Shutdown ohne Shitstorm Corona-Meditationen unter Hausarrest

Die Corona-Krise hat Deutschland und die Welt verändert. Wir erleben eine Zeit von mythischem Ausmaß und ein gigantisches Sozialexperiment. Christian Schüle hat Gedanken und Gefühle in vier Wochen Isolation festgehalten.

Von: Christian Schüle

Stand: 23.04.2020

Menschenleeres Untergeschoss tagsüber, Zugang zur U-Bahn | Bild: picture alliance / imageBROKER

ERSTE WOCHE

Anfangs dachte auch ich: Was für eine Übertreibung! Die Wörter Hysterie und Panik schwirrten im öffentlichen Raum umher, das war Anfang März, es schneite, die Bäume waren kahl und leblos. Dann sprachen Spitzenpolitiker plötzlich vom "Kraftakt für unser Land", von Leben und Tod, und der grimmig-entschlossene Markus Söder behauptete, Corona habe Deutschland fest im Griff. Innerhalb kürzerster Zeit ist so gut wie vermutlich allen Erdenbürgern auf beispiellose wie schmerzhafte Weise zu Bewusstsein gekommen, dass ihnen in einem welthistorischen Wimpernschlag ein Epochenbruch widerfährt. Zur selben Zeit muss alle Welt das Unplanbare planen. Und manch Einzelner – ich zum Beispiel – fühlt sich in eine Art künstliches Koma gezwungen. Es scheint, als wären jeder Montag und jeder Mittwoch ein durchgehender Volkstrauertag im seit wenigen Tagen heitersten Frühling.

"Es geht um Leben und Tod. So einfach ist das, und auch so schlimm." (Armin Laschet)

Schuld an diesem Jahrtausend-Ereignis hat niemand. Kein Diktator, kein General, kein Putschist. Schuld ist eine rechtliche und moralische Kategorie. Was seit mehreren Wochen in Deutschland und der Welt geschieht, ist ein beispielloser Verhängniszusammenhang – nicht verschuldet, aber verursacht von der a-moralischen Natur in Ungestalt eines anarchischen, archaischen, apokalyptischen Virus, der vermutlich aus Exkrementen der Fledermaus oder des Schuppentiers Pangolin entstanden ist: Sars-CoV 2. Aus dem Exkrement über den Wildtiermarkt von Wuhan zur Pandemie: eine imperiale Überwältigung. Der schwerstwiegende Einbruch der Wirtschaft seit der Großen Depression ab 1929, verursacht durch die hinterlistige Welteroberung eines unsicht-, unspür- und unberechenbaren Virus. Größer könnte die Kränkung des technologisch, ökonomisch und militärisch hochgerüsteten Menschen der Spätmoderne nicht sein. Dem Glauben an die totale Selbstermächtigung des Individuums steht seit vier Wochen die weitgehend totale Ohnmacht des Egos gegenüber. Die Hyperkomplexität aller Zivilisationsprozesse wird reduziert auf eine einzige simple Rechenaufgabe: Wie schnell verdoppelt sich die Zahl der Infizierten? Was dem wehrlos ausgelieferten Homo digitalis zu tun bleibt, ist Warten auf die Kurvenverflachung und Hoffen auf den Impfstoff.

"Die Bürgerinnen und Bürger erleben die tiefsten Einschnitte in die bürgerlichen Freiheiten in der Geschichte der Bundesrepublik." (Jens Spahn)

An Silvester dachte man ja noch, welch herausforderndes Jahr dieses 2020 werden könnte: Reisen, Routen, Routinen. Und Ende Februar meinte man noch, es gehe einzig und allein um den Kampf gegen die Erwärmung der Erde und das Mikroplastik in den Meeren, um den Kampf gegen die rechte Kulturrevolution und Björn Höcke, um Fridays for future und die Rettung der Welt. Als wäre das Jahre her. In fünf Wochen Überwältigung durch das Virus ist eine subversive Para-Normalität entstanden, die alles, was vorher war, aus dem Bewusstsein gefegt hat. Die Kanzlerin in Quarantäne, Minister, die von Leben und Tod sprechen, ein Bundespräsident, der in schwerer Stunde mahnt, dankt, bittet und bei seinen Ansprachen an das Volk nicht wie ein zeremoniell entrücktes Staatsoberhaupt auftritt, sondern wie der einfühlsame, anteilnehmende, mitleidende Mitbürger von nebenan.

Maßgeblich ist nur noch die Maßnahme. Es geht allein um ihr Ausmaß, und manchmal auch um ihre Maßlosigkeit. Auf einmal herrscht die Sprache des bürokratischen Leviathan: Verordnung, Verbot, Verdikt. Diese für freie Bürger fremdsprachlich klingenden Wörter intonieren die Schicksalsmelodie eines stillgelegten Landes. Selbst Revolutions-Phantasten sind in der Schockstarre und die autoritätskritischen Nachkriegsdeutschen zu über 90 Prozent dankbar für konkrete, aus- und eingeübte Autorität. Sie sind mit der Regierung gegen den Feind, nicht gegen die Regierung als Feind. In der größten Krise nach dem Krieg setzt die Staatsspitze auf deutsche Primär-Tugenden: Verstand, Vernunft und Verantwortungsbewusstsein, und seit der Rede Angela Merkels vom Mittwoch, den 18. März 2020, gibt es eine Art sozial-moralischen Imperativ zur Wahrung der öffentlichen Sittlichkeit. War Maßregelung bis vor kurzem peinlich, würdigt der öffentliche Geist Oberlehrerhaftigkeit jetzt sogar als Streben nach dem sittlich Korrekten. Wer nicht wachsam ist, wer nicht in die Armbeuge hustet und keine 1 Meter 50 Abstand hält, heißt das im Umkehrschluss, darf sozial geächtet werden. In manchmal verstörendem Obrigkeits-Gehorsam lässt sich der mündige Bürger ohne größeres Murren von oben steuern.

"Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst." (Angela Merkel)

Spätestens seit Mitte März 2020 ist klar: Die Pandemie siegt über die Demokratie. Vorübergehend. Bis alles vorübergegangen sein wird, sind die bürgerlichen Freiheiten eingeschränkt. Vorübergehend ist das öffentliche Leben erdrosselt, vorübergehend lassen sich alle wider-, aber freiwillig in den verabredeten Hausarrest schicken. Shutdown ohne Shitstorm. Nirgendwo Empörung, und hier und da bemerkenswert kleine Demonstrationen, obwohl laut Artikel 20 Grundgesetz doch jeder Bürger das "Recht auf Widerstand" zum Schutz der Verfassung hat, wenn andere Abhilfe gegen die "Beseitigung der Ordnung" nicht möglich sei. Und geschieht nicht gerade genau das – die Besitigung der bisherigen Ordnung? Der radikale Stillstand ist ein gigantisches Sozialexperiment. Wer Crowds, Parties, Festivals, Feste, wer den Hedonismus, die Schnelligkeit und Schnelllebigkeit der hypertrophen Welt gewohnt war, muss sich in kürzester Zeit Stillstand, Passivität und Apathie unterordnen. Das Urvertrauen in den guten Gang der Dinge ist verletzt und der heilige Gral der Demokratie entweiht: die Ausgangs-, Bewegungs-, Versammlungs-, Reise-, alles in allem: die Selbstentfaltungsfreiheit zu jedem Moment. Aus freien Stücken ist das in einer Demokratie Undenkbare passiert: Quarantäne, Lockdown und Ausgangssperren in europäischen Ländern, die seit 200 Jahren Horte der liberté und fraternité waren – und noch sind. In nie dagewesener Geschwindigkeit wurden Gesetze verabschiedet, die früher in Jahren nicht durchgekommen wären. Fast alle Länder der Welt erleben trotz unterschiedlichster Mentalität und Sittlichkeit zur selben Zeit das Gleiche: Ihre Bürger vereinzeln sich in der Hoffnung, auf Dauer nicht zu vereinsamen.

"Es kommt ohne Ausnahme auf jeden Einzelnen und damit auf uns alle an." (Angela Merkel)

Das Virus nimmt keine Rücksicht auf Ideologien, auf links oder rechts, sozialistisch oder neoliberal, Kommunismus oder Kapitalismus. Es hat keine ethnische Herkunft, keine Nationalität, keine Identität. Es ist nicht interessiert, ob sein Wirt Jude, Christ oder Muslim, Buddhist oder Atheist ist. Es will sich nur vermehren und sucht überreligiöse Atemwege. Der anarchische Erreger hebelt alle bekannte Rechtsprechung aus. Es gibt keinen Täter. Niemand kann zur Rechenschaft gezogen werden. Das Virus ist kein Rechtssubjekt. Man kann es nicht vor dem Internationalen Strafgerichtshof anklagen. Am Ende wird es massenhaft Menschen getötet haben, die Staaten Europas geschätzt 1,6 Billionen Euro kosten und mit allem ungeschoren davonkommen. Seine Taten werden ungesühnt bleiben.

Was wir über lange Jahre hinweg an Offenheit gelernt haben, müssen wir in kurzer Zeit und ohne Anleitung erlernen. In dem Maße, in dem die Nationen ihre in Jahrzehnten mühsamer Annäherung abgetragenen Grenzwälle innerhalb weniger Tage wieder hochziehen, gerät die Idee der Grenzenlosigkeit an ihre Grenzen. Die sonst so vernetzte Welt ist vereint in der Separierung ihrer Teile. Die gemeinsame Antwort, um das Virus zu schlagen, ist der herabgelassene Schlagbaum. Gefangen im eigenen Land. Gefangen in der eigenen Stadt. Gefangen in der eigenen Wohnung. Gefangen im eigenen Ich. Mehr Disruption geht nicht.

"Wir alle sind in einer Krise, die ein Ausmaß hat, das ich mir selber nie hätte vorstellen können." (Lothar Wieler, Robert-Koch-Institut)

Bis vor kurzem hyperventilierten wir noch in der medial überhitzten Erregokratie. Aufplatzende Emotionen, gestörte Affektkontrolle, Erregungen, Exzesse und Empörung auf Empörung. Auf einmal aber leben wir in einer Scientokratie: unter der Herrschaft des wissenschaftlichen Denkens. Fast allen völlig unbekannte Wissenschaftler geben den Ton und die Marschroute an, jede ihrer Silben hat höchstes Gewicht für den Zustand der kollektiven Psyche. Eine neue Elite der Nüchternheit ist herangewachsen. Man vertraut ihr. Man vertraut sich ihr an. Plötzlich vertraut man Virologen, von deren Existenz die allermeisten Menschen vor mehreren Wochen noch nichts wussten. Sie lehren eine Gesellschaft – die das auf Empirie, Evidenz, auf Fakten, Logik und Erkenntnis basierende Weltverständnis fast schon aufgegeben hatte – eine neue Wissenschafts-Demut. Die Seriosität der Wissenschaft basiert auf der Souveränität, Nichtwissen zuzugeben. Wissen braucht Zeit, Geduld und Augenmaß, um glaubwürdig zu sein. Das ist wohltuend in einer Zeit, in der im Auftrag der Verlogenheit alternativer Wahrheiten das böse Wort von "Lügenpresse" wie auch "Lügenwissenschaft" in Umlauf gesetzt wurde, auf dass immer mehr Bürger an die Wahrheit von fake news glaubten.

Die täglichen Lothar-Wieler-Worte sind eine Art Therapiestunde aus dem Hörsaal. Eine Nation hängt an den Lippen des Direktors des kanzleramtsnahen Robert-Koch-Instituts, das zeitweise wie eine Nebenregierung wirkt. In der Not folgen wir Modellen, Statistiken, Kurven und Reproduktionsfaktoren, und manchmal fragt man sich: Hört die Regierung auf die Wissenschaft? Oder ist sie den Wissenschaftlern bereits hörig? Die Politik der Prävention basiert geradezu auf einer Ideologie wissenschaftlicher Rationalität, obwohl selbst die Wissenschaftler erstaunlich vieles gar nicht wissen und vor allem die zentrale Zahl nicht kennen: die Dunkelziffer. Im Spannungsfeld von Zahl und Ziffer, von Reproduktionszahl und Dunkelziffer, müssen Politiker Entscheidungen fällen, die nicht nur Wohl und Wohlstand, sondern Wehe und Leben einer ganzen Bevölkerung betreffen.

ZWEITE WOCHE

Anfangs der zweiten Woche in der häuslichen Isolationskammer kommt die Katastrophe – als Fiktion. Im gegenwärtigen Ausnahmemodus reagiert der Staat prophylaktisch auf die Projektion einer noch gar nicht eingetretenen Katastrophe. Alle Bürgerinnen und Bürger müssen sich die Katastrophe, die gar nicht da ist, zugleich als bereits vorhanden vorstellen, das erfordert von jedem Einzelnen eine enorme intellektuelle Transferleistung. Katastrophen waren immer fern. Fern der Gegenwart, fern des eigenen Orts, fern der eigenen Lebenswelt. Desaster und Dystopien waren Fiktionen oder Narrative. Wir kannten sie aus Erzählungen und Filmen, aus dem Fernsehen und aus Büchern. Auf Bildern oder in der Vorstellung hinterließen die konsumierten Katastrophen sichtbare Trümmer: zerstörte Städte, qualmende Ruinen, verkohlte Bäume, verbranntes Land, vernichtetes Leben. Corona aber, die Krönung der Katastrophe, stürzt alle Weltbürger in Echtzeit in das Desaster einer verordneten Entsozialisierung: als Realität des Unsichtbaren. Und hinterher, wann auch immer der Spuk beendet sein wird, wird nichts mehr so sein wie zuvor, obwohl dann alles wie immer aussehen könnte: Nirgendwo wird es einen Bombenkrater geben, nirgendwo von Panzern zerstörte Häuser, nirgendwo durch Granatsplitter verletzte Häuserfassaden, nirgendwo verrottende Leichen am Straßenrand. Manchmal kommt man sich beim Spaziergang durch die erbärmlich unbeseelte Innenstadt vor wie der einzige Überlebende einer Apokalypse. Wann wird die erste Mutter auf der Einkaufsmeile um Kartoffeln für ihre Kinder betteln?

"Unser oberstes Gebot ist, die Menschen zu schützen. Und ich sage deutlich: auch solche vor sich selbst." (Markus Söder)

In einem einzigen Augenblick wurden Nationen zu ihrem eigenen Protektorat. Mit freiem Willen, mit größter Selbstverständlichkeit und im vorausgesetzten Einklang mit allen Bürgerinnen und Bürgern riegelte die Nation sich ab und erklärte sich selbst den Notstand. Es ist ein Notstand nicht aus der bereits erlebten Not, sondern aus der Sorge um möglicherweise kommende. Ist das Leben im Notstandsmodus bereits ein Leben im Ausnahmezustand? Dieser verfassungsrechtliche Grenz- und Schwellenbegriff kündigt ja an, dass nicht nur der Spaß vorbei und das Spiel zu Ende ist, sondern eine andere Rechtsstruktur etabliert wurde. Ausnahmsweise haben nicht Markt, nicht Wirtschaft und nicht die Börsen das letzte Wort. Im Ausnahmemodus steuert der Staat. Epidemiologische Krisen sind das Hochamt der Exekutive. Psychologisch ist es dabei von enormer Wichtigkeit, dass der Staat nicht als kafkaeskes Monstrum mit unbegrenzten Durchgriffsrechten auftritt, sondern durch seine Spitzen menschlich bleibt und nahbar wirkt. Die deutsche Führungskultur basiert auf antiautoritärer Autoritäts-Pädagogik.

Wer über den Ausnahmezustand entscheidet, ist bekanntlich der wahre Souverän. In der coronischen Krise liegt die Souveränität, über den Ausnahmezustand zu entscheiden, nun doch nicht in der Hand von Jens Spahn – das Parlament behält seine Hoheit und hat dem novellierten "Infektionsschutzgesetz" des Bundesgesundheitsministers keine autoritative Vollmacht verliehen. Das heißt: Nach wie vor entscheiden die Parlamente der Länder über Beginn und Ende des Notstands, nicht ein ungewählter Rat von Ministern und Experten ohne demokratisches Mandat. Und dennoch gibt es Juristen, die im neuen Infektionsschutzgesetz die zeitgemäße Blaupause eines Ermächtigungsgesetzes erkennen. Es widerspreche den Grundsätzen der Verfassung; eine Allgemeinverfügung über die Freiheitseinschränkungen einer gesamten Bevölkerung sei in ihrer Verhältnismäßigkeit zweifelhaft. Mit erhöhter Sensibilität für autoritäre Strukturen von Ausgangs-Beschränkung, Versammlungsverbot, Polizeipatrouillen, Sozialdistanz und Sozialkontrolle, Überwachung und Denunziation ließe sich sagen: In der Blüte der liberalen Demokratie ist zu ahnen, wie es in Diktaturen zugegangen sein könnte. Oder zugeht.

Der Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur besteht darin, dass die Einschränkung der freiheitlichen Grundrechte freiwillig geschieht. Im bisher unbegrenzten Ausnahmemodus besteht die höchste Freiheit des freien Bürgers in der Freiheit, seine Freiheit selbst einzuschränken. Dies widerstandsfrei geschafft zu haben, ist eine bemerkenswerte Leistung politischer Psychologie. Wenn es darauf ankommt, können sich Politiker auf die Disziplin der Deutschen zur Selbstdomestizierung verlassen.

"Es muss nun der Letzte verstehen: Wir befinden uns in einer schweren Krise, für die Gesundheit, für den Wohlstand und für den Zusammenhalt in unserem Land." (Armin Laschet)

Das aktuelle Globalisierungs-Virus Sars-CoV-2 ist deshalb so viel gefährlicher als alle anderen Viren der vergangenen Globalisierungs-Jahre, weil es so schwach ist. Es hat solch starke Wirkung, weil es so mild verläuft. Weil es, wenn es einmal im Wirt sitzt, für viele kaum spürbar ist; weil es für die allermeisten Menschen ohne Probleme zu bewältigen ist und den Organismus nicht, wie bei der Grippe, mit sofortiger Wirkung schachmatt setzt. Wer Influenza-infiziert ist, liegt darnieder, schwitzt und fiebert und ist aus Kraftlosigkeit zwangsläufig zwei Wochen in Quarantäne. Corona aber hat sich millionenfach verbreiten können, weil so viele Körper zur gleichen Zeit keine Warnsignale aussandten.

Die meisten haben Corona anfangs massiv unterschätzt. Als die Ersten infiziert waren, habe beispielswiese auch ich das Virus so wenig Ernst genommen wie Jens Spahn vor kurzem noch meinte, alles unter Kontrolle zu haben. Und wie bei so vielen anderen auch war meine kognitive Ignoranzleistung sodann enorm: Leugnung, Verdrängung, Vermeidung, Frustration, Überdruss, Unwohlsein. Alle Emotionen haben sich aber nun der Rationalität der Prävention unterzuordnen. Seit Wochen im Ausnahmemodus ist Prävention die oberste Instanz staatspolitischer Rationalität. Man könnte diesen Akt theoretischer Vernunft als 'Kantischen Imperativ der pandemischen Ära' bezeichnen. Im Originalton lautete der Königsberger Philosoph Ende des 18. Jahrhunderts wie folgt: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."

Ich zum Beispiel handele seit ausgerechnet Freitag, den 13. März, kantianisch. Ich handle, indem ich gerade nicht handle. Ich handle durch jene Maxime der Selbstisolation in meiner häuslichen Isolationskammer, durch die ich zugleich will, dass alle so handeln, weil nur dann, wenn alle so handeln, der Primat praktischer Prävention funktioniert. Entweder halten sich alle dran, oder alles bringt nichts. Zwei Wochen habe ich gebraucht, um mir die Ungeheuerlichkeit des Kantischen Imperativs für die Gegenwart klar zu machen. Ich musste Bewusstseinsarbeit leisten und mir Tag für Tag vergegenwärtigen, dass ich, wie jede und jeder andere es auch tun muss, eine geistige Transferleistung zu erbringen habe. Sie besteht im konjunktivischen Verdacht gegen den anderen wie zugleich im Verdacht gegen mich selbst, infektiös zu sein. Ich musste in kürzester Zeit lernen, meine wirtschaftliche und soziale Zukunft aufs Spiel zu setzen, um dem Grundsatz der Gleichwertigkeit jeden Lebens zu garantieren. Jeder atmende Mensch ist eine Gefahr für die Volksgesundheit. Die allgemeine Maxime im März 2020 lautet: Jeder atme für sich allein.

DRITTE WOCHE

Nach drei Wochen Katastrophenfall und Kontrollverlust wird immer deutlicher: Für eine Gesellschaft, deren Leitmotive Perfektion und Prognose sind, die aufs Komma genau die Zukunft berechnen will, ist die Ungewissheit, wann es wie weitergeht, ein Kollektiv-Trauma. Ohnmächtig dem drohenden Untergang zuzusehen, kommt für den hyperpragmatischen Individualisten, dessen Ehrgeiz darin besteht, alles im Griff zu haben, einer schlimmen Selbstwert-Einbuße gleich. Gegen die Raffinesse der Evolution ist selbst der noch so optimierte Mensch machtlos. Eine Virus-Epidemie läuft wie ein Uhrwerk. Wenn die erste Person stirbt, hat man zwei Wochen zuvor hundert Fälle nicht bemerkt. Außer Isolieren und Hoffen gibt es nichts, was der sonst allzeit problemlösungsfixierte Mensch tun kann. Er, der Künstliche Intelligenzen und autonome Maschinen kreiert, wird an der natürlich intelligenten Führung seines Lebens fundamental gehindert. Für Mitglieder einer gesundheitsfanatischen Ära, deren aerodynamischer Dreiklang Fitness, Jugendlichkeit und Mobilität miteinander verknüpft, kann es eine größere Kränkung nicht geben. Was vor kurzem noch als Neurose zwanghafter Persönlichkeiten galt, gilt plötzlich als vorbildlich: Händewaschen, Keimfreiheit, Mundschutz. Vorübergehend zum Hypochonder geworden, verdächtige ich zum Beispiel bereits den typischen Frühjahrs-Heuschnupfen, Covid 19 sein zu können.

"Seit der deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames, solidarisches Handeln ankommt." (Angela Merkel)

Im Ausnahmemodus der organisierten Vereinzelung erfährt das Wort "Zusammenhalt" einen faszinierenden Widersinn: Fürsorge bedeutet Ausweichen, Nächstenliebe heißt Nächstenvermeidung. Wie schnell es völlig normal geworden ist, sich selbstverständlich nicht zu umarmen!

Solidarität in coronischen Zeiten definiert sich durch persönlichen Pauschalverzicht aller zugunsten der potentiellen Unversehrtheit weniger Risikogruppen. Normalerweise bräuchte Solidarität im Sinne eines gemeinsamen Kampfes für gemeinsame Interessen gegen einen klar definierten Gegner reale Erfahrungsräume und soziale Nähe, um sich entfalten zu können. Im Ausnahmemodus von Sozialdistanz und Kontaktverbot aber gibt es keine gelebte Solidarität, sondern eine beschworene. Sie besteht in der persönlichen Vorleistung jedes einzelnen Mitbürgers, den eigenen Verlust zum Wohle eines Anderen hinzunehmen. Solidarität lebt von der Zustimmung des Einzelnen in die Richtigkeit einer Übereinkunft, und je länger ein Ausnahmemodus dauert, desto schneller schwindet Solidarität. Treten Kollateralschäden eines Shutdowns auf – etwa häusliche Gewalt, Depressionen, Suizid – zerstäubt die Voraussetzung für das, was Solidarität bedingt: die Einsicht in die Notwendigkeit der eigenen Unterordnung für ein höheres Ziel. Diese schwindende Bereitschaft muss gar nicht an ignorantem Egoismus liegen, sondern hat mit der Angst des Einzelkämpfers vor dem Ruin seiner Existenz zu tun. Bei einer Sterblichkeitsrate von weit unter einem Prozent in ihrer Kohorte könnte jungen, gesunden Mitbürgern der Preis eines ökonomischen und dann sozialen Desasters auf Dauer als zu hoch erscheinen.

Was also tun verantwortungs- wie gesinnungsethisch geschulte Politiker – in deren Haut man gewiss nicht stecken möchte – um angesichts einer apokalyptisch wütenden, unsichtbaren Katastrophe diese Einsicht der Menschen täglich aufs neue zu stimulieren? Mittels Solidaritäts-Suggestion schmieden sie eine mythische Opfergemeinschaft, um – ohne differenzieren zu müssen – gleichermaßen alle in Mithaftung zu nehmen: Gemeinsam schaffen WIR das! Die aktuellen Zahlen sind das überzeugendste Pfund der einflüsternden Entscheider: Bis auf weiteres sind sie mit der gezielten Rechtsverletzung im Recht.

"Jeder von Ihnen hat sein Leben radikal geändert. Jeder von Ihnen hat dadurch Menschenleben gerettet und rettet täglich mehr." (Frank-Walter Steinmeier)

Letztlich geht es bei allen Einschränkungen, die den Deutschen seit Wochen zugemutet werden, um ein einziges Dilemma. Genauer: Um die Verhinderung jenes Dilemmas, das vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte das schlimmstmögliche überhaupt ist: die Selektion von Leben. Alle eingeübte, gelobte und stimulierte Solidarität hat zum Ziel, dass Ärzte in deutschen Krankenhäusern nicht – wie in Italien geschehen – in den Konflikt der sogenannten Triage geraten: also zwischen der Beatmung beispielsweise eines 80- und der einer 30-Jährigen priorisieren zu müssen, wenn nicht beide zugleich gerettet werden können. Ob Ältere das gleiche Recht auf Beatmung haben wie Jüngere, berührt eine fundamentale Frage der Ethik: Darf man einen bereits begonnenen, lebenserhaltenden, intensivmedizinischen Vorgang abbrechen, um das Leben eines anderen zu retten?

Entweder geht es um das Leben an sich, dann muss jedes Leben als per se gleichwertig betrachtet werden. Das heißt: Mensch darf nicht gegen Mensch ausgespielt werden. Ohne Einschränkung. Ohne Rücksicht auf Alter, Lebenserwartung oder Überlebenschance. Also bedingungslos. Oder aber Leben wird ge- und bewertet auf der Basis von Bedingungen: von Lebenschancen und Überlebenschancen. Dann ließe sich zwischen Alter und Generation differenzieren: Eine 30-jährige Frau hätte im Konfliktfall eine bessere Überlebenschance als ein 80-jähriger Mann in der finalen Phase seiner biologischen Lebenserwartung.

Im tragischen Konfliktfall der Konkurrenzsituation bei absoluter Knappheit von Beatmungsgeräten kann es nur um die Erfolgsaussicht der Behandlung und die höhere Überlebenswahrscheinlichkeit gehen – unabhängig von Alter oder Herkunft des Patienten. Kein Mensch darf gegen seinen Willen für einen anderen geopfert werden: Dieses fundamentale Rechtsprinzip der ausgeschlossenen Tötung markiert den Reifegrad an Humanität in einer Gesellschaft. Wer das Leben einmal zu klassifizieren anfängt, kommt auf Dauer in Teufels Küche.

VIERTE WOCHE

Auf die Stunde der Virologen folgt die Stunde der Auguren. Und der Rechthaber und Besserwisser. In der nachösterlichen Morgenröte erheben sich einige keineswegs belanglose Fragen für eine Gesellschaft auf der nationalen Immunstation: Wird das bisher gültige System aus 'Kostenminimierung zwecks Gewinnmaximierung' künftig noch das richtige sein? Wird es in postcoronischer Zukunft eine Rückkehr zum alten Trott von Stress, Erschöpfung, Beschleunigung und Optimierung geben? Bleibt der Superstaat? Kehrt die Marktwirtschaft zurück? Und gründet der neue Schub an Zivilisierung in der Gewohnheit, in den kommenden Jahrzehnten die Hände alle paar Minuten mindestens 30 Sekunden lang zu waschen?

"Die Lage bleibt weiter sehr sehr ernst. Es gibt keinen Anlass zur Entwarnung." (Markus Söder)

Es geht schon jetzt nicht mehr um das Virus, es geht um das System. Die Pandemie beschleunigt die große Transformation, die vor längerem begonnen hat: der Aufstieg Asiens, der Niedergang des Westens, die Implosion Europas, die Überwachung des Datenverkehrs, die Herrschaft der Automaten und der Siegeszug des Digitalen. Das regierungsamtliche Kontaktverbot, das die individuellen Leiber wie auch die gesellschaftlichen Körper voneinander isoliert, könnte einen starken Verlust leibhaftiger Zwischenmenschlichkeit bewirken. Die nach Strafandrohung eingeübte Sozialdistanz steigert jene Entkörperlichung, die durch die Virtualität des Daten-, Waren- und Kommunikationsverkehrs bereits seit längerem eingesetzt hatte. Digitale Arbeitsmodelle könnten die Präsenzkultur schneller obsolet werden lassen als vor vier Wochen jemals für möglich gehalten wurde: Home Office, Home Schooling, Home Training, Home delivery – der kommunikationstechnologische Fortschritt könnte den Menschen zum perfekt umsorgten Stubenhocker machen. In der postcoronischen Zeit könnte die Leibfeindlichkeit der virtualisierten Lebenswelt durch Videokonferenz, Video-Sprechstunde und Online-Coaching zu einem neuen Level an Unberührtheit führen. Roboter bekommen keine Lungenentzündung, Maschinen müssen nicht künstlich beatmet werden.

"Aber noch ist das die Ruhe vor dem Sturm. Keiner kann genau sagen, was in den nächsten Wochen kommt." (Jens Spahn)

Jetzt, da der Reproduktionsfaktor des Virus über Glück oder Unglück ganzer Volkswirtschaften entscheidet, ist die Deflation des Wachstums, von der Wachstumskritiker immer geträumt haben, mir nichts dir nichts Realität geworden. Nichts wächst, nichts steigt mehr. Am Ende des coronischen Jahres wird zu besichtigen sein, wie hoch die sozialen Folgekosten des erzwungenen Verzichts sind: Ob Volksrevolutionäre oder Faschisten durch die Straßen ziehen; ob die Armen und Armgewordenen Plünderungsfeldzüge veranstalten werden; ob es Freudentänze oder einen Ansturm auf Psychotherapie-Praxen geben wird.

In vier Wochen coronischer Überwältigung hat der ausgangsbeschränkte Bürger sein Land kennengelernt. Er hat erfahren können, was Deutschland ausmacht. Er hat erlebt, wie die öffentliche Sittlichkeit verfasst ist. Er hat verstanden, auf Basis welcher Kategorien die volksvertretenden Politiker handeln. Er hat zu verstehen versucht, was genau zwischen Rasten und Verweilen auf der Parkbank den bis zu 150 Euro teuren Unterschied ausmacht. Und beim Blick ins nahe und ferne Ausland hat er zu schätzen gelernt, in diesen katastrophalen Zeiten in der Bundesrepublik leben zu dürfen. Seit Wochen ist das Virus mit von der Partie. Es gehört zu uns. Wir müssen mit ihm leben. Es programmiert eine neue Normalität. Die eigenen Ansprüche sind bescheiden geworden. Beim nachösterlichen Blick in den Spiegel halte ich zum Beispiel Friseure nicht für system-, aber unbedingt für selbstachtungsrelevant.