Falk Richter über "Heldenplatz" Thomas Bernhards Skandal-Stück als Preview

Thomas Bernhards "Heldenplatz" löste 1988 einen Skandal aus, weil es Österreich mit seiner Nazi-Vergangenheit konfrontierte. Nun befragt Regisseur Falk Richter den Klassiker an den Münchner Kammerspielen neu. Wir zeigten einen Teil der Inszenierung vorab als Stream – und haben mit Falk Richter gesprochen.

Von: Christoph Leibold

Stand: 21.09.2021 | Archiv

"Heldenplatz" an den Münchner Kammerspielen | Bild: © Dennis Kuhnert

In Thomas Bernhards "Heldenplatz" hört Frau Professor über Jahrzehnte die Jubelschreie der Meute, die zum Anschluss Österreichs an Nazideutschland begeistert Adolf Hitler begrüßten. Bei seiner Erstaufführung 1988 löste das Stück einen riesigen Skandal aus, weil es Österreich mit seiner verdrängten Rolle in der Nazi-Zeit konfrontierte. Regisseur und Autor Falk Richter beschäftigte sich in seiner Arbeit der letzten Jahre intensiv mit dem Erstarken der Neuen Rechten. Schreien die Massen immer noch? Wer sind die Gefährdeten in einer zunehmend von Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit durchzogenen Gesellschaft und vor welchen Lebenslügen steht ein Deutschland, das sich über Jahrzehnte einer vermeintlich vorbildhaften Vergangenheitsbewältigung rühmte? In Zeiten von grassierendem Antisemitismus, Rechtsterrorismus und Menschenfeindlichkeit in ganz Europa unterzieht Falk Richter den Klassiker an den Münchner Kammerspielen einer Neubefragung.

Christoph Leibold: Im Stücktext bei Thomas Bernhard heißt es einmal: "Wahrscheinlich wird die Regierung im Herbst umgebildet". Insofern passt das Streaming-Preview perfekt in diese Woche vor der Bundestagswahl. Aber ich nehme an, das war nicht der entscheidende Grund, wieso Sie sich für dieses gar nicht mal so viel gespielte Bernhard-Stück entschieden haben.

Falk Richter: Nein, der Grund war die Frage, was eigentlich die politische Situation im Moment bei uns hier in Deutschland ist. Bernhard hat damals eine Zeit beschrieben, in der der Antisemitismus wieder anstieg und es auch wieder körperliche Übergriffe auf Juden in Wien gab. Und wir leben in einer Zeit, in der der Rechtsextremismus und radikal rechte Kräfte stärker werden, in der es Anschläge gab, in Halle, in Hanau, sogar auf einen CDU-Politiker. Und mich hat das einfach interessiert zu kucken: Wo stehen wir im Moment in Deutschland? Und haben wir diesen Punkt wieder erreicht, der in dem Stück diskutiert wird, nämlich die Frage, wann ist der Moment da, dass bestimmte Gruppierungen das Land verlassen müssen, weil sie zu gefährdet sind?

Und haben wir diesen Punkt in Ihren Augen bereits erreicht?

Naja, das kommt darauf an, wen man fragt. Die Mehrheitsgesellschaft würde natürlich sage: Nein. Aber der Autor Ronen Steinke, der das Buch "Terror gegen Juden" geschrieben hat, beschreibt darin, dass es eine Kontinuität des Antisemitismus und der antisemitischen Übergriffe in Deutschland gibt. Wenn Sie mit Menschen mit äußerlich erkennbarem Migrationshintergrund reden, dann merken Sie, dass die natürlich mehr Rassismus und Bedrohung erfahren. Es gab ja auch wirklich Anschläge, bei denen Menschen ermordet wurden. Das heißt, die Gefahr ist da. Ich sehe das große Problem darin, dass gefährdete Gruppen tatsächlich nicht geschützt werden in Deutschland. Wir haben eben auch eine nach rechts tendierende Polizei und eine Regierung, die dieses Problem nicht wirklich ernst nimmt. Insofern gibt es niemanden, der diesen Gruppen hilft. Und genau das ist das Problem auch bei Bernhard in "Heldenplatz". Darüber diskutieren diese Menschen und ich glaube, das ist immer auch in Deutschland die große Frage: Wann kippt die Stimmung, wann ist sie gefährlich?

Sie schlagen den Bogen von Österreich 1938 und 1988 ins Deutschland der Gegenwart. Da gibt's zum Beispiel Video-Collagen in Ihrer Inszenierung, wo man einerseits Bilder von jubelnden Österreicher 1938 sieht, aber dann auch Alexander Gauland, der seine berüchtigte Vogelschiss-Rede hält oder Reden von Björn Höcke. Sie haben außerdem eigene Texte ins Stück eingefügt, die sich mit Rassismus und Rechtsextremismus in Deutschland heute befassen. Braucht es das? Oder könnten wir unsere Gegenwart nicht eigentlich ebenso gut im historischen Kontext des Originaltextes wiedererkennen?

Es geht beides. Wir können uns definitiv in dem Original-Kontext wiedererkennen. Es gibt allerdings Figuren in dem Stück, denen ich neue Texte geschrieben habe. Oder ich habe zum Teil Bernhards Texte überschrieben. Das ist sozusagen im Sound und im Stil von Bernhard, aber es handelt dann von der Situation heute. Mir war das wichtig, diesen Brückenschlag doch auch ganz konkret zu machen. Das Besondere an Thomas Bernhards Stück ist ja, dass er damals ganz konkret auch Namen genannt hat, auch bestimmte Zeitungen benannt hat, die mit dazu beitragen, dass die gesellschaftliche Stimmung immer toxischer wird, dass sie immer rechtsradikaler wird. Das ist das Besondere an dem Stück. Deshalb war es auch so ein großer Skandal damals. Er hat es nicht irgendwie metaphorisch gemacht, sondern er hat auch wirklich gesagt, wer eigentlich die Schuldigen sind und wer die gesellschaftliche Stimmung zerstört. Wer trägt dazu bei, dass Juden wieder in Gefahr sind? Oder in Deutschland könnte man heute sagen: Wer trägt eigentlich dazu bei, dass Menschen, die nicht weiß sind oder nicht heterosexuell, wieder in Gefahr leben? Und das ist bei uns die AfD, ganz klar. Das sind bei uns aber auch Kräfte in der CDU. Das ist Hans-Georg Maaßen. Das sind einfach Menschen, die die ganze Zeit mit rassistischen Narrativen umgehen, die Menschen abwerten, die immer wieder behaupten, dass Gefahr von nicht-weißen Menschen ausgeht. Das geht aber mittlerweile leider in Deutschland durch die politischen Parteien hindurch. Wenn Sie Sahra Wagenknecht zuhören – das ist auch extrem rassistisch und homophob, was sie sagt. Solche Tendenzen finden Sie im Moment in allen Parteien. Das heißt, die Stimmung ist in Deutschland bereits gekippt.

Thomas Bernhard hat damals aufgeräumt mit dieser kollektiven Lüge, Österreich sei das erste Opfer von Hitlers Aggressionspolitik gewesen. In Ihren Text-Einschüben konstatieren Sie für Deutschland einen ähnlichen Selbstbetrug. Sie sprechen vom Heuchlerischen "Nie wieder!"

Regisseur Falk Richter

Es wird mantraartig von jedem Politiker auf jedem möglichen Anlass immer wieder betont: "Nie wieder darf das passieren!" Es passiert aber die ganze Zeit. Das ist das Problem, und dagegen muss gehandelt werden. Und wenn die Polizei weggeguckt oder die Menschen nicht schützt, die bedroht sind, oder sogar selbst Migranten bedroht, dann haben wir natürlich ein wahnsinniges gesellschaftliches Problem. Und da belügen wir uns als deutsche Gesellschaft. Es gibt zwei große Lügen: Die eine ist die der Entnazifizierung. In diesem Land wurde die Polizei und wurde die Justiz nicht wirklich entnazifiziert. Und: es sitzen jetzt Leute, die zum Teil so reden wie NSDAP-Politiker, im Bundestag. Das heißt, wir belügen uns, wenn wir sagen, wir seien ein Land, das ganz großartig mit seiner Vergangenheit umgegangen sei und die bewältigt hätte, sodass wird wir all diese Probleme nicht mehr haben.

Bei Bernhard geht es auch um das Thema Protest. Eine Figur sagt, sie habe längst aufgegeben zu protestieren, das bringe eh nichts. Wie sehen Sie das? Und ist Theater für Sie eine Form des Protests?

Es ist auf jeden Fall eine Form, um auf wichtige Themen hinzuweisen oder über gesellschaftliche Zusammenhänge und Prozesse zu sprechen, auch mit mehr Zeit darüber zu sprechen, mehr Assoziationen aufzumachen. Und natürlich ist es immer auch ein künstlerisches Erlebnis. Das ist ganz wichtig. Aber ja, man kann natürlich Dinge sagen, die sich so in der Zeitung oder in den Medien nicht sagen ließen. Man kann natürlich dadurch, dass es sich auch immer um Fiktion handelt oder fiktive Figuren sprechen, unterschiedliche Haltungen aufeinandertreffen lassen und auch sehr zugespitzte Haltungen auf die Bühne bringen, damit das Publikum sich dazu verhalten muss.

Die Uraufführung von "Heldenplatz" war 1988 ein Skandal. Das ist sicher auch ein Zeichen gewesen, dass Thomas Bernhard einen wunden Punkt traf. Kann man so einen Skandal heute noch erzeugen? Und wäre es im Theater vielleicht sogar wünschenswert, auch wenn es vielleicht unangenehm ist, wenn man Gegenwind hat? Aber es wäre eben auch ein Indiz, dass man ins Schwarz getroffen hat.

Naja, ich habe selbst so einen Skandal unfreiwillig erzeugt. Mit meinem Stück "Fear" 2015 an der Berliner Schaubühne. Da wurde ich vier Mal von der AfD verklagt. Die wollte das Stück verbieten lassen. Das ist in etwa, was auch bei "Heldenplatz" passiert ist, im Vorfeld. Es ging immer darum, dass dieses Stück gar nicht rauskommen sollte. Das heißt, es stellt sich sozusagen immer die Frage, wer reagiert? Ich glaube nicht, dass ein demokratisches, liberales Publikum heute gegen "Heldenplatz" rebellieren würde. Aber wenn Sie Menschen damit konfrontieren, was ihre großen Lebenslügen sind, auch ihre politischen Lebenslügen, dann flippen die meistens aus. Sie merken das ja schon im Moment, wenn Armin Laschet auf Hans-Georg Maaßen angesprochen wird. Der reagiert ja immer pampig und wie ein Kind und äußert sich nicht ernsthaft dazu. Alleine solche Fragen sind für viele Menschen schon eine Provokation, weil sie darauf keine Antworten haben und sie auf Widersprüche gestoßen werden.

Das Gespräch mit Falk Richter können Sie hier nachhören.