Antisemitismus Die Debatte um Worte ist notwendig

Antisemitismus zeigt sich in Deutschland offen wie lange nicht. Zugleich wird ausführlich darüber debattiert, ob "Globalisten" ein antisemitischer Code ist. Müssen wir genauer hinhören, in welchem Kontext bestimmte Worte fallen? Und welche Rolle spielen versteckte Anspielungen, also das "Dog Whistling"?

Von: Beate Meierfrankenfeld

Stand: 19.05.2021

Ein israelisches Fähnchen steht vor der Synagoge in Bonn | Bild: dpa-Bildfunk/Oliver Berg

Die Hundepfeife ist ein raffiniertes Instrument: Ihr Ton nutzt eine Frequenz, die nur jene Ohren hören, die ihn hören sollen. Die Hunde eben. Für die ist er Befehl, dieser Ton: Apportieren, bei Fuß!, Platz. Alle anderen aber, die Nicht-Hunde unter ihnen jedenfalls, spazieren ungestört weiter und genießen die Sonne. Für den Nachmittag im Stadtpark ist das ein schönes Bild friedlicher Koexistenz. Wo die Hundepfeife aber zum Modell für gesellschaftliche Debatten wird, ist es mit dem Frieden vorbei, auch wenn das nicht gleich zu spüren ist.

Verschlüsselte Signale

"Dog Whistle Politics", damit ist der Gebrauch von Codes, Chiffren und Wörtern gemeint, die an die eigenen Anhänger eine deutliche Botschaft senden, dem unbedarften Publikum aber gar nicht auffallen. Dann redet man zum Beispiel von der "großen schweigenden Mehrheit", wie Donald Trump es von Richard Nixon gelernt hat, und adressiert damit diejenigen, die sich in eine Vergangenheit unangefochtener weißer Vorherrschaft zurücksehnen. Man sagt, wie die Neue Rechte "Kultur", wo man Ethnie meint und früher "Rasse" gesagt hätte. Oder man sendet ein antisemitisches Signal, indem man von "Globalisten" spricht – was eben auch für das alte Stereotyp der Juden steht, die vermeintlich weltweit vernetzt und nirgendwo verwurzelt sind.

An diesem Begriff hat sich eine Antisemitismus-Debatte verhakt, die am 9. Mai zwischen Luisa Neubauer und Armin Laschet in der Talkshow von Anne Will begann. Neubauer hatte über den CDU-Kandidaten von Südthüringen, Hans-Georg Maaßen gesagt, er verbreite antisemitische Inhalte, Laschet wies das zurück. Die Belege, die er forderte, lieferten Neubauer und andere im Detail erst nach der Sendung, und darin kamen eben verschiedene "Dog Whistles" wie "Globalisten" oder "Great Reset" vor – die Vorstellung, eine internationale Elite plane die Errichtung einer neuen Weltordnung.

Was ist "echter Antisemitismus"?

Aber muss man wirklich solche Diskussionen führen, während in Reaktion auf den eskalierenden Nahost-Konflikt jüdische Einrichtungen in Deutschland brachial bedroht und Juden in aller Öffentlichkeit in Sprechchören verunglimpft werden, die hochfrequenten Töne also für alle und ganz unmissverständlich zu hören sind? Während Antisemitismus nicht verklausuliert, sondern sehr manifest auftritt? Ja, man muss. Die Szenen vor den Synagogen in Bonn, Münster oder Gelsenkirchen sind verstörend und vor allem für die Betroffenen höchst bedrohlich, aber sie sind auch klar zu markieren. Anders das durch Dog Whistles betriebene Aushöhlen öffentlicher Kommunikation, das letztlich die Demokratie selbst gefährdet. Und, das sollte man nicht vergessen, Menschenleben kosten kann, indem es ideologische Munition für antisemitische oder rassistische Morde wie jene von Halle oder Hanau liefert. Die Manifeste der Täter waren voller Chiffren radikaler Welterklärung, die das "Dog Whistling" verbreitet.

Es hilft nichts, man muss auf die Meta-Ebene gehen, um darüber zu debattieren, wie debattiert und wie gesprochen wird. Das ist hier wie anderswo kein Ausweichmanöver und auch kein modisches Hobby linksakademischer Eliten, die sonst keine Probleme haben – als sei Sprache irreal oder unbedeutend gegenüber den harten Fakten. Armin Laschet sagte im Nachklapp zum Streit mit Luisa Neubauer in der Sendung ProSieben Spezial zu Beginn dieser Woche, für den Antisemitismus-Vorwurf gegen Herrn Maaßen müsse man "gerade in diesen Tagen, wo wir echten Antisemitismus erleben", andere als "linguistische" Belege bringen.

Die Codes lesen lernen

Damit ist er allerdings, ob er will oder nicht, mittendrin im "Dog Whistle"-Spiel: In der Rolle des arglosen Passanten, der partout nichts gehört haben und es auch gar nicht wissen will. In diesem Fall ist das auch deshalb wenig überzeugend, weil die Rede vom "Globalismus" einigermaßen unstrittig als rechtsextremer und antisemitischer Topos gilt. Selbst die Konrad-Adenauer-Stiftung – nicht gerade als linksgeneigter Sprachpolitik-Thinktank bekannt – verhandelt das Thema genau in diesem Sinne bündig unter dem Titel "Gefahren erkennen, Demokratie stärken". Dass Codes und Chiffren keine offenen Drohungen sind wie der "manifeste" verbale Antisemitismus auf der Straße und im Netz, macht sie nicht ungefährlich. Im Gegenteil: Man muss sie erst zu lesen lernen. "Decoding Antisemitism" ist ein groß angelegtes Projekt des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, und die Bildungsstätte Anne Frank bringt Jugendlichen das Dekodieren über Games nahe.

Aber ist wirklich jeder, der mal einen problematischen Begriff benutzt, "innerlich ein Antisemit", wie Laschet es etwas leutselig bei ProSieben formulierte? Oder – denn die Frage ist übertragbar auf verwandte Felder – ein Rassist oder Sexist? Nein. Aber darauf kommt es, so seltsam das klingen mag, auch nicht so sehr an. Genau das ist eine Pointe des linguistic turns in vielen laufenden Debatten. Denn Worte sind eben nicht einfach Schlüssel zum "Inneren" oder auch nur zum "eigentlich Gemeinten". "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache", stellte Ludwig Wittgenstein fest. Was auch heißt: in der Kommunikation mit anderen, dem, was Wittgenstein das "Sprachspiel" nennt. Oder: in einem sozialen, politischen, sprachlichen Kontext.

Sprache zeigt: Der Kontext ist alles

Kontexte wiederum, das liegt in der Natur der Sache, kann man nicht einfach selbst definieren. Es geht also, auch wenn es in vielen Sprachdiskussionen gelegentlich danach aussehen mag, nicht darum, einzelne Worte zu tabuisieren, sondern Kontexte zu verstehen, in denen sie auf bestimmte Weise gebraucht werden. Dass "Globalisten" auch im Titel eines seriösen Suhrkamp-Buches über Neoliberalismus vorkommt, ist folglich kein gutes Argument für die Unschuld des Begriffs in anderen Kontexten.

Und noch etwas wird in der "linguistischen" Betrachtung der Sache sichtbar: Im Zeitalter sozialer Medien gibt es eine fast magische Möglichkeit, sich in Kontexte zu begeben und doch irgendwie nicht richtig drin zu sein. Sie funktioniert nach dem Sprachspiel des Zitierens. Dann teilt man etwas mit dem Gestus: "Seht euch das mal an", "Es gibt ja auch Experten, die das ganz anders sehen" oder vielleicht auch einfach "Sachen gibt’s!". Die harmlosere Variante der Querdenker-Skepsis ist in diesem Sinne verbissen zitathaft – und will es nie gewesen sein, aber doch mal gesagt haben.

Etwas sagen, ohne es zu sagen: Darin scheint das Zitat der "Dog Whistle"-Logik verwandt. Tatsächlich besteht aber ein wichtiger Unterschied: Wer zitiert, muss das deutlich kenntlich machen, wer Hundepfeifenpolitik machen will, hat das umgekehrt gründlich zu verschleiern. Was die Sache umso gefährlicher macht. Zu sagen, bei all dem gehe es doch "nur um Worte", verkennt deren Wirklichkeit. Wahlen werden auch mit Worten gewonnen, und "echter Antisemitismus" beginnt nicht erst dort, wo jemand versucht, sich durch die Tür einer Synagoge den Weg ins Innere freizuschießen.