mittlerweile: eine zur Militärmedizinischen Akademie in Greifswald und eine zu Bad Saarow – und dort wird einfach der Vorhang zugemacht, das sei alles Forschung für den Frieden. Mit dem Buch versuche, davor zu warnen, dass eine solche Hybris-Forschung und auch Ideologieforschung immer einen hohen Preis hat, und dass es Menschen gibt, die diesen Preis zu bezahlen haben, das ist völlig aus dem Blick geraten. Mein Buch macht sehr deutlich, dass es Verträge gegeben hat mit der Akademie der Wissenschaften und dem Sport, um diese Forschung zu machen, und dass die Athleten nicht nur sozusagen zwangsgedopt worden, sondern eben auch ausgeforscht wurden, wenn sie in den Kaderkreisen waren. Also, ich glaube, da sind schon noch durch dieses Buch ein paar Dinge zu korrigieren.

Ines Geipel: Schöner Neuer Himmel. Aus dem Militärarchiv des Ostens
erschienen bei Klett-Cotta.

Das Gespräch sowie eine Lesung von und mit Ines Geipel gibt es hier im Podcast "Lesungen".