Mahnmal So gedenkt München der Bücherverbrennung

Es hat lange gedauert. Endlich wird in München mit einem Mahnmal an die Bücherverbrennung im Mai 1933 erinnert. Der US-amerikanische Künstler Arnold Dreyblatt hat für den Königsplatz eine Spirale aus Wörtern entworfen.

Von: Niels Beintker

Stand: 05.05.2021 | Archiv

Die schematische Visualisierung der Spirale = Siegerentwurf Arnold Dreyblatt im Wettbewerb für ein Mahnmal zur Bücherverbrennung am Münchner Königsplatz | Bild: Arnold Dreyblatt

Heute (6. Mai) wird am Münchner Königsplatz das Mahnmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung eingeweiht: eine große runde Scheibe aus hellem Beton und mit einem Durchmesse von acht Metern, in den Boden vor der Antikensammlung eingelassen. Darauf, in einer langen Spirale, Buchstaben, aneinandergereiht, Buchtitel der Autorinnen und Autoren, deren Namen auf der berüchtigten Liste des Berliner Bibliothekars Wolfgang Herrmann – auf der "schwarzen Liste“ – verzeichnet waren. Penibel hatte er die Namen derjenigen verzeichnet, die keinen Platz mehr haben sollten in den Bibliotheken im Land. Arnold Dreyblatt hat seinem Kunstwerk den Titel „Die schwarze Liste“ gegeben. Ein Gespräch über den Entwurf und die Möglichkeiten der Erinnerung.

Niels Beintker: Sie haben Buchtitel gesammelt, von insgesamt 310 Autorinnen und Autoren – alle verzeichnet auf der "schwarzen Liste". Aus diesen Titeln wird ein langes Wort, die Spirale aus Buchstaben, eingelassen in den hellen Beton. Wie kam es zu diesem Blick auf die Geschichte der Bücherverbrennung?

Arnold Dreyblatt: Vielleicht erst einmal das Formale: 2016 war der Wettbewerb ausgeschrieben. Dafür gab es bestimmte Bedingungen. Erst einmal räumlich: Das Mahnmal sollte dort platziert werden, wo die Bücherverbrennung angeblich stattfand. Ebenso ist dieser Platz einer der wichtigsten öffentlichen in München. Historisch, aber auch, weil dort viele Veranstaltungen stattfinden, besonders im Sommer. Deswegen war es der erste Wunsch, dass man das Denkmal entweder abmontieren kann oder dass es flach liegt. Das war eine erste Herausforderung. Zweitens war es wichtig, dass diese Arbeit auch architektonisch in diesen historischen Platz hineinpasst. Dass man es bemerkt, aber dass es auch vom Design her integriert ist. Ich habe eine textuelle Antwort entworfen, weil ich den vergangenen 30 Jahren sehr viel mit Texten, Archiven und Erinnerungskunst gearbeitet habe. Im Zuge meiner Forschungen beschäftigte ich mich mit der Geschichte der Bücherverbrennung in vielen Städten in Deutschland.

Sie haben den Bibliothekar Wolfgang Hermann erwähnt. Normalerweise haben die Archivare und Bibliothekare die Aufgabe, Schriftgut wie Bücher oder Akten zu bewahren.  Hier merkt man, wie pervers es ist, dass ein Bibliothekar eine solche Liste zusammengestellt. Wir wissen nicht, welche Bücher wirklich an diesem Platz verbrannt worden sind. Aber die Liste ist die einzige, die für uns bleibt. So habe ich mich entschieden, die letzten Bücher der Autorinnen und Autoren vor und im Jahr 1933 auszuwählen. Dann fängt man an, mit dieser Liste in Textprogrammen zu spielen. Es gibt nur wenige historische Fotografien. Es gibt nur die Kolumne aus Rauch und Feuer. So entstand die Form der Spirale. Es ist etwas, was nie still bleibt. Und es entsteht ein ganz neuer Text. Das fand ich entscheidend.

Die Spirale aus Buchstaben und Worten symbolisiert den Rauch. Die große runde Platte zu ebener Erde zeigt so auch auch die Zerstörung einer so großen und besonderen Kultur. Und sie erinnert gleichzeitig auch an die Asche-Stelle, die übrig geblieben ist nach einem Feuer. Noch einmal zu Spirale, zur fortlaufenden Aneinanderreihung der Buchttitel, ohne Punkt und Komma. Was kann uns dieses Textgebilde ermöglichen?

Erst einmal: Weil so viele fragmentarische Abschnitte dargestellt sind, kann man nicht alles lesen.

Man soll es auch nicht.

Vielleicht macht man das selten, aber es wird einem schwindlig dabei. Aber so ist es auch interaktiv. Das ist auch sehr wichtig. Man schaut die Platte an, man stößt auf eine bestimmte Phrase. Vielleicht ist sie eine Kombination von zwei Titeln. Man muss mitmachen und überlegen, was ist das für ein Text? Natürlich gibt es eine Informationsschild, das erklärt, warum das Mahnmal da ist. Aber es ist interaktiv, in dem Sinn das die Lesbarkeit eine Rolle spielt. Wie setzt man einen Text zusammen? Wo fängt er an? Durch die Kombination der Wortschätze entstehen neue Texte, die vielleicht auch einen poetischen Zusammenhang hervorheben.

Meine Intention ist die: Die Bücher, die verloren sind, leben vielleicht noch. Der Entwurf bezieht sich auf die Verbrennungsaktion, auf die Asche, wie Sie sagten. Aber die Bücher sind noch da. Sie stehen in den Bibliotheken und werden wieder gelesen. Hier gibt es die Möglichkeit, diese Aussagen in der Luft, in der Helligkeit, an einem sehr prominenten Platz wieder zu finden, ein Publikum für sie zu finden.  Es geht nicht nur um was Negatives. Es gibt für diese Gesellschaft etwas Zelebrierendes: Dass wir das geschafft haben, dass wir das [Red: diese Bücher] noch lesen können.

Das Denkmal ist zu ebener Erde eingelassen. Sie haben schon erzählt, dass das mit den Ausschreibungsbedingungen zusammenhängt. Gleichzeitig können wir diese Platte auch betreten. Wünschen Sie sich das?

Unbedingt. Das ist auch sehr wichtig. Sonst kann man nur die Buchstaben und Originaltitel am Außenrand und in der Nähe lesen. Vielleicht wird es Hemmungen geben, darüber zu gehen. Aber es ist, glaube ich, sehr wichtig, dass man darauf steht. Man ist hier an dem Punkt, wo es passiert ist. Und man fängt an, wieder neu zu lesen.

Sie sind Medienkünstler und Komponist. In New York geboren leben Sie seit den 80er Jahren in Berlin. In ihrem künstlerischen Werk beschäftigen Sie sich immer wieder mit dem Thema Erinnerung. Für die Gedenkstätte Ravensbrück haben Sie unter anderem ein Kalendarium entworfen: eine Text-Projektion mit den Zahlen von Gefangenen. Für die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen entstand die Arbeit „Das Dossier“ – eine Reihe von Texttafeln mit Erinnerungen von Häftlingen und ebenso mit Aussagen von den Stasi-Bewachern. Was fasziniert Sie an der künstlerischen Auseinandersetzung mit Texten?


In diesen Texten entstehen für mich neue Zusammenhänge. Vielleicht geht das zurück zu einer meiner ersten Arbeiten, in der ich mich mit der Erinnerung und der Zerstörung der europäischen Kultur beschäftigt habe: "Who’s who in Central & East Europe in 1933“. Damit habe ich in den späten 80er Jahren angefangen und über mehrere Jahre Installationen, Performances-Projekte realisiert. Kern der Arbeit war die Erfindung eines biographischen Lexikons. Ich habe mich in dieses Buch hineingeworfen und versucht, die unendlichen Texte und Biographien miteinander zu verbinden.

Zwischen dem Text als Bild und dem Text als Inhalt gibt es – so habe ich es verstanden – eine interessante Grenze. Der Text ist entweder ein Bild. Oder man fängt an zu lesen. Über die Jahre hinweg hat mich dieser Moment interessiert. Das sieht man auch in dieser Arbeit [Red.: das Mahnmal für München]: Man hat ein Muster und man sieht eine Fülle von Texten. Man ist vielleicht überwältig. Aber egal wo man guckt, man kann Informationen bekommen. Das ist der Punkt, der mich seit Anfang der 80er Jahre fasziniert. Was mir wichtig ist: Ich verstehe das als ein großes Projekt mit verschiedenen Instanzen. Das sind individuelle Arbeiten aus unterschiedlichen Situationen – dabei auch ein Auftragswerk oder eine Arbeit in einem Museum oder hier im öffentlichen Raum. Aber sie sind Teil eines großen Untersuchungsprojektes, seit 30 Jahren.

Ihre Kunst ermöglicht uns Blicke auf die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts – und damit auf das große Thema der Erinnerung. Der Text ist untrennbar mit der Erinnerung verbunden. Sie leben seit den 80er Jahren in Berlin und haben somit auch die vielen Diskussionen um die Erinnerung an den Nationalsozialismus erlebt, den Historiker-Streit, die Debatte um die Thesen von Daniel Goldhagen über Hitlers willige Vollstrecker, die um die Wehrmachtsausstellung. Heute stellen Angehörige einer zu Teilen rechtsextremen Partei die Erinnerungskultur in Deutschland in Frage, es gibt so viele hässliche und hasserfüllte Satze, etwa auch über das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Wie erleben Sie unsere Gegenwart?

Das ist eine große Frage. Erst einmal muss ich sagen, ich komme aus einer jüdischen Familie, die auch betroffen war von der Shoah in Osteuropa, auch in Wien. Ich finde es wichtig, dass wir als Gesellschaft – und ich sage wir, nicht nur die Deutschen oder die Juden – alle mit der Vergangenheit beschäftigt sind. In den individuellen Biographien gibt es Schwierigkeiten, man sagt, was man gerne vergessen möchte, in Bezug auf die Familie etc. Genauso geht es in der kollektiven Gesellschaft. Bei mir geht es um die Aufgabe, neue Wege zu finden, wie man diese Geschichte antastet. Aber es geht alles um die Zukunft.

Man weiß von Leuten, die ihre Erinnerung verloren haben, was für eine Schwierigkeit mit der Identität es gibt. Heute sind wir alle, so glaube ich, mit mehreren Identitäten unterwegs. Das ist ein großer Unterschied zum Leben der Menschen vor hundert oder tausend Jahren. Das muss man akzeptieren und damit umgehen. Als Amerikaner kann ich sagen: Wir kamen ganz nah zu einer furchtbaren Situation, in den USA. Wir wissen nicht, ob wir hundertprozentig durchgekommen sind. Der Blick in die Welt zeigt, wie fragil das alles ist, wie schnell das auch weggehen kann. Das ist die Lehre: Dass wir alle aktiv sein müssen, dass wir wählen müssen. Es gibt keine gerade Linie. Es geht Zick-Zack. Und das ist nicht einfach.