Comic-Ausstellungen 4 Tipps zum Comicfestival München

Fans, die stundenlang in Kartons nach Sammlerstücken wühlen, wird es diesmal auf dem Comicfestival München nicht geben. Wohl aber einige interessante Ausstellungen, etwa zur 60jährigen Geschichte der Marvel-Superhelden oder zur Comicszene in unserem Nachbarland Tschechien. Wir geben Tipps, was es sich anzuschauen lohnt.

Von: Martin Zeyn / Niels Beintker

Stand: 02.06.2021

Veränderte Rollenbilder in der Gesellschaft spiegeln sich auch in der Comic-Szene wider, wie die "Superheroines" von Helena Janecic zeigen | Bild: © Helena Janecic/Comicfestival München

Ein Held, dem es wenig nützt, super zu sein

November 1961. Ein grünes, gigantisches und natürlich pittoresk hässliches Monster bricht aus dem Asphalt hervor. Und macht was? Es schnappt sich gleich die einzige Frau aus dem Team. Das Cover von der ersten Ausgabe der "Fantastic Four" versprach viel: Kampf, Weltflucht und wenig zarte Bande zwischen den Geschlechtern.

Das Motiv des Ausstellungsplakats zu "60 Jahre Marvel Comics Universe" des Nürnberger Marvel-Zeichners Jonas Scharf.

Nein, feinsinnig waren Superheldencomics noch nie. Ein Meilenstein des sogenannten Silver Age der Superhelden ist dieses Heft dennoch, weil es den Grundstein für den Erfolg von Marvel legte. Auch wenn das Viererteam noch wenig von den Helden an sich hatte, die alle großen Fragen der Pubertät verhandeln mussten, obwohl sie stark waren: Selbstzweifel, Partnersuche, manchmal auch Homosexualität und Unverstandensein. Das spätere Erfolgsrezept von Marvel ist hier nur angedeutet.

Nur das Kraftpaket "Das Ding" in seiner Unbeherrschtheit und rohen Kraft erinnert an den späteren Hulk (Nebenbei: Benjamin Jacob Grimm alias "Das Ding" entstammt wie seine Schöpfer einer jüdischen Familie – und gab mit seinem Namen einen Hinweis auf die Märchen, in deren Tradition er stand). Mit Hulk schufen Jack Kirby und Stan Lee ein Urbild des gebrochenen Helden: mit seiner Menschenfeindlichkeit, seiner Paranoia und tiefen Einsamkeit. Ein Held, dem es wenig nützte, super zu sein. Und damit das Vorbild für alle verzweifelten Jugendlichen. Wie Spiderman, der zwar im Geheimen die Welt rettete, aber in der Wirklichkeit Pizza austragen muss – ach, Jugend ist eine Bürde, die schwer zu tragen ist. (Martin Zeyn)

Ein Leben für die Gerechtigkeit

Jahrzehnte haben Beate und Serge Klarsfeld Nazi-Verbrecher gejagt, um sie vor Gericht zu stellen. Unter anderem waren sie daran beteiligt, den "Schlächter von Lyon" Klaus Barbie ausfindig zu machen – den die CIA lange gedeckt hatte. Nun erzählt der Comic "Beate und Serge Klarsfeld – die Nazijäger" von ihrem Kampf um Gerechtigkeit. 

"50 Jahre auf 192 Seiten zu bringen, ist nicht einfach", sagt Pascal Bresson. Der Comic-Autor hat die Graphic Novel geschrieben. Es ist nicht seine erste Graphic Novel über historische Figuren. 2018 erschien sein Comic über Simone Veil, Auschwitz-Überlebende und später französische Gesundheitsministerin, die das Recht auf Abtreibung in Frankreich eingeführt hat.

Mit dem Buch über Serge und Beate Klarsfeld aber hat sich Bresson einen Jugendtraum erfüllt: "Die Idee zu diesem Buch hatte ich schon mit 15. Seit ich denken kann, habe ich mich für die Nachkriegsgeschichte und für die Shoa interessiert. Das war in den 70-er Jahren. Da waren Serge und Beate viel in den Medien und ich habe ihre Aktionen immer mit großer Bewunderung und Leidenschaft verfolgt."

Das Jüdische Museum München präsentiert die Graphic Novel "Beate und Serge Klarsfeld – die Nazijäger" von Pascal Bresson und Sylvain Dorange. Zusätzlich gibt es einen Künstlergespräch mit den Autoren Pascal Bresson und Sylvain Dorange am 3. Juni um 19 Uhr.

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Beate und Serge Klarsfeld: Die Nazi-Jäger Künstlergespräch mit Pascal Bresson und Sylvain Dorange | Bild: JuedischesMuseum (via YouTube)

Beate und Serge Klarsfeld: Die Nazi-Jäger Künstlergespräch mit Pascal Bresson und Sylvain Dorange

Überzeichnete Postapokalyptik

Seine Gitarre konnte Archibald Goodswoody retten, einer der beiden Brüder, um die sich die Comic-Serie "Gung Ho" dreht. Archer – die Haare schulterlang, auf dem Shirt die Worte "Sexy Beast" – sitzt auf dem Dach eines Pickups, in Richtung Nirgendwo, schlägt Akkorde an, singt vom Tod. Sein Bruder Zacharias – Zack – fährt mit dem Motorrad voraus, auf dem Sitz hinter ihm die Freundin. Sie und noch ein paar andere Menschen haben ein Inferno überlebt. (Martin Zeyn)

"Gung Ho" führt in eine verstörende Gegenwart und zu einer in der wilden Natur lebenden Gemeinschaft mit strengen Regeln. Benjamin von Eckartsberg, der Autor, spricht von einer postapokalyptischen Welt: "Jeder, der sich nicht an diese Regeln hält, gefährdet die Gemeinschaft. Es ist dadurch sehr überzeichnet – und alles, was die Figuren tun, hat dadurch eine ganz andere Fallhöhe als wenn du eine Coming-of-Age-Geschichte aus einer normalen Welt erzählst, wo es nur darum geht, ob man gute Mathe-Klausuren schreibt oder eine Lehrstelle bekommt."

Die Welt, in die die "Gung Ho"-Comics ihre Leserinnen und Leser entführen, ist grausam – nicht nur im Hinblick auf die Reisser, blutrünstige, affenartige Kreaturen mit weißem Fell und scharfen Zähnen, die die Bewohner der Siedlung überfallen. Auch die Menschen in der um ihr Überleben bemühten Gemeinschaft werden zu Wölfen ihrer selbst. Die Bilder von Thomas von Kummant – voller grafischer Tiefe – sparen nicht an heftigen Details, ihre Farbigkeit wiederum setzt oft einen hellen Kontrapunkt zur düsteren Geschichte. Ein sehr bewusst kalkuliertes Zusammenspiel zwischen Skript und Bild, sagt Thomas von Kummant: "Die Bilder in einem Comic sind eine Synthese des Narrativen und der Ästhetik. Da Benjamin durch sein Skript einen gewissen Ton vorgibt in der Geschichte, war es meine Aufgabe, erst einmal einen Zeichenstil zu finden, der genau diesen Ton auch unterstützt. Erst wenn das Narrative und die Ästhetik zusammen harmonieren, wird eine fiktive Geschichte wie unsere glaubhaft und hoffentlich auch interessant." (Niels Beintker)

Ein Eisenbahner und die tschechische Geschichte

Ich kenne nicht viele tschechische Comics, aber einer hat es mir wirklich angetan. Die tolle Graphic Novel "Alois Nebel" von Jaroslav Rudiš und Jaromír 99. Rudiš vor dem Mikrophon zu haben, ist ein Erlebnis, nicht nur wegen seines ausgesprochen schönen KuK-Deutsches, das er spricht. Der Schriftsteller ist einer der klügsten Szenaristen, die mir je im Comic begegnet sind. Er macht aus einem etwas einfältigen Eisenbahner eine spannende Figur. Und ganz nebenbei haben wir die Chance, vieles aus der Geschichte unseres kleinen Nachbarlandes zu erfahren. (Martin Zeyn)