Streit um Gesetzesentwurf mit weiblicher Endung Der Anfang vom Ende des maskulinen Generikums?

Zwischen Justiz- und Innenministerium tobt ein Streit, weil in einem Gesetzesentwurf bei allen Pluralformen die weibliche Endung benutzt wurde. Geht der Streit um das generische Maskulinum in die letzte Runde?

Von: Martin Zeyn

Stand: 13.10.2020

Innenminister Horst Seehofer (CSU) und Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) | Bild: Wolfgang Kumm/ picture alliance/dpa

Okay, es wird ernst. Das Justizministerium veröffentlicht einen Gesetzestext, in dem sämtliche Funktionsbezeichnungen mit einer weiblichen Endung versehen wurden: also Verbraucherin statt Verbraucher, Geschäftsführerin statt Geschäftsführer. Und nicht einmal ein Sternchen macht deutlich, dass die armen Männer auch mitgemeint sind. Das Innenministerium läuft dagegen Sturm, beschwört gar einen Verfassungsverstoß: "Nach Ansicht des Verfassungsministeriums (sic!) hat das bei formaler Betrachtung zur Folge, dass das Gesetz möglicherweise nur für Frauen oder Menschen weiblichen Geschlechts gilt, und damit möglicherweise verfassungswidrig ist."

Männer übernehmen die Protestrolle der Frauen

Scheinbar alles wie immer. Ein paar Emanzen versuchen die sprachliche Phalanx zu durchbrechen, die da heißt: Is nich, ham wir nich – haben wir noch nie so gemacht. Aber wenn wir genauer hinschauen, dann zeigt sich ein ganz anderes Bild. Interessanterweise übernehmen hier einmal Männer die Argumentation, mit der Frauen das generische Maskulinum kritisieren: Weibliche Personen würden damit ausgeschlossen. So, ihr harten Kerle, kaum dass Euch mal passiert, was jahrhundertlang den Frauen zugefügt wurde, da fangt ihr an zur jammern, das sei ungerecht? Genau, das ist es. Deswegen ändert das Justizministerium es gerade, ihr Schlaumeier.

Kurios geradezu der Versuch des Innenministeriums, das Ganze wissenschaftlich zu untermauern. Das generische Femininum sei "zur Verwendung für weibliche und männliche Personen bislang sprachwissenschaftlich nicht anerkannt", so der Ministeriumssprecher Steve Alter: Also mir fallen auf Anhieb genug Stimmen aus der Sprachwissenschaft ein, die das phallo-logozentristische Weltbild, auf dem das generische Maskulinum fußt, als überholt ansehen. Aber Männer übersehen ja nun mal gerne Fakten, wenn es um ihre Privilegien geht.

Ausgleichende Ungerechtigkeit gibt es nicht

Zugegeben, es gibt keine ausgleichende Ungerechtigkeit. Der Entwurf des Justizministeriums ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Ein Geschlecht auszuschließen muss als sprachliche Praxis aufhören. Also lasst die Köpfe rauchen, bis wir eine elegante, leicht zu sprechende Form gefunden haben – und dann aufhören, die Diskriminierung eines Geschlechts durch Sprache als gegeben hinzunehmen. Sprachliche Konventionen sind keine Naturgesetze, was alle Deutschlehrer*innen leidvoll erfahren, wenn sie schon wieder wegen plus Dativ hören. Und ja, Änderungen des Status Quo sind möglich. Meine Ohren haben sich überraschend schnell daran gewöhnt, dass ich bei Plural auch andere Regeln akzeptiere, etwa dass im Deutschlandfunk Nova die Sprecher*innen nach Pluralformen eine winzige Pause setzen und dann ein –Innen erklingt. Tut nicht weh, geht und wer weiß, in 50 Jahren werden sich die jungen Leute wundern, wie es je eine Gesellschaft so lange ausgehalten hat, die Männer immer in den Vordergrund zu stellen, in der Wirtschaft, in den Medien und, ja, in der Sprache.