Herbert Grönemeyer wird 65 Albert Ostermeier über die Poesie Grönemeyers

Herbert Grönemeyer schafft das, was nur wenigen Musikern gelingt: Hymnen schreiben, die Stadien füllen und dennoch nichts mit Schlager zu tun haben. Der Lyriker Albert Ostermaier erklärt, warum Grönemeyers Texte so genial sind.

Von: Barbara Knopf

Stand: 12.04.2021

Herbert Grönemeyer singt | Bild: Henning Kaiser - dpa/picture alliance

Herbert Grönemeyer, geboren heute vor 65 Jahren in Göttingen, aber aufgewachsen in Bochum, der Stadt, der er eine Hymne gewidmet hat. Der Vater war Ingenieur im Bergbau, die Mutter Krankenschwester. Herbert Grönemeyer begann am Theater als Pianist, als Schauspieler war in Wolfgang Petersens "Das Boot" zu sehen. Doch längst ist einer der erfolgreichsten, zeitgenössischen Musiker Deutschlands, nicht ganz unwichtig dabei: seine Texte. Mit dem Lyriker Albert Ostermaier sprach die kulturWelt über Grönemeyer und dessen lyrisches Talent.

Barbara Knopf: Sie kennen Herbert Grönemeyer und sind mit ihm befreundet. Wie schauen Sie denn als Lyriker auf die Texte von Herbert Grönemeyer? Ist das interessante Lyrik?

Albert Ostermaier: Es ist ja immer schwierig, Songtexte als Gedichte zu sehen, aber wenn man Herbert Grönemeyers Texte liest, prägen sie sich ein. Sie schaffen es wirklich, auf dichtestem Raum die Themen und den Herzschlag unserer Zeit zu treffen. In den Verästelungen, in den Verwundungen, in den Augenblicken. Das ist eine sehr sensitive, sehr sinnliche, sehr kraftvolle, aber zugleich auch sehr reflektierte, nach innen gewandte Lyrik, die eigentlich immer wieder Sätze findet, die nicht nur unsere Zeit beschreiben, sondern mit denen wir leben können und leben wollen.

Also ich stelle mir das auch gar nicht so einfach vor, so ein Gefühl oder diese Verästelungen, die Sie gerade beschrieben haben, in einen Satz zu gießen. Haben Sie mal so ein Beispiel, wo das gut funktioniert?

Zum Beispiel in dem Text "Kopf hoch tanzen". Da gibt es eine Zeile, die das sehr schön demonstriert: "Wie weint man einer Träne nach?" Wir kennen alle die Aussage: "Dem weine ich keine Träne nach". Das ist eine Redewendung, die so nebenbei ausgesprochen wird. Aber Herbert Grönemeyer benutzt diese gängige Redewendung und nimmt sie auseinander, isoliert sie und kontextualisiert sie neu.

Haltung zeigen ohne platte Parolen

Dadurch wird sie für uns zu einem ganz verblüffenden Erlebnis: Indem wir das immer schon Gesagte, das immer schon Gehörte auf einmal als etwas Unerhörtes erleben, das uns einen ganz anderen Gedankengang eröffnet und uns im nächsten Schritt sogar für die Sprache sensibilisiert. Und wenn ich im Alltag solche Redewendungen höre, dann denke ich mir: Wie wird Herbert die jetzt drehen?

Es gibt bei Grönemeyer wiederkehrende Topoi: Fliegen, Schweben, Träumen.

Manchmal erinnert seine Lyrik fast an Matthias Claudius. Es ist ein sehr inniges, affirmatives Verhältnis zur Natur. Aber die Natur natürlich wird immer auch erfahren als eine gefährdete. Sie kann aber auch zu unserem Feind werden. Diese Natur kann eine Gewalt haben. Das kann man im Song "Roter Mond" sehen, der einen Flüchtling auf einem Boot schildert - und da merkt man dann, dass es die andere Seite der Natur gibt. Herbert Grönemeyer ist meistens konnotiert mit positiver Energie. Aber es gibt auch eine andere Seite, eine der Selbstreflexion, wo er eine politische Schärfe bekommt und wo die Dinge nicht nur nicht nur gezeigt, sondern wirklich benannt werden.

Herbert Grönemeyer ist jemand, der einfach immer Haltung hat, diese Haltung zeigt und das manifestiert sich auch in den Texten.

Aber er verbindet diese Haltung nicht mit einer platten politischen Parole, sondern mit Emotionalität. Insofern haben wir die Möglichkeit, an einen politischen Gedankengang anzudocken, aber zugleich auch uns selbst etwa mit diesem Schicksal des Flüchtlings in "Roter Mond" zu verbinden, weil wir auf einmal genauso adressiert sind. Weil wir all das, was er politisch sagt, ganz sinnlich und direkt und unmittelbar erfahren können.