Martina Gedeck "Das Bayerische, das ist niemals weg"

Sie spielt gern verletzte oder brüchige Charaktere wie die Hölleisengretl oder Ulrike Meinhof. Martina Gedeck über ihre bayrischen Wurzeln, ihre interessantesten Rollen und die Pandemie. Heute bekommt sie den Ehrenpreis beim Bayerischen Filmpreis.

Stand: 27.04.2021 | Archiv

Martina Gedeck erhält den Ehrenpreis des Bayerischen Filmpreis 2020 | Bild: Henning Schacht/Bayerische Staatskanzlei

Martina Gedeck ist als Schauspielerin gleichermaßen präsent wie überraschend, zum Beispiel im Film "Die Wand", wo sie eine von ihrer Umwelt abgeschnittene Frau spielt. Oder in ihren Rollen als RAF-Terroristin Ulrike Meinhof oder als Köchin in "Bella Martha". Zweimal erhielt sie den Deutschen Filmpreis, zweimal den Bayerischen Filmpreis. Sie hat mal gesagt, sie wolle eigentlich gar keine Preise mehr. Aber sie bekommt einen heute Abend: Den Ehrenpreis des Ministerpräsidenten beim Bayerischen Filmpreis. Für die kulturWelt hat Barbara Knopf mit Gedeck gesprochen.

Barbara Knopf: Grüß Gott, Frau Gedeck.

Martina Gedeck: Hallo, grüß Gott!

Das Grüß Gott war Teil Ihrer Jugend. 1961 sind Sie nämlich in Landshut geboren. Mit zehn Jahren dann nach Berlin gezogen, dort sind Sie am Max Reinhardt Seminar ausgebildet worden. Zuletzt haben Sie in der BR -Serie "Oktoberfest 1900" gespielt. Holt man da Erinnerungen wieder hoch? In der Sprache, in der Mentalität, im Zorn?

Auf jeden Fall. Ich glaube das Bayerische, in diesem Fall meine Kindheit, ist nie wirklich weg. Das ist ja sozusagen der Urgrund von allem, was ich mache. Es sind die Wurzeln und die Sprache. Der Dialekt ist etwas, was da sehr, sehr wichtig ist. Und natürlich gemahnt mich das an meine Großmutter, an viele bayerische Frauen, die ich kannte, die mit großer Kraft durchs Leben gegangen sind und sich nichts gefallen haben lassen.

Sie haben mal gesagt, "in dem Moment, in dem ich feststelle, dass ich jemand bin, der ich nicht bin, bin ich von mir selber befreit". Ich finde, das ist ein vertrackt philosophischer Satz. Was erfährt man denn beim Spielen, was man selber nicht ist?

Man erfährt eigentlich – wenn das Spiel gelingt –, dass die Wirklichkeit etwas Vorläufiges ist, dass es noch andere Welten gibt, in denen man sich bewegt. Die kann man gar nicht so genau beschreiben, aber sie sind einem doch vertraut in dem Moment, wo man spielt. Wenn ich mich im Spiel quasi selbst vergesse.

Wenn man Ihnen beim Spielen zuschaut, dann merkt man, dass Sie sich diese Rollen anverwandeln. Mich würde interessieren, wie kommt man da hin, zum Beispiel eine Ulrike Meinhof zum Beispiel zu spielen, oder auch andere Charaktere? Sie spielen ja öfter radikale und auch ein bisschen brüchige Charaktere.

Ja, ich glaube, das Brüchige und das Verletzliche ist etwas, was allen Menschen gemein ist. Was ich in jeder Figur entdecke und auch wichtig finde, dass man es zeigt. Menschen sind keine Helden, sie sind auch manchmal ohnmächtig. Bei der Rolle der Ulrike Meinhof war das im Grunde ein ganz natürlicher Prozess. Ich habe mir viele Tondokumente angehört, als sie noch gar nicht in der RAF war und wirklich versucht hat, gegen die Missstände in der Welt anzukämpfen. Dann die späten Gefängnisaufnahmen, als sie gebrochen war. Man entdeckt in der Stimme eine unglaubliche Veränderung.

Jede Ihrer Figuren hat eine sehr sinnliche Präsenz, auch im erotischen Sinn, aber ich meine vor allem im Sinn einer Lebenswirklichkeit, einer Lebendigkeit. Gehen Sie sehr körperlich an Ihre Rollen ran?

Ja, der Körper ist natürlich mein Instrument, nicht nur meine Stimme. Gerade für die Filmkamera drückt der Körper jede kleinste Nuance aus, was mit dem Menschen gerade passiert. Wenn man von innen her arbeitet, in der Emotion ist, macht der Körper das eigentlich von selber. Und ich bin natürlich als lebendiger Mensch anwesend im Raum. Auch wenn ich vermeintlich spiele, erlebe ich doch das, was ich spiele.

Sie engagieren sich auch sehr für die Beatle Stiftung, in der behinderte und kranke Menschen und auch Kinder miteinander leben, also Menschen, die Hilfe brauchen, und haben da mal sehr dafür plädiert, dass man doch auch mehr Sinn haben sollte für Menschen, die eben nicht perfekt sind. Spielt das auch in Ihre Rollen hinein?

Ja, schon. Ich habe viele Frauen gespielt, die keine Heldinnen sind, die auch nicht unbedingt dem Zeitgeist entsprechen. Das ist auch gar nicht immer nur positiv gesehen worden. Der Trend, gerade in der jetzigen Zeit, ist, dass die Frau stark sein soll. Ich habe auch Frauen gespielt, die nicht weiter wissen oder sich nicht zurechtfinden oder ohnmächtig sind in Situationen. Das ist ein ganz wichtiger und auch bemerkenswerter menschlicher Zustand, und den kann man, indem man ihn darstellt, auch ein bisschen hervorheben. Das ist nichts, was man verstecken muss.

In "Die Wand", der Roman-Verfilmung von Marlen Haushofer, ist das Leben außerhalb der unsichtbaren Wand wie eingefroren und Sie sind als Figur ganz auf sich selbst gestellt und nur mit ein paar Tieren zusammen, Hund, Katze, Kuh. Sie sind sozusagen die einzige Überlebende. Ist das für Sie ein Sinnbild für die Corona-Pandemie geworden?

Ja, "Die Wand" ist eigentlich seiner Zeit voraus gewesen. Dieses Bedrängtsein, die existentielle Not, ich glaube, den Film würden heute sehr viele Menschen besser verstehen.

Sie spielen ganz alleine in dem Film, ohne zu sprechen –außer den Szenen, die Sie aus dem Off kommentieren. Wie spielt man das?

Man muss es denken! Es werden ja Gedanken und Gefühle in diesem inneren Monolog beschrieben. Wenn ich zum Beispiel sage, allmählich kriecht die Angst von allen Seiten auf mich zu und ich will nicht, dass sie mich überwältigt, dann muss man das - da ich es ja nicht sage, sondern denke- in dem Moment in meinen Augen sehen. Und ich hatte schon Partner: Die Tiere reagieren unmittelbar auf das, was sie atmosphärisch spüren. Zum Beispiel der Hund: Wenn ich in großer Angst weggerannt bin, hat der Hund immer versucht mich zu retten, weil er gedacht hat, mir passiert jetzt was ganz Schlimmes. Oder eine Szene, die nicht im Film ist: Da hab´ ich hohes Fieber gespielt und brech´ im Kuhstall zusammen - da ist der Hund angeschossen gekommen und hat mir mein Gesicht abgeleckt. Das war zwar nur gespielt, aber für den Hund war das echt. Und insofern war auch ich ganz echt, mit den Tieren muss man ganz echt sein, sonst machen die irgendwas!

Sie bekommen ja öfter Rollen, in denen sie eigentlich gar nicht so viel sagen. Trotzdem sind das tolle Frauenfiguren. Sie haben auch mal gesagt, bei Ihnen ging es mit 40 erst richtig los.

Ich habe anfangs noch relativ viel Theater gespielt, aber damals war man beim Film eher Staffage: Die Figuren waren in der Zeit eher die beste Freundin von oder das Gspusi vom Hauptdarsteller oder so. Für mich als junge Frau war eigentlich die Hölleisengretl die erste richtig tolle Rolle, wo mich der Jo Baier besetzt hat.

Da waren sie eine junge, bucklige Bäuerin …

Verwachsen, ja. Das ist eine wahre Geschichte gewesen, die Oskar Maria Graf aus einem Zeitungsartikel zu einer Novelle verarbeitet hat. Das war mein Einstieg in dieses interessante Fach.

Wie nutzen Sie eigentlich gerade die Zeit? Denn Sie werden ja wahrscheinlich wegen Corona auch keine Dreharbeiten und keine Bühnenauftritte haben?

Ich lerne ziemlich viele Texte! Ich bereite eigentlich immer irgendetwas vor, was dann doch eine Woche oder zwei Wochen vorher abgesagt wird. Das ist interessant, weil quasi der Sinn und Zweck des Lernens plötzlich völlig unabhängig ist vom Effekt, dass man auftritt oder zu sehen ist. Ich tue es um der Sache willen und das ist eigentlich was ganz Besonderes. Wenn die Aufführung flachfällt, bin ich traurig, aber ich habe trotzdem profitiert. Und ich mache natürlich Radio, habe einige Hörspiele gemacht und auch Features.

Heute Abend bekommen Sie den Ehrenpreis des Bayerischen Filmpreises von Markus Söder. Der hat gesagt, Sie seien für ihn "die deutsche Meryl Streep".

Wenn er das so denkt, das sei ihm gegönnt. Das ist in Ordnung für mich.