ArtClub So verschmelzen in Augsburg die Kunst- und Club-Szene

“Kunst passt überall rein", meint der Wiener Künstler Roland Rauschmeier. Besonders dort, wo man sie eher nicht erwartet: in Clubs. Und das stimmt wirklich, wie jetzt in ArtClub Augsburg zu erfahren ist.

Von: Doris Bimmer

Stand: 08.07.2021 12:05 Uhr

Videoarbeit von Roland Bachmeier / Ulu Braun
| Bild: Doris Bimmer

“Kunst passt überall rein. Und gerade in Diskotheken oder auch hier passt das gut rein, weil es eine eigene Textur hat. Da kann man was reinbauen, das ist superspannend. Ich finde den White Cube langweilig. Das ist viel besser hier. Es ist belebt, hat ein Eigenleben und da kann man was dazustellen." Roland Rauschmeier legt beim Aufbau seiner Arbeiten letzte Hand an. Er ist eigens aus Wien angereist, um sie im Augsburger Club Hallo Werner zu präsentieren, darunter einige Gemälde und eine auf einem Teller sich drehende Installation: “Das sind Boxen und Verpackungen von Gegenständen, die ich gekauft hab, in letzter Zeit, die hab ich mit Gips überzogen und bemalt. Wenn man zum Beispiel zum Juwelier geht oder ins Autohaus, da werden Waren ja auch oft auf Drehtellern präsentiert. Außerdem sind wir hier beim DJ-Pult. Da dachte ich mir, das ist passend, es so zu präsentieren."

Museum wird Partytempel und umgekehrt

Mit der Veranstaltung ArtClub werden bis Samstag drei Augsburger Clubs zur Galerie und im Gegenzug ein Museum zum Musik- und Partytempel. Sebastian Lübeck kuratiert die Schau unter seinem Label "Contemporallye" im Hallo Werner – und findet es deutlich reizvoller, dort, wo die Farbe von den Wänden blättert, im Clubkeller nämlich, auszustellen, als in einer nüchternen Museumshalle:  Das Hallo Werner sei jetzt "ein bisschen abgelebt, es hat Geschichte", da passe es für seine Kunst, sagt Roland Rauschmeier. "Es ist hier leichter als im weißen Raum.“  

Sebastian Giussani

Rauschmeier hat seine Arbeiten rund um das DJ-Pult aufgebaut, gemeinsam mit Ulu Braun zeichnet er außerdem verantwortlich für einige Videoinstallationen. Was der dritte Künstler im Hallo Werner, Sebastian Giussani, beitragen wird, weiß selbst Kurator Sebastian Lübeck nicht. Nur, dass Giussani seinen Beitrag im Schaufenster des Clubs zeigen wird – und sich auf spannende Begegnungen freut: "Also was der ArtClub schaffen kann, ist, dass Leute auf Kunst stoßen, die es sonst nicht tun würden. Das finde ich sehr wichtig, das ist auch für mich immer ein sehr schöner Moment, wenn jemand kommt, wo ich weiß, der oder die hat eigentlich gar keinen Zugang und ist jetzt irgendwie berührt auf eine Art und Weise. Das ist das Schönste, was passieren kann mit Kunst. Abgesehen davon, wenn jemand kommt und sagt, ich kauf das für 10.000 Euro." 

DJs im Augsburger Zentrum für Gegenwartskunst

Der ArtClub lebt vom Rollentausch. Davon, dass Künstlerinnen und Künstler aller Gattungen über ihren Tellerrand hinausschauen. Und davon, dass das Publikum bereit ist, ihnen zu folgen. Während also bildende Künstler Clubs bespielen – bauen sechs DJs ihre Pulte im H2, dem Augsburger Zentrum für Gegenwartskunst auf. Der Versuch, Musik und Kultur enger zu vernetzen, Brücken vom einen zum anderen Genre zu schlagen, ist in Augsburg nicht neu – aber ausbaufähig, sagt Organisator Jürgen Kannler von a3kultur:  "Wir haben in Augsburg grad ne tolle Sache mit Markus Mehr laufen. Der Typ war vor ein paar Jahren noch Gitarrist, dann DJ, dann hat er einen Club betreut und jetzt ist er im Museum. Das heißt, diese Dinge, die gehen eigentlich viel leichter und einfacher zusammen, als man so meint. Aber man muss ein Verständnis dafür entwickeln. Und das funktioniert eben … ja, man muss sich kennenlernen."  

Immer wieder gab es Anläufe in diese Richtung. Auch Thomas Elsen, der für die Stadt unter anderem das Zentrum für Gegenwartskunst betreut, kommt darauf zu sprechen: Er erzählt von einer Ausstellung, die 1985 in Stuttgart lief unter dem Titel: Vom Klang der Bilder – die Musik in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Es blieb aber bei einzelnen Projekten wie diesen: "Auf der einen Seite hat es einen Unterbau, auf der anderen Seite geht jede Generation aus der eigenen Zeit heraus da ran und entwickelt ganz neue Sachen."  

Performative Akte der DJs und Debatten

Jetzt startet der ArtClub den Versuch, möglichst dauerhaft eine stetige Verbindung, eine gewisse Durchlässigkeit zwischen den Genres zu schaffen – es soll keine Eintagsfliege bleiben, Nachahmer sind erwünscht. Dem Publikum will man zeigen: Hey, wir sind gar nicht so abgehoben oder so schräg, wie ihr vielleicht denkt. Jürgen Kannler über die DJ-Sets im Zentrum für Gegenwartskunst: "Die spielen da drin ja keinen Club, die tun ja nicht so, als wenn das ein Club-Event wäre. Sondern sie sind ein performativer Akt, der gleichberechtigt mit den anderen Arbeiten der momentan laufenden Blue-Planet-Ausstellung, die übrigens super ist, zu sehen ist. Und das war interessant, als wir alle an einen Tisch bzw. Halle gebracht haben, Museumsleute, Clubleute, Kuratoren, wie begeistert die alle von der Arbeit der anderen sind.  

Ergänzt wird das DJ- und Ausstellungsprogram durch Diskussionsrunden zu Themen wie "Kunst und Geld", "Kunst und Politik" oder "Wer braucht Clubkultur?". Für Thomas Elsen ist es ein Experiment, um herauszufinden, ob er jungen Leuten, die sonst eher nicht ins Museum gehen, Lust auf das Reinschnuppern machen kann. Für den Konzept- und Performance-Künstler Roland Rauschmeier gibt es ohnehin kein wir hier und die da drüben: "Das muss man zusammendenken. Ich bin dagegen, das immer zu separieren. Das ist Hochkunst oder Hochmusik oder E-Musik. Ich finde, Kunst bleibt Kunst und die soll man zeigen und sich damit umgeben."  

Und wenn die Kunst durch gute Musik ergänzt wird – was will man mehr?! Der ArtClub sucht den Austausch und versucht, Netzwerke und neue Verbindungen zu schaffen – davon können doch letztlich alle nur profitieren.  

Der ArtClub in Augsburg läuft von Donnerstag 8.7. bis Samstag 10.7.
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