Ahmad Mansour über "Solidarisch sein!" "Ohne Empathie gibt’s keine Demokratie"

Der Psychologe Ahmad Mansour betreut seit Jahren Extremisten und organisiert Präventionsprojekte an Schulen und in Gefängnissen. Seine Erfahrungen und Erkenntnisse hat er nun in "Solidarisch sein!" aufgeschrieben. Ein Gespräch über echte Solidarität, den richtigen Umgang mit Rassismus und Empathie in unserer Gesellschaft.

Von: Joana Ortmann

Stand: 23.10.2020 | Archiv

Ahmad Mansour  | Bild: Heike Steinweg

Joana Ortmann: Was meinen Sie denn genau, wenn Sie von Solidarität sprechen – das ist ja ein verbreiteter, teilweise recht abgenutzter Begriff?

Ahmad Mansour: Ich kann Ihnen sagen, was ich mit Solidarität nicht meine. Ich meine mit Solidarität nicht, dass wir zwei, drei Tage um die Opfer von Terroranschlägen trauern, um danach wieder in unsere heile Welt zurück zu kehren und die Opfer und ihre Familien im Stich zu lassen. Wenn wir zum Umgang mit solchen extremistischen Strömungen nicht nachhaltige Konzepte anbieten, dann sind wir nicht solidarisch. Ich glaube, dass wir in der ersten Phase von Corona großartige Solidarität gezeigt haben. Wir waren füreinander da. Wir haben an die Schwachen und die Älteren gedacht. Wir haben unser Leben dermaßen eingeschränkt – dass war einmalig. Und man hat gemerkt, wie viel Motivation und Potential vor allem junge Menschen haben, und das sollten wir uns nicht nur für Corona erhalten, sondern für viele andere Situationen auch. Einige zeigen sich gegen rechts solidarisch, vergessen aber, dass islamistischer Terror unter uns existiert und der Islamismus nicht verschwunden ist. Andere interessieren sich nur für den Islamismus, weil sie sich dadurch in ihrem Weltbild bestätigt fühlen, vergessen aber, dass wir rechtsradikalen oder linksradikalen Terror haben. Das ist nicht meine Vorstellung von Solidarität, sondern Solidarität bedeutet, Demokrat zu sein und zu wissen, dass jegliche Form von Extremismus uns als Gesellschaft alle betrifft.

Und diese Erkenntnis und die Möglichkeit, so genau zu unterscheiden, fehlt den Schülern, die Sie betreuen?

Das ist sehr unterschiedlich, das ist keine homogene Gruppe. Ich habe Menschen getroffen, die sehr in ihrer Opferhaltung verharrt sind. Das kann ich auch gut verstehen, wenn man einen Tag nach Hanau morgens früh in eine Klasse kommt, in der alle ängstlich, überfordert und vielleicht auch wütend waren. Da muss ich dann mit dieser Klasse arbeiten. Aber ich habe das Gefühl, in manchen Communities oder Klassen habe ich Schüler getroffen, die wenig in der Lage waren, Empathie gegenüber Andersdenkenden zu zeigen.

Und vielleicht auch den Raum nicht bekommen haben, Empathie zu entwickeln?

Das ist meine These im Buch. Wenn wir eine solidarische Gesellschaft haben wollen, wenn sich unsere Kinder glücklich entwickeln sollen, dann müssen wir auch die Entwicklung von Empathie betrachten. Empathie hat abgenommen in den letzten Jahren, und zwar in allen Schichten unserer Gesellschaft. Das hat viel zu tun mit der Art und Weise, wie wir kommunizieren, mit sozialen Medien, mit den Schwerpunkten, die Eltern für ihre Kinder vorsehen, mit dem Leistungsdruck, den wir haben. Aber ohne Empathie gibt’s keine Demokratie. Ohne Empathie können wir gegen Extremismus kaum etwas tun. Und vor allem: Ohne Empathie haben wir vielleicht Leistungsträger, aber die sind nicht teamfähig. Wenn wir den Eltern das beibringen und den Erziehern die Zeit und die Möglichkeit geben, das zu beachten und vielleicht auch Empathie-Entwicklung zu fördern, dann haben wir eine bessere Gesellschaft für die Generation von heute. Wenn wir das nicht tun, erzeugen wir weitere Spaltungen und weitere narzisstische Einzelpersonen, die nur an sich denken und sich nicht in der Gemeinschaft bewegen.

Wie stark hatten Sie bei Ihren Besuchen in den Klassen in den letzten Monaten den Eindruck, dass Rassismus und Verletzlichkeit zusammenhängen?

Auch das ist sehr, sehr unterschiedlich. Viele Menschen in Deutschland erleben Rassismus. Rassismus ist keine Einbahnstraße. Dehalb habe ich im Buch auch die Geschichte von Stephanie erzählt, ein deutsches Mädchen ohne Migrationshintergrund in einer Schule, in der fast alle Migrationshintergrund haben. Sie hat es nicht leicht und wird aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert und in Schubladen gesteckt. Ich habe aber auch die Geschichten von Flüchtlingen erzählt, um zu zeigen, wie viel Rassismus wir eigentlich in dieser Gesellschaft haben. Und das zeigt, wie komplex das Thema ist, und ich finde es sehr schade, dass die politische Diskussion dazu in den letzten Monaten sehr schwarz-weiß geführt wurde – und vor allem der Realität nicht entspricht.

Wie waren Ihrer Wahrnehmung nach die Lehrer diesem Thema gegenüber aufgestellt?

Ich bin nicht derjenige, der sagt, die Schule und die Lehrer müssen alles geradebiegen, was in unserer Gesellschaft schiefläuft. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Aber wir brauchen endlich eine Bildungsreform, wir brauchen eine ganz andere Ausbildung für Lehrer, damit genau solche Themen, die mittlerweile sehr wichtig und zentral sind, Beachtung finden. Ich denke hier an Medienkompetenz, an Wertevermittlung, an Debattier- Fähigkeiten, daran, aushalten zu können, dass andere Menschen andere Meinungen haben. Das ist genau das, was wir in Frankreich gerade auf eine sehr barbarische Art und Weise erlebt haben. Und wissen Sie, ich orientiere mich nicht an großen Ereignissen, die immer wieder passieren und in den Medien sind und dann wieder verschwinden. Ich bin jemand, der tagtäglich in Schulen unterwegs ist, und es gibt schon eine gewisse Atmosphäre der Einschüchterung an bestimmten Schulen. Es gibt schon diese radikal islamistischen SchülerInnen, die manchmal auch mit Rassismusvorwürfen die Lehrer einschüchtern und sprachlos machen. Da, wo es Rassismus gibt, müssen wir ihn bekämpfen. Da, wo es um eine Atmosphäre der Einschüchterung geht, müssen wir die LehrerInnen in ihrem pädagogischen Handeln stärken.

Wie schwierig das werden kann, zeigt der Fall der Dresdner Messerattacke: Tatverdächtig ist ein 20-jähriger Syrer, ein offenbar gewaltbereiter Islamist, der sich in der Jugendstrafanstalt weiter radikalisiert hat. Ein exemplarischer Fall?

Na ja, ich arbeite im Gefängnis und sehe da einen riesigen Nachholbedarf. Gefängnisse sind Orte, an denen Menschen in einer Krise sind, auf der Suche nach Orientierung und Halt. Und wir wissen ja nicht nur aus Dresden, sondern auch von vielen Anschlägen in Frankreich, Belgien und der Schweiz, dass Gefängnisse Orte der Radikalisierung geworden sind. Orte, an denen Menschen angesprochen, missioniert und angeworben werden. Deshalb müssen wir da enorm viel in Präventionsarbeit investieren. Es wundert mich nicht, dass wir dieses Potenzial auch in Deutschland haben. Es war nie weg. Da gibt es Versuche, Menschen anzuwerben. Da ist die Anfälligkeit bei Jugendlichen, sich einer Ideologie anzuschließen, die patriarchalisch und autoritär ist. Und ich frage mich: Warum waren wir nicht in der Lage, das zu sehen? Warum müssen wir unsere Debatten immer eindimensional führen? Warum können wir nicht Rechtsextremismus und Islamismus in gleichem Maße betrachten, analysieren, aber vor allem Lösungen anbieten? Wir können nicht erst damit anfangen, wenn jemand radikal wird, sondern wir brauchen einen Impfstoff für uns alle, damit die neue Generation Mündigkeit und kritisches Denken besitzt und immun gegen solche radikalen Tendenzen ist. Und das ist die größte Arbeit. Die müssten wir schon gestern angefangen haben, online wie offline, bei der Arbeit, mit den Eltern, in Jugendzentren, bei außerschulische Aktivitäten. Ohne dieses gesamtgesellschaftliche Konzept werden wir den Kampf gegen Extremismus leider nicht gewinnen.