Humorfestival Bernried "Humor ist für die Demokratie so wichtig"

Corona und Humor – geht das zusammen. Ja, sagt Axel Hacke, weil Humor "viel mit der Überwindung von schweren Dingen" zu tun hat. Und Eckart von Hirschhausen sieht in Humorlosigkeit ein gefährliches gesellschaftliches Symptom. Beide gehören zu den Unterstützern für die Schaffung eines "Forum Humors" in München. Und das präsentiert zusammen mit dem Buchheim Museum bis zum 26.9. das "Humorfestival Bernried".

Von: Flora Roenneberg

Stand: 11.06.2021 | Archiv

Eckart von Hirschhausen live auf der Bühne in Regensburg 2019 | Bild: Jens Niering/picture alliance

"Humor ist Notwehr, Notwehr gegen die Sachen, wo man nichts dagegen machen kann. Das ist das Sterben, der Tod, CSU, der FC Bayern, Trump, und so weiter. Und wenn man drüber lacht, ist es nicht mehr ganz so schlimm", sagt der Musiker und Kabarettist Christoph Well. Humor ist, wenn man trotzdem lacht – das schrieb schon der Schriftsteller Otto Julius Bierbaum vor über hundert Jahren. Trotzdem? Trotz was? Trotz Unglück, Gefahr und Angst, trotz Pandemie? Trotz – Krise? Humor in der Krise. Eine Überlebensstrategie?

Früher übernahm der Hofnarr die Aufgabe, den Herrscher zum Lachen zu bringen, auf dass er weise handeln möge. Heute übernehmen andere diese Aufgabe, auf der Bühne und auf dem Bildschirm. Nicht für den Herrscher – für uns alle. Zur Unterhaltung und zum Nachdenken. Doch in Zeiten der Krise blieben die Bühnen leer, die Theater geschlossen. Wo ist der Humor geblieben?

"Humor ist ja nichts, was sich an der Oberfläche bewegt, sondern das geht eigentlich in die Tiefe. Humor hat ja viel mit der Überwindung des Schweren im Leben zu tun. Also es hat immer seine Basis eigentlich in den schlimmen Dingen des Lebens."

 Axel Hacke

Schon in der Antike hatte der Humor es schwer. Platon forderte dazu auf, nicht übermäßig zu lachen, Freude zurück zu halten und eine edle Haltung zu bewahren, um der Vernunft nicht im Wege zu stehen. In seiner Schrift vom idealen Staat sprach er sich sogar für ein ausdrückliches Lachverbot aus. Sein Schüler Aristoteles, so sagt man, verschlampte dann später auch noch die Unterlagen zur Struktur der Komödie, und ließ es deshalb bei der Tragödie bewenden. Und das, obwohl das Lachen von jeher als Mittel gegen die Sorgen und Nöte des Alltags gilt, wie der Kulturwissenschaftler und Lach-Forscher Prof. Rainer Stollmann erklärt: "Im Moment des Lachens hat niemand Angst. Es ist das älteste und natürlichste Mittel gegen Angst. Philosophen sagen zum Beispiel über das Lachen: Lachen geschieht, wenn eine Angst vergeht."

Dem Christentum war nicht nach Lachen

Lachen, mehrere heftige Atemstöße, Anregung des Herzkreislaufsystems, Steigerung des Blutdrucks, Luft schießt mit bis zu 100 Studentenkilometern durch die Lunge, den Rachen, den Mund. Vom Gesicht bis zum Bauch sind fast 300 verschiedene Muskeln am Lachen beteiligt. Lachen wirkt nicht nur gegen die Angst, es macht auch Angst. Denn Lachen bedeutet Kontrollverlust. Lachen ist gefährlich. Rainer Stollmann: "Man muss sagen, dass insbesondere das Christentum eine Lachfeindschaft entwickelt hat. Der Mönch darf nicht lachen. Und der war ein Vorbild für die christliche Gesellschaft. Jesus hat im Neuen Testament nicht gelacht. Es gibt kein einziges Beispiel dafür, das Jesus mal humorvoll war. Das hat dazu geführt, dass die Scholastik das Lachen als eine Eigenschaft des Teufels interpretierte. Also, der Kampf der Kirche gegen das Lachen, den können Sie sich gar nicht schlimmer vorstellen, als er tatsächlich gewesen ist."

Eine Weltgeschichte der Humoristen

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Und das, obwohl es heißt: Lachen ist gesund. Das war auch die Maxime der Aufklärer aller Zeiten, angefangen von Hippokrates, der das 400 vor Christus als erster behauptete, bis hin zu Kant im 18. Jahrhundert, von den Buddhisten wollen wir erst gar nicht anfangen. Ihnen folgten unzählige Humoristen, von Molière über Oscar Wilde bis hin zu Wilhelm Busch, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Karl Valentin und Liesl Karlstadt. Im Film setzten später Charlie Chaplin, Buster Keaton, Jacques Tati dem Humor ein Denkmal. In der Nachkriegszeit, in den fetten Jahren, entstand dann zaghaft das Wirtschaftswunder-Kabarett: Lore Lorentz, "das Kommödchen", Werner Finck, Heinz Erhard. Im Fokus das immer wieder bewährte Objekt: der Spießbürger, eine tragische Figur, die später auch Loriot und Hildebrandt aufs Korn nahmen. Hier schließt sich wieder der Kreis des Humors, denn die Tragödie ist die Wurzel der Komödie. 

Doch welchen Raum hat Humor heute, in Zeiten der Krise? Luise Kinseher: "Also erstens einmal glaube ich, dass es gar nicht genug Räume für Humor geben kann. Also, dass man dem Humor einen Raum einräumt, wo er quasi humorfrei Humor sein darf. Ich würde mal sagen, also wenn der Humor einen Raum braucht, dann wird es Zeit, dass er ihn auch bekommt."

Kinseher unterstützt das Bestreben, einen neuen Raum für Humor zu schaffen. Deshalb hatten Gerhard Polt und Freunde vor drei Jahren die Initiative "Forum Humor und komische Kunst" ins Leben gerufen, um ihnen in München eine Heimat zu geben. Ein Haus für komische Kunst soll in der alten Viehbank im Schlachthofviertel entstehen. Mit dabei ist auch der Kabarettist und Arzt Eckard von Hirschhausen mit seiner Stiftung "Humor hilft heilen": "Für alles Mögliche gibt es ein Museum in Deutschland. Sogar für Bestattungskultur in Kassel. Und deswegen finde ich ist es höchste Zeit für ein Forum für den guten Humor. Mitten in München gibt es dafür einen tollen Platz, tolle Konzepte, und deswegen unterstütze ich das von Anfang an."

Ein fester Platz für den Humor

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Reinhard Wittmann, der ehemalige Leiter des Literaturhauses in München, hat das Konzept mit entwickelt und setzt sich seither für die Umsetzung ein. Es soll ein Ort für Ausstellungen, eine Humorakademie, Workshops, Ateliers, Krankenhaus-Clowns, Cartoons und eine Bühne sein. Bis es soweit ist, bietet das "Festival des Humors" diesen Sommer in Bernried am Starnberger See ein buntes Programm. Doch ein Raum für Humor in München hat es schwer. Es ist ein Auf und Ab mit Politik, Stadt und Staat. Wann das Vorhaben umgesetzt werden wird, dazu äußert sich der Münchner Kulturreferent, Anton Biebl, nur sehr verklausuliert: "Im Lichte der aktuellen Haushaltskonsolidierung geht es jetzt in erster Linie um die Sicherung der Kulturlandschaft Münchens. Und in diesem Zusammenhang muss sich das Forum des Humors auch einordnen.

Leider zieht sich das alles mal wieder wahnsinnig in die Länge, wie das in Deutschland eben so ist. Gibt’s alle möglichen Bedenken da, beklagt Axel Hacke: "Aber dieses Facettenreiche, das dort gezeigt werden soll. Es ist nicht nur Humor, der ja nicht nur Schenkelklopfen und brüllendes Lachen bedeutet, sondern dass es ganz verschiedene Seiten gibt. Dass es einen leisen Humor gibt, einen politischen Humor, dass ein Humor nicht nur ein Witz ist, sondern eine ganze Lebenshaltung. Das fände ich gut, wenn das da zum Ausdruck käme."

"Das soll lebendig sein, da sollen Leute reden können, da soll ein Schriftsteller erzählen können, wie er auf bestimmte Sätze kommt, warum er eine Komödie schreibt und keine Tragödie."

Gerhard Polt

Kein Ort für Humor in diesen Zeiten? Und das, obwohl gerade der so nötig wäre. Denn was Humor in der Krise mit uns macht, erklärt die Leiterin des Deutschen Instituts für Humor in Leipzig, Eva Ullmann: "Und jetzt sind gerade alle in so einer schwierigen Situation. Das heißt Humor ermöglicht uns Distanz. Wir lachen über was, wir können einen Schritt zurückgehen, und das befreit uns, es macht es leichter, es lässt uns das besser durchhalten. Die andere große Chance, die Humor schnell herstellen kann, ist Nähe."

Corona-Tango

Gemeinsames Lachen erzeugt Nähe und macht Mut. Schon Werner Finck meinte einst: "Wer lachen kann, dort wo er hätte heulen können, bekommt wieder Lust am Leben". Auch Axel Hacke ist überzeugt: "Alles Traurige hat immer auch eine witzige Seite. Und wenn man die witzige Seite mal ein bisschen hervorkehrt. Das dieses Distanzhalten, zu dem wir ja anfangs gezwungen waren, und was wir ja auch erst einmal lernen mussten - wenn man das mal genau beobachtet hat auf der Straße, wie die Menschen sich da geradezu in so tanzenden Bewegungen ausgewichen sind. Wie auf den Bürgersteigen ja geradezu eine Art Tango stattfand, wo man sich plötzlich zur Fassade drehte, um den Atem des Anderen nicht zu haben - das hatte was ungeheuer Komisches ja auch."

Die Kabarettisten "Faltsch Wagoni" stehen seit 40 Jahre als Paar gemeinsam auf der Bühne. Mit Musik, Wortspielen und Poesie: "Humor setzt so ein gewisses Maß an Selbstironie voraus und die hat nicht jeder. Ironie ist sowieso ein schwieriges Thema, für manche etwas völlig Fremdes, und Selbstironie schon gleich gar nicht mehr. Und da haben wir natürlich auch gerade in der Krise jetzt Situationen erlebt, wo sowas von humorlos debattiert wurde, oder demonstriert wurde. Da war also Humor absolut abwesend, würde ich mal sagen."

Der Humor bleibt oft auf der Strecke und die Spaltung der Gesellschaft wird gerade in Krisenzeiten immer deutlicher. Luise Kinseher meint dazu: "Also Ironie wird noch schwieriger lesbar. Also wenn man jetzt mal an diese Schauspieleraktion denkt. Wo man ja auch mit Recht sagen kann, muss das denn jetzt sein? Oder ist das nicht zweifelhaft, im Kontext mit den Querdenkern, die halt so schief nach rechts hängen? Dass der Begriff Quer auch nicht mehr stimmt, weil Querdenker ja eigentlich immer in eine andere Richtung denken. Aber in dem Fall hängt es halt eben so schief nach rechts, und das macht es dann so schwer. Und da fehlt der Humor völlig. Also der ist uns da komplett abhandengekommen. Also da stelle ich dann ja schon fest, und das ist ja dann auch immer das Problem: Da, wo man verletzlich ist, da versteht man so schlecht einen Witz."

Dass Humor und Angst nah beieinanderliegen, zeigt sich in Zeiten der Pandemie besonders deutlich, erklärt Lach-Forscher Stollmann: "Wir nehmen wahr, dass ein gewisser Teil der Bevölkerung die Angst direkt in Aggression umsetzt statt in Humor, und das sind unsere Querdenker. Also das ist ein Angstprodukt, diese ganze Querdenkerbewegung."

Der Kasperl und die Verschwörer

 Eckart von Hirschhausen mit Globus: Der Moderatoor, Buchautor und Mediziner sorgt sich  wegen des Klimawandels | Bild: dpa-Bildfunk/Julian Engels zum Artikel Klimakatastrophe Warum Eckart von Hirschhausen Klima-Aktivist wurde

Die Energiewende ist entscheidend für unsere Gesundheit: Eckart von Hirschhausen im Gespräch über sein Buch "Mensch Erde!" und seine neue Klima- und Gesundheitsschutz-Stiftung. [mehr]

Im Kasperl-Theater steht das Krokodil für die Gefahr, für die Angst. Bei den Doctor Döblingers warnt es das Publikum schon am Anfang der Aufführung, vor den dauerhaften Veränderungen der Gehirnstrukturen, die durch das Kasperl-Theater verursacht werden. Die Verschwörungserzählungen sind hier bereits Teil des Stückes geworden. Josef Parzefall von der Puppenspielgruppe erzählt von der Bedeutung des Humors in der Krise: "Zum Beispiel die Spaltung, die man ja doch in der Gesellschaft wahrnehmen muss. Wird dann leichter, also hinnehmbar. Man trifft immer wieder mal Leute, die auf unterschiedlichen Seiten stehen."

Diese Spaltung gefährdet unsere Demokratie, glaubt Eckard von Hirschhausen: "Gesellschaftlich ist Humorlosigkeit auch ein sehr ernstes Zeichen, jede Form von Ideologie, von Fanatismus, von überhaupt -Ismus ist sofort erkennbar an ihrer absoluten Humorlosigkeit. Das sieht man an jeder Form von Impfgegnerschaft, Klima-Leugnertum, von radikalen Veganern, Islamisten, was auch immer. Auch natürlich jede andere Form von Religion, da macht keine Religion eine bessere Figur. Es ist immer so, dass wenn man nicht über etwas lachen kann, das ein Zeichen dafür ist, dass man von seiner Position wahnsinnig überzeugt ist. Und kurioserweise psychologisch ist man das gar nicht. Man würde ja nie festhalten an etwas, wenn man wirklich daran glauben würde. Und Humor ist deswegen für die Demokratie so wichtig!"

Diktatoren, die Luft rauslassen

Ähnlich sieht das Axel Hacke: "Also, wenn sie mal Diktatoren anschauen - Putin oder Lukaschenko -, das sind ja Menschen, die haben offensichtlich keinerlei Humor. Also die verstehen jeden Witz ein Angriff. Trump ist ja ein komplett humorloser Mensch! Also, der weiß überhaupt nicht, was das ist. Mit solch einem Narzissmus kann man keinen Humor haben, weil das eigene Ego auf der einen Seite so aufgeblasen ist, auf der anderen Seite so verletzlich. Dass jeder Witz darüber schon ist, wie als ob man in einen Luftballon reinsticht, und dem wird komplett die Luft abgelassen."

Hirschhausen ergänzt: "Warum hatten alle diktatorischen Regime bis heute Angst vor Humor? Weil so wie in dem Märchen von des 'Kaisers neue Kleider‘ plötzlich jemand nackt dasteht, wenn man sich über ihn lustig macht – und das zu Recht. Humor sollte also, als Waffe auch, immer in die Richtung nach oben, Richtung falsche Autoritäten, verwendet und genutzt werden. Und nicht im Sinne von Ironie, Sarkasmus und Bashing, und all den fiesen Formen, die auch in den sozialen Medien verwendet werden, als Diffamierungs-Instrument anderen gegenüber."

Humor kann vieles bewirken - als Instrument, als Waffe, aber auch als Brücke. Daran glaubt Luise Kinseher: "Dass halt in Krisenzeiten die Menschen so angestrengt sind, und auch so auf sich konzentriert sind, dass eine humorvolle Umgehensweise mit der Sache manchmal einfach schwierig ist. Oder schwierig werden kann. Weil die Gesellschaft da einfach in manchen Sachen so auseinandergedriftet ist. Da bedarf es sehr viel Einfühlungsvermögen und Intelligenz oder auch Geist, und auch viel Liebe für den Menschen, damit der Humor auch das schafft, was er ja eigentlich auch ganz gut kann. Durchs Lachen auch wieder die Leute vereinen, oder dass man dann über sich selber lachen kann und sagt, komm – wir gehören doch eigentlich alle zusammen. Also lasst uns doch wieder Brücken schlagen. Wo der Humor in den Zeiten der Krise geblieben ist, ob er endlich in München ein Zuhause bekommt, und wo er eigentlich steckt, ist immer noch nicht klar. Aber eins steht für Hirschhausen fest: "Wir müssen Humor ernst nehmen – so komisch das klingt!"