Verteidigung einer Unperson Sind Verräter ein Treibstoff der Demokratie?

Verräter haben den schlechtesten Ruf - und sie sind gerade total im Trend: Sie sind die perfekten Sündenböcke. Gleichzeitig zeigt sich, in der speziellen Ausprägung des Whistleblowers ist er unverzichtbar für die Demokratie.

Von: Michael Reitz

Stand: 14.05.2020

Edward Snowden | Bild: pircture alliance/Kyodo

War Brutus ein kaltblütiger Killer, oder jemand, der mit Caesars Ermordung die römische Republik retten wollte? Ist der Whistleblower Ed Snowden ein medienversessener Spinner und Landesverräter oder ein Held der Demokratie? Ist der Begriff "Verräter" heute überhaupt noch aktuell, gehört er nicht längst auf den Müllhaufen der Geschichte? Oder ist es wichtiger denn je, über Verrat zu reden, in Zeiten, in denen selbst unsere Politiker oft nicht wissen, was ihre Geheimdienste veranstalten?

"Verrat ist eine Frage des Datums", schrieb Charles-Maurice de Talleyrand. Er wusste, wovon er sprach. Ähnlich wie sein Kollege Joseph Fouché hatte er in den Wirren der französischen Revolution sowie der napoleonischen Ära mehrmals die Seiten gewechselt und dauernd ehemalige Weggenossen denunziert. Talleyrand und Fouché, zwei Priester ohne Glauben, deren Bekenntnis in der Tarnung bestand, in der Verwandlung nach Bedarf. Beide wurden damit im 19. Jahrhundert zu ersten Prototypen einer Karrieristen-Kaste, wie sie auch im 20. Jahrhundert zur Geltung kam. So hatten nach Gründung der Bundesrepublik viele ehemalige Gestapo-Beamte kein Problem damit, ihren Amtseid auf den Führer zu vergessen und Beamte des Bundeskriminalamtes zu werden. Der moderne Ausdruck für die Methode eines Joseph Fouché ist das Morphing, seine Standarte die Wetterfahne.

Loyal? Nur auf Zeit!

Für den Berliner Philosophen Dieter Thomä ist Fouché eine moderne Figur: "Das heißt, der verrät dann eigentlich gar niemanden, da keiner Treue erwartet - das ist auch ein interessanter Fall. Der ist auf seinem Ego-Trip und keiner glaubt sowieso an große Ideale, und in dem Sinne löst sich dann eigentlich dieser ganze Treue-Begriff auf und wir haben nur noch so eine Art Zweckbündnis". In seinem 2019 erschienenen Buch "Warum Demokratien Helden brauchen" hat sich Dieter Thomä unter anderem mit der Frage beschäftigt, ob es nicht gerade der Abweichler ist, der einem demokratischen System frischen Wind einhaucht. Und auch damit, was ein Verräter ist.

"Ein Verräter ist jemand, der sich selber ja nicht Verräter nennt, sondern der von anderen beschimpft wird als Verräter. Und dann deshalb, weil man von ihm Treue erwartet - Treue zu den Verhältnissen, Treue zu den Überzeugungen, die in einer Gesellschaft gelten. Und jetzt kommt der entscheidende Moment, wo dann der Verräter vielleicht einem Gegner etwas verrät und damit die Gemeinschaft schädigt. Dann ist der Verräter so was wie ein Überläufer. Wenn ein Verräter zum Helden werden will, dann darf er sein Aussteigen nicht als Überlaufen zum Gegner betreiben, sondern er muss etwas verraten, um der Verbesserung der Verhältnisse willen, nicht um der Unterstützung des Feindes willen. Dann kann man sagen, der gute Verräter verrät der Welt etwas und nicht dem Gegner."

- Dieter Thomä

Verräter - der Klebstoff des Gemeinschaftsgefühls

Verräter ist also nicht gleich Verräter: es gibt den Egoisten hier, der verrät, weil er gut bezahlt wird. Den uneigennützigen Wohltäter dort, der glaubt im Dienst der Menschheit zu agieren. Für beide - den guten und bösen Verräter aber gilt: Sie sind Produkt ihrer Umgebung. Meint auch der Historiker André Krischer, Herausgeber des Buches "Verräter - Geschichte eines Deutungsmusters": "Zum einen gibt es bestimmte Milieus, die dann sagen, wir wissen, wer die Verräter sind. Das sind all diejenigen, die unsere Meinung nicht teilen. Die gehören prinzipiell nicht zu uns, die gehören überhaupt nicht zu uns. Das heißt, dieser Verratsvorwurf dient dazu, nicht nur bestimmte Meinungen, sondern Menschen generell auszugrenzen. Er führt dazu, dass sich eine Gruppe sozusagen als verschworene hochhomogene Gemeinschaft verstehen kann, in der es kaum Meinungsabweichungen gibt."

Paranoia unter Revolutionären

Homogene Gruppen gieren nach dem Verräter. Weil er sie mit erschafft. Dabei spielt es keine Rolle, ob er tatsächlich gefährlich ist für das Bestehen dieser Gruppe oder Gemeinschaft. Der Totalitarismus-Forscher Fabian Thunemann hat an der Berliner Humboldt-Universität zum Thema Stalinismus geforscht: "Wenn man zum Beispiel auf die Französische Revolution blickt oder die Russische Revolution sich anschaut, kann man sehen, dass diese Ordnungen überhaupt erst mal schauen müssen, wer loyal ist und wer nicht. Es sind in der Regel kleine Gruppen, die sich zusammengetan haben, die sich selbst untereinander nicht vertrauen und die erst recht nicht den Leuten vertrauen, über die sie jetzt neu herrschen."

Eine Bühne des Verrats

Der Verrat, die Denunziation, die falsche Anschuldigung: sie sind Anker in unsicheren Zeiten. Von Seiten eines Diktators oder Despoten bedarf es wenig, um diesen Mechanismus anzustoßen. Rasch ist die Bühne des Verrats aufgebaut, auf der dieses erbärmliche Stück Skrupellosigkeit zur Aufführung kommt. Erstaunlich schnell sind Mitspieler gefunden. Überraschend immer wieder, mit welcher Geschmeidigkeit in Diktaturen die Verfolgung von Andersdenkenden zu einem Programm wird, das nicht nur von den Geheim- und Spitzeldiensten am Laufen gehalten wird.

Der Verräter ist nicht zu fassen

Je näher wir dem Verräter kommen, desto ungreifbarer wird er. Er stabilisiert, wo Schwäche herrscht und schwächt, wo sichere Überzeugungen gelten. Er hilft Grenzen aufzubauen, indem er sie überschreitet. Und lässt Grenzen verschwimmen, wenn er die Verwandlung kultiviert.

Die Perspektive entscheidet. Der Verräter wird zum Vexierbild zwischen Opfer und Täter, zwischen Verbrecher und Held, zwischen Regime und Denunziant. Der Philosoph Dieter Thomä: "Es hängt alles daran, wen man verrät an wen. Wenn zum Beispiel bei der Kommunistenverfolgung der Regisseur den Schauspieler verpetzt, dann stellt er sich damit in den Dienst eines Staates, der aber gerade dabei ist, seine Demokratie zu ruinieren. Und er stellt sich gegen seine Freunde und seine Kollegen. Wenn wir die Sache umdrehen, können wir sagen, wenn jemand einen Staat verrät, indem er zum Beispiel irgendwelche Verbrechen an die Öffentlichkeit bringt, dann ist es erst mal auch ein Verbrechen aus der Sicht des Staates, aber es kann auch ein Dienst am Staat sein. Das heißt, es hängt tatsächlich daran, wer die Bewertungshoheit hat in solchen Fällen." 

Das Freund-Feind-Schema

Trotz dieser Abhängigkeit von Standpunkt und Perspektive: das Bemühen darum, zu definieren, woran man einen Nestbeschmutzer oder Abtrünnigen erkennt, bleibt. Als gleichermaßen einprägsam wie kritikwürdig erscheint dabei eine Begriffsunterscheidung, die auf den höchst umstrittenen Staatsrechtler und Philosophen Carl Schmitt zurückgeht, der nach dem Zweiten Weltkrieg den wenig ehrenvollen Titel "Kronjurist des Dritten Reiches" erhielt.

Schmitt schrieb in seiner 1927 veröffentlichten Arbeit "Der Begriff des Politischen": "Die spezifische Unterscheidung, auf welche sich die politischen Handlungen und Motive zurückführen lassen, ist die Unterscheidung von Freund und Feind. (…) Politisches Denken und politischer Instinkt bewähren sich theoretisch und praktisch an der Fähigkeit, Freund und Feind zu unterscheiden. Die Höhepunkte der großen Politik sind zugleich die Augenblicke, in denen der Feind in konkreter Deutlichkeit als Feind erkannt wird."

Damit hatte Carl Schmitt nicht nur das Betriebs- und Funktionsgeheimnis des modernen Staates formuliert. Sondern auch - ohne ihn mit einem Wort zu erwähnen - wer oder was als Verräter zu gelten habe. Der springende Punkt an Carl Schmitts Freund-Feind-Diktum ist: seine Gültigkeit existiert unabhängig davon, um welche Art von Staat es sich handelt. So unappetitlich das auch sein mag: jede Art von politischem System kann auf Dauer nur bestehen, wenn es sich gegen etwas positioniert.

"Die Ausgrenzung von Gegnern oder von anderen ist in der Politik ein Lieblingssport. Die Funktion dieser Ausgrenzung ist die Identitätsstiftung. Wir wissen, wer wir sind, wenn wir wissen, gegen wen wir sind. Das ist eine ziemlich plumpe, aber sehr wirkungsvolle Form politischer Identitätsbildung. Man sagt nicht, ich bin für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sondern ich bin gegen die Juden - oder so. An diesem Sport, an dieser Methode erkennt man auch eigentlich, ob ein System autoritär und verbrecherisch werden kann oder nicht, weil die eben immer mit dieser Feindbildung operieren. Man kann das an Donald Trump hervorragend studieren. Wenn Donald Trump sagt, die Presse ist der Feind des Volkes, und wenn er auch sonst noch alle möglichen anderen Feinde ausfindig macht, dann dient es dem Zweck, mit dieser Anklage des Verrats letzten Endes die eigenen Reihen geschlossen zu halten und diese Größe der Nation, mit der er sich identifiziert, sicherzustellen."

- Dieter Thomä, Philosoph

Verräter am Pranger

Mit schöner Regelmäßigkeit werden Menschen, die man als Vorbilder für Zivilcourage und demokratisches Engagement sehen könnte, als Verräter beschimpft. Die Internationale dieser selbsternannten Sittenwächter und Ankläger ist bunt gemischt. In ihr finden sich Donald Trump ebenso wie Wladimir Putin oder der chinesische Machthaber Xi Jinping.

Je nachdem, wer ihn benutzt, wird der Begriff "Verräter" zu einem Ehrenzeichen. Der Historiker André Krischer: "Es gibt momentan zwei Großtypen von Verrätern - sozusagen die guten und die bösen, wenn man so will. Die guten, die Whistleblower, die in subversiver Weise Staatsgeheimnisse ausplaudern, die sozusagen aus einer Position der Schwäche heraus den Staaten ihre Geheiminstrumente entwenden und preisgeben und damit in der Regel ja den demokratischen Staat stärken oder die demokratische Wertegemeinschaft. Das ist aber ein anderer Begriff von Verräter als derjenige, der eben in diesen populistischen Milieus mobilisiert wird. Das ist ein grundsätzlich anderer. Da ist der Verräter ja derjenige, der sich eben Deutungen, die damit angereichert werden, dass man sagt, wir, das Volk, wollen dieses und jenes, widerspricht."

Rechte Populisten wie die polnische PiS-Partei oder Viktor Orbán etwa verschaffen sich Gehör, indem sie sich als Kämpfer gegen den Verrat am Vaterland und seinen Werten präsentieren. Diese Art der Verratskeule wird aber inzwischen auch in längst etablierten, alten Demokratien geschwungen. Trump etwa tritt an als Kämpfer gegen den Verrat an amerikanischen Prinzipien. Die Wiener Literaturwissenschaftlerin Eva Horn: "Trump, der antritt und sagt 'I'm gonna drain this swamp' - ich lege diesen Saustall mal trocken, diesen Sumpf. Das ist, glaube ich, selbst ein sehr perfides politisches Instrument. Ich glaube, dass wir in den letzten Jahren gesehen haben, dass sich diese Vorstellung von einer inneren Verrottetheit des politischen Establishments und der Regierung in Amerika zu einer ganz schrecklichen populistischen Figur drehen lässt, die dann tatsächlich jemanden ins Amt spült, der, wie wir mittlerweile ausführlich wissen, es mit der Gesetzestreue nicht sehr genau nimmt."

Der Verräter als guter Staatsbürger

Am Ende des Streifzuges durch die Welt des Verrats ergibt sich ein vielschichtiges Bild. Dabei ist es die Doppelgesichtigkeit des Verräters, seine Abhängigkeit von Perspektive und Standpunkt, die es für mich so zwingend machen, genau zu analysieren, wer, wann von welcher Art von Verrat redet.

Der Verrat kann unter bestimmten Umständen geradezu Bürgerpflicht sein, wenn er die demokratische Kultur an ihre Werte erinnert. Während der individuelle, egoistische Verrat abschreckend ist. Je nach Blickwinkel, je nach politischer Präferenz oder ideologischer Orientierung kann der Verräter Kritiker sein, Feind, Verleumder, Aufklärer. Vielleicht sind es am Ende eher diese Namen, die in ihrer Gesamtheit dem Schillern und dem Verständnis der Unperson „Verräter“ gerecht werden. Eine Welt ohne sie, wird es nicht geben.

In offenen Gesellschaften aber könnte der Verräter über kurz oder lang verschwinden. Und stattdessen ausdiskutiert werden, um was es eigentlich geht. Wir würden nichts von Ungerechtigkeiten, Korruption oder sexuellem Missbrauch in Kirchen erfahren haben, hätte es nicht Menschen gegeben, denen der negative Beigeschmack des Wortes Verrat herzlich egal ist. Wenn keiner weiß, wie unsere Demokratien am Leben erhalten werden können - der Verräter weiß es.