Therapiestunde auf unseren Bildschirmen Wenn Serien die Psyche behandeln

Serien stellen psychische Krankheiten oft als lustig dar. Oder eine Erkrankung soll einen Charakter komplexer wirken lassen. Inzwischen gibt es eine Reihe Serien, die zeigen, wie unsere Psyche tickt. Wir schauen uns einige näher an.

Von: Katja Engelhardt und Vanessa Schneider

Stand: 10.07.2020

Szene aus der Animationsserie "Undone" von Amazon Prime Video. | Bild: 2019 Amazon.com Inc.

Serien schauen bedeutet für uns: sich auf die Couch fläzen, abschalten, Probleme vergessen. Die Serienwelt ist Eskapismus. Sobald wir unsere Bildschirme einschalten, sehen wir aber nicht nur Entspannendes, sondern auch Charaktere in emotionalen Krisen und psychischen Ausnahmesituationen - von Thrillern und True Crime Geschichten bis hin zu Serien wie "The Afterlife" oder "Feel Good". Bei denen wird die Ernsthaftigkeit mit besonders viel Humor verziert. Und wir verfolgen auch immer mehr Schicksale von Serienfiguren. Fast 16 Millionen neue Abos verzeichnet allein Netflix im ersten Quartal diesen Jahres. Disney Plus berichtet sogar von 26,5 Mio neuen User*innen weltweit und auch beim Streamingdienst von Amazon Prime steigen die Neuanmeldungen.

Figuren mit psychischen Erkrankungen auszustatten, ist eine sehr spannende Angelegenheit. Wenn wir ihnen zuschauen, aber auch wie sie geschrieben werden. Denn deren Ticks, Ausraster und Zustände erlauben atemberaubende Twists und fixe, aber überraschende Lösungen der verzwickten Plots. Unberechenbare Figuren sind Gold wert. Dass in vielen Serien psychische Erkrankungen eine Rolle spielen, ist also gar nicht so erstaunlich. "Irgendwo habe ich das Zitat gelesen: 'Es gibt eigentlich keinen interessanten Film ohne Charaktere, die irgendwie psychisch verändert sind.' Psychische Veränderungen und oder psychische Erkrankungen machen Filme interessant. Seit ich dieses Zitat gelesen habe, gucke ich tatsächlich auch anders darauf. Und mir fällt kaum ein Film ein, wo ich nicht sagen würde, das wären Patienten oder Charaktere, die ich nicht auch bei mir in der Klinik behandeln würde", sagt Dr. Philipp Spitzer. Der Oberarzt bildet an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg angehende Psychiater*innen aus. Dabei setzt er in puncto Anschauungsmaterial auch auf fiktionale Filme.

Wenn Serien solche Charaktere auf unseren Bildschirmen zum Leben erwecken, steckt ein riesiges soziales Potential dahinter. Serien mit solchen komplexeren Charakteren und Geschichten können über viele Stunden und Folgen hinweg für mehr Verständnis sorgen und dem Umfeld von Betroffenen vermitteln, mit der Erkrankung sorgsam umzugehen. Und sie zeigen, dass wir nicht allein sind mit unseren eigenen psychischen Herausforderungen und Problemen. Im Idealfall sehen wir auch, dass es ok ist, sich Hilfe zu suchen und darüber zu sprechen. Es entwickeln sich immer mehr spannende Stoffe, die genau das leisten. Die Dramaturgin Eva-Maria Fahmüller sieht in dieser Erweiterung des Marktes einen positiven Aspekt der Streamingdienste: "Ich glaube, dass durch den Serienboom, wo Serien spezifischer sein können und auch kleinere, besondere Zielgruppen treffen können, auch kultiger und cooler sein können. Man hat wieder mehr angefangen, die Möglichkeiten des Mediums Films zu nutzen - auch Innenwelten darzustellen, stilistische Experimente zu machen, expressionistische und surrealistische Dinge in Geschichten einzubauen. Das ist wieder stärker geworden."

Nicht alle neuen Serien sind vorbildlich im Sinne einer korrekten Darstellung von psychischen Erkrankungen. Aber sie werden mutiger, direkter und auch kreativer. Psychiater Dr. Walter Stehling berät unter anderem Filmstudent*innen bei der Figurenentwicklung in Sachen psychischer Erkrankungen. Für uns hat er sich einige Serien angesehen und eingeschätzt.

Bojack Horseman

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BoJack Horseman – Offizieller Trailer | Netflix | Bild: Netflix Deutschland, Österreich und Schweiz (via YouTube)

BoJack Horseman – Offizieller Trailer | Netflix

"Was mir bei Bojack Horseman auffällt: Dass Männer mit Depressionen als richtige Ekel dargestellt werden, die selbstgerecht sind und verletzend sein können. Das Umfeld vergibt denen immer, weil sie ganz tief reingucken in den Charakter und der in Wirklichkeit ja liebenswürdig ist. Das entschuldigt dieses Arschloch-Verhalten.

Früher hat man gesagt 'lavierte Depression', wenn Menschen etwas Depressives in ihrem Leben oder einen unbewussten Konflikt in ihrem Leben nicht geregelt kriegen und darum mit körperlichen Symptomen reagieren. Oder wie bei den Serienfiguren Hank Moody [aus der Serie 'Californication'], Bojack Horseman und Ricky Gervais [Serie 'Afterlife'], wenn sie mit einer bestimmten Form des Sozialverhaltens reagieren. Deshalb könnte man da den mittlerweile historischen Begriff der lavierten Depression für die Figuren vielleicht ummünzen, auch wenn sie vielleicht keine körperlichen Symptome haben.

Bojack ist auch einer, der es dann irgendwann nicht mehr schafft, rauszugehen. Er führt eine nur scheinbare, zerknirschte Existenz als armselige Kreatur, obwohl er reich ist. Das erleichtert uns möglicherweise den Umgang mit unseren einfachen Problemen als einfache Menschen."

- Dr. Walter Stehling

Undone

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Undone - Official Trailer | Prime Video | Bild: Amazon Prime Video (via YouTube)

Undone - Official Trailer | Prime Video

"Ich denke, dass Krankheit in Filmen und Serien häufig eine Metapher für etwas anderes ist - für eine innere Verletzlichkeit, aber auch für einen Druck von außen. Letzten Endes ist es spannend, drüber nachzudenken, was sie denn tatsächlich hat und ob sie eine psychische Erkrankung hat und welcher Natur diese psychische Erkrankung ist.

Das, was ganz spannend ist: In den ersten Folgen der Serie bekommt sie ein technisches Device, so ein elektronisches Blackjack Spiel, mit dem sie sich im im Diesseits und im Jetzt so ein bisschen zurücknehmen kann, wenn sie abdriftet. Das ist etwas, was bei vielen Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung oder mit einer emotionalen, instabilen Persönlichkeitsstörung geraten wird, die dazu neigen, zu dissoziieren. Das wird von dieser Psychotherapeutin oder Psychiaterin, die in einer Szene kurz auftaucht, auch als eine Art Skill-Technik auch direkt korrekt benannt.

Und ja, dieses kippen in ihre Trance Welten, ist natürlich auch immer sehr gelungen dargestellt, weil diese Übergänge fließend sind und sie manchmal auch zweimal zu sehen ist, wenn sie aus ihrer tatsächlichen Identität raus geht, in diese andere Trance-Identität."

 - Dr. Walter Stehling

Tote Mädchen Lügen Nicht

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TOTE MÄDCHEN LÜGEN NICHT Staffel 1 Trailer German Deutsch (2017) Netflix Serie | Bild: Moviepilot Trailer (via YouTube)

TOTE MÄDCHEN LÜGEN NICHT Staffel 1 Trailer German Deutsch (2017) Netflix Serie

"Raten würde ich Hannah Baker gar nichts, weil ich müsste sie erst einmal kennenlernen. Die erste Staffel hat mich so genervt, dass ich danach aufgehört habe. Wir wissen gar nicht, was das für ein Mensch ist. Sie ist ja einfach nur ein Thesenträger in der ersten Staffel. Und sie bringt als Katalysator eine Krimihandlung im Highschool-Milieu in Gang, wo es um Mobbing geht, wo es um sexualisierte Gewalt geht. Aber diese Menschen in dieser Serie sind extrem künstlich und Schablonen.

Und wir verstehen auch gar nicht, warum sie das immer so klaglos hinnimmt und wieso sie, obwohl sie eigentlich eine intelligente Person ist, das immer wieder so mit sich machen lässt. Das ist unverständlich. Der gesamte Kontext wie mit Mobbing, mit psychischen Krisen von jungen Leuten in dieser Serie umgegangen wird, ist - finde ich - rein spekulativ. Nur auf eine Krimihandlung abgezielt, zumindest in der ersten Staffel. Und deswegen finde ich das für eine Darstellung von jungen Leuten in psychischen Krisen, völlig ungeeignet. Es ist ein reines Genre-Stückchen."

 - Dr. Walter Stehling

Euphoria

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EUPHORIA Trailer (2019) | Bild: KinoCheck International (via YouTube)

EUPHORIA Trailer (2019)

"Wir können lebendigen Menschen zuschauen und wir können mitfühlen. Es ist halt eine eine eskalierte Welt. Und deswegen akzeptiere ich das, auch wenn ich natürlich als Therapeut zu Menschen sage: Wir leben nicht in einer solchen Welt. Es gibt nicht die Mean World. Wir leben in einer besseren Welt, als sie da dargestellt ist, klar! Trotzdem akzeptieren wir das, dass Menschen sich bewähren müssen in einer schwierigen und oft feindlichen Umwelt, weil wir diese Figuren mögen und weil wir an ihrer Geschichte teilhaben. Und das passiert ja letztenendes bei 'Tote Mädchen lügen nicht' gar nicht.

Die Suchterkrankung wird bei 'Euphoria' nicht bagatellisiert und wird nicht zugetüncht von einem bösen Panorama drumherum, sondern es wird immer wieder schlaglichtartig klar gezeigt, was eine Suchterkrankung für Auswirkungen auch auf das Umfeld hat. Wie es nicht nur den Patientinnen und Patienten selbst, sondern auch ihren Lieben schadet. Das wird völlig unmissverständlich dargestellt. Alles auch nicht wertend. Wir als Zuschauer sind aufgefordert, das genau anzugucken und zu lernen und mit den Figuren zu leiden.

Ich denke, was man der Hauptfigur Rue mitgeben kann, ist: Glaube an das, was du liebst und glaube an deine Liebe zu dir und stehe immer wieder auf. Das ist etwas, was in der Suchtbehandlung ganz wichtig ist, das man nicht den Glauben an die Patientinnen und Patienten verliert und signalisiert, dass sie den Glauben an sich nicht verlieren dürfen. Ich denke, dass Rue - trotz ihres schwierigen Weges - eine gute Chance hat."

 - Dr. Walter Stehling

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Einen ausführlichen Pocast, mit noch viel mehr Beispielen aus der Serienlandschaft und tieferen wissenschaftlichen Einblicken in Serien und was deren Darstellung von Figuren mit psychischen Erkrankungen mit uns macht - das alles findet ihr hier.

Wenn Sie düstere Gedanken haben, oder keinen Ausweg mehr sehen, kann es helfen mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Ganz anonym geht das zum Beispiel telefonisch bei der Telefonseelsorge. Die erreichen Sie kostenfrei und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 oder im Chat auf der Webseite der Telefonseelsorge.