Audre Lorde: "Sister Outsider" Feministische Anti-Rassismus-Klassikerin

Sie weiß "Vom Nutzen der Wut" – zum Beispiel im Kampf gegen Rassismus. Die Essays von Audre Lorde, der Ikone des Schwarzen Feminismus, sind jetzt endlich nach 40 Jahren auf Deutsch erschienen: "Sister Outsider".

Von: Laura Freisberg

Stand: 29.04.2021 | Archiv

Die Schriftstellerin und Feministin Audre Lorde | Bild: picture-alliance/dpa

In den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts schrieb die afroamerikanische Autorin Audre Lorde Geschichte. Damals war sie für längere Zeit in Westberlin: "Als Audre Lorde in den 80er-Jahren nach Deutschland kam hat sie Themen um Rassismus, Intersektionalität von Rassismus und Sexismus in die deutsche Frauenbewegung gebracht. Die bis zu diesem Zeitpunkt homogen weiß war. Und sie hat klargemacht: Frauen sind nicht alle gleich, sondern wir haben unsere Unterschiede und müssen als Frauen lernen, diese Unterschiede anzuerkennen." Das sagt Dr Natasha A. Kelly, eine der wichtigsten Schwarzen deutschen Wissenschaftlerinnen heute.

"Jeder hat ein bisschen Macht, auch ich"

Für die Gründung der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland war Audre Lordes Input sehr wichtig, junge Frauen wie die Spoken Word Poetin May Ayim und Katharina Oguntoye schrieben auf Anregung von Audre Lorde das Buch "Farbe bekennen", das zur Gründung der ISD führte.
Katharina Oguntoye, die damals Anfang zwanzig war, bringt die Besonderheit von Lordes Vorträgen auf den Punkt: “In diesen Lesungen und Veranstaltungen hat jeder das Gefühl gehabt, sie meint mich – wenn sie gesagt hat: jeder hat ein bisschen Macht, auch ich. Und dann ist die Frage: wen kann ich mit dem, was ich an Potential habe, erreichen.”

"Sister Outsider" versammelt die Vorträge und Essays die Audre Lorde Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre geschrieben hat. Ihr Bericht über eine Reise durch die Sowjetunion ist ein historisches Dokument, doch ihre Texte zu Rassismus und Sexismus sind ausgesprochen aktuell. Audre Lorde war nicht nur eine versierte Analytikerin der Missstände, sie war auch in der Lage, einen Weg aus dem Geflecht von Diskriminierung und Ausbeutung zu zeigen. So erklärt sie in ihrem Text "Vom Nutzen der Wut: Wie Frauen auf Rassismus reagieren" aus dem Jahr 1981.

"Jede Frau hat ein reiches Arsenal an Wut, damit kann sie gegen ebenjene individuelle und strukturelle Unterdrückung angehen, die die Wut hervorgerufen hat. Zielgerichtete Wut setzt Kraft und Energie frei, die dem Fortschritt und der Veränderung dienen."

Sister Outsider von Audre Lorde

Wut setzt Kraft und Energie frei

Doch bei aller berechtigten Wut - das wichtigste Element in Audre Lordes feministischer Arbeit ist das Verbindende – so erklärt sie weißen Feministinnen: "Ich kann meine Wut nicht verstecken, bloß um euch Schuldgefühle, Verletzungen oder eure eigenen, wütenden Gegenreaktionen zu ersparen." Audre Lorde geht es darum, strukturellen Rassismus und Sexismus zu überwinden. Sie spricht hier das Problem der "white fragility" an - also das Abwehrverhalten von weißen Menschen, wenn sie mit ihrem eigenen verinnerlichten Rassismus konfrontiert werden. 

Wegbereiterin des intersektionellen Feminismus

Die Verbundenheit trotz aller Unterschiede kann ein großer Gewinn sein, vor allem unter Frauen. Damit verkörpert Audre Lorde einen intersektionellen Feminismus, bevor der Begriff durch die afroamerikanische Juristin Dr. Kimberle Crenshaw einige Jahre später eine größere Bekanntheit bekommt. Beispielhaft dafür, wie das Gemeinsame trotz der Unterschiede gesucht werden kann, ist ein offener Brief, den Audre Lorde 1979 an die weiße Radikal-Feministin Mary Daly geschrieben hat und der auch in der Essay-Sammlung enthalten ist. Es geht in diesem Brief um Dalys Analyse von Mythen, patriarchalen Strukturen und unterdrückerischen Traditionen, wie der weiblichen Gentialverstümmelung: "Zu Beginn meiner Lektüre von Gyn/Ökologie war ich wirklich begeistert, von der Vision hinter deinen Worten (…) warum aber habe ich mich gefragt (…) sind ihre Göttinnen Bilder ausschließlich weiß, westeuropäisch und christlich-jüdisch? Wo sind die kämpferischen Göttinnen des Voodoo, die Amazonen von Dahomey und die Kriegerinnen der Dan? (…) Die Geschichte nicht-weißer Frauen dient in diesem Konstrukt nur der Ausschmückung oder muss als Beispiel für weibliche Viktimisierung herhalten."

Schwarze Lesbe Feministin Mutter Poetin Kriegerin

Lordes Brief ist ein ausgezeichnetes Beispiel für differenzierte Kritik, die das Gegenüber auf strukturellen Rassismus aufmerksam macht, ohne die Person gleich als Rassist*in zu verdammen. Audre Lorde bezeichnete sich selbst als "Schwarze Lesbe Feministin Mutter Poetin Kriegerin und Aktivistin". Diese Vielseitigkeit spiegelt sich natürlich auch in ihren Essays wieder. So schreibt sie zum Beispiel über Lyrik als sprachliche Brücke – mit gesellschaftlicher Sprengkraft: 

"Wir können lernen, unsere Empfindungen zu respektieren und in Sprache zu überführen, damit sie geteilt werden können. Und wo diese Sprache noch nicht existiert, hilft uns das Dichten, sie zu gestalten. Dichtung ist die Grundlage für eine andere Zukunft und eine Brücke über unsere Angst vor dem Unbekannten."

Sister Outsider von Audre Lorde

Audre Lordes Werk, das es als Ganzes wiederzuentdecken gilt, ist unglaublich vielseitig, vor allem ihre Fähigkeit, emotionale Intelligenz mit politisch-gesellschaftlichen Wissen zu verbinden, sticht hervor. Wie gut, dass ihre Essays nach so langer Zeit endlich eine würdige Übersetzung bekommen haben. 

"Sister Outsider" von Audre Lorde ist übersetzt von Marion Kraft und Eva Bonné bei Hanser erschienen.

Den Beitrag von Laura Freisberg hören Sie im Diwan Büchermagazin – oder hier im Podcast.

Ein Gespräch mit der Lorde-Übersetzerin Marion Kraft über die Aktualität von "Sister Outsider" können Sie hier im Kulturjournal nachhören.