Julia Zejn "Andere Umstände" Dieser Comic zeigt, wie es sich anfühlt, ungewollt schwanger zu sein

Der Paragraph 219a, der Ärzt*innen verbietet, über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren, wird abgeschafft. "Andere Umstände" zeigt, was eine ungewollte Schwangerschaft für die Betroffenen bedeutet.

Von: Niels Beintker

Stand: 24.06.2022

Julia Zejns Comic über die Entscheidung abzutreiben | Bild: Avant Verlag/ Julia Julia Zejn

Zwei blassrote Streifen, der Test – positiv. Anja ist schwanger. Und kann sich, so ist schon auf den ersten Bildern von Julia Zejns Comic zu spüren, nicht wirklich freuen. Viel Grau ist dabei, ebenso Schwarz – und das liegt nicht in erster Linie an der Nacht, draußen vor dem Badezimmer-Fenster. Es dauert, ehe man lesend die Gründe für diese Reaktion erfährt. Anja Finke, nach dem Abschluss ihres Soziologie-Studiums wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut, will zum jetzigen Zeitpunkt kein Kind. Ihr Partner Olli, Techno-DJ und Tagträumer, ist nicht der Mensch, mit dem sie eine Familie gründen will. So steht die Frau vor einer schweren Entscheidung.

Einfach eine junge Frau, die kein Kind bekommen möchte

"Anja ist nicht mehr 16, sie ist nicht drogensüchtig, es gibt keine medizinische Indikation und kein Gewaltverbrechen. Sondern es ist einfach eine junge Frau, die kein Kind bekommen möchte, zu diesem Zeitpunkt in ihrem Leben. Und das war mir auch wichtig", betont Autorin und Zeichnerin Julia Zejn. "Eine Entscheidung, die von der Gesellschaft vielleicht nicht so akzeptiert ist, trotzdem nachvollziehbar zu machen". Julia Zejn nimmt sich viel Zeit für Anjas Geschichte. Ihre Graphic Novel "Andere Umstände" begleitet die junge Frau – schmal, lange dunkle Haare, gerne mit dem Rad unterwegs – über mehrere Jahre. Da feiert sie den Master, dort verliebt sie sich in Olli, da schließlich ziehen die beiden zusammen – und müssen doch erleben, wie sie sich innerlich mehr und mehr voneinander entfremden. Julia Zejn erzählt das alles in Bildern, die sie ausschließlich mit Blei- und Buntstiften gezeichnet hat. Das wirkt einerseits zart, andererseits ist es – immer wieder auch skizzenhaft wirkend – ein Sinnbild für die mehr als fragile Situation, in der sich Anja schließlich befindet.

Diese Technik habe sich so ergeben, sei nicht vorsätzlich gewesen, sagt Zejn. "Aber es passt irgendwie doch. Vielleicht, weil die Geschichten, die ich erzähle, unaufdringlich sind – Alltagsgeschichten. Und dann passt auch ein eher zurückhaltender Stil dazu". Nach 130 Seiten wiederholt sich die Eröffnungs-Sequenz des Comic-Buches: der Test im Badezimmer. Zwei Streifen, Anja ist ungewollt schwanger. Sie verkriecht sich unter der Bettdecke, durchweint die Nacht – ihr Freund Olli, nichts wissend von all dem, legt derweil Platten auf. Was wird sie tun? Sie entscheidet sich für eine Beratung über einen möglichen Schwangerschaftsabbruch.

"Andere Umstände" nimmt die Perspektive der Frauen ein

Julia Zejn

Julia Zejn thematisiert einfühlsam all die Fragen, die ihre Protagonistin dabei beschäftigen. Darunter auch die: Kann ich mich gegen ein Kind entscheiden, wenn etwa ein Kollege am Institut und seine Frau einen unerfüllten Kinderwunsch haben? "Mir ist auf jeden Fall wichtig, dass man ein bisschen Raum für Gedanken lässt und die Geschichte in einem langsamen Tempo erzählt. Ich würde nicht jeden Gedanken, den Anja hat, ausformulieren, sondern auch versuchen, das über die Bildatmosphäre zu erzählen."

Julia Zejn hat im Rahmen der Arbeit an ihrem Comic-Buch mit etlichen Frauen zwischen Mitte 20 und Mitte 30 gesprochen, die – ungewollt schwanger – mit der schwierigen Frage einer Abtreibung konfrontiert waren. Anjas Geschichte ist damit aus all den anderen Geschichten entstanden. Und es geht der Leipziger Zeichnerin um genau diese Perspektive(n). "Andere Umstände" erzählt nicht über diese schwangeren Frauen. Sondern was es in ihren Augen heißt. Der Comic dreht sich zudem um den Kontext einer ungewollten Schwangerschaft. Die Lebensumstände, die Zweifel mit Blick auf eine wirklich gemeinsame Verantwortung beider Partner für ein Kind – und auch die Selbstbestimmung einer Frau.

Akzeptanz gegenüber Betroffenen

"Ich würde mir wünschen, dass da eine gewisse Akzeptanz ist gegenüber Betroffenen. Und dass es nicht verurteilt wird. Ich habe in der Recherche viel in Foren geguckt, wo dann eben sehr viel Schuldgefühle erzeugt wurden und den Betroffenen viel Feindlichkeit entgegengebracht wurde. Ich finde, das ist eine Entscheidung, die man ganz alleine treffen muss – und die Gründe in einem selbst liegen und nicht von außen beurteilt werden sollten", sagt Julia Zejn. Und erzählt, ohne zu werten. Sie folgt Anja mit ihren Bildern, leise, unaufdringlich, sensibel.

Julia Zejns Comic "Andere Umstände" ist im Berliner Avant-Verlag erschienen.