Vom "lieben Gott" zum Gegner Wie Knut Hamsun Kurt Tucholsky enttäuschte

Peter Handke, der sich groß von den serbischen Nationalisten feiern lässt, ist nicht der einzige Literaturnobelpreisträger, der politisch irrt: Kurt Tucholsky erlebte eine große Enttäuschung mit Knut Hamsun. Eine kurze Geschichte von Idolatrie und Abfall vom Glauben an einen Schriftsteller.

Von: Knut Cordsen

Stand: 11.05.2021

Der Dichter Kurt Tucholsky mit Hut | Bild: picture-alliance/dpa

Kurt Tucholsky hat einmal formuliert: "Redakteure und Zeitschriften-Herausgeber haben gern das ‚letzte Wort‘, das hat so was Überlegenes. Das ist eine dumme Sitte. Denn Anstellungsverträge mit Verlagen begründen keine geistige Superiorität." Im selben Aufsatz aus dem Jahr 1932 schreibt er über seine Liebe zur Literatur Knut Hamsuns. Es ist nicht das erste Mal, dass er dem verehrten norwegischen Autor öffentlich seine Liebe erklärt: "Ich liebe Hamsun auf das höchste, sein Werk begleitet mich durch mein Leben – aber eine Hamsun-Lästerung ist mir nicht vorstellbar. Ein Mann, der an Hamsun vorbeigeht und ihn für einen Weiberromancier erklärt, ich möchte ihn nicht zum Freund haben. Eine Frau, die über Hamsun achselzuckend zur Mode übergeht, ich könnte sie nicht lange lieben." 

Der vergötterte Hamsun

Hamsun war für Tucholsky wahlweise der "liebe Gott", "ein sehr großer Mensch" oder schlicht "wirklich der Allergrößte. Wofern dies mit dem Respekt vereinbar ist, den ich für ihn hege – er ist der einzige Mensch, vor dem ich den Hut herunterrisse, wenn ich ihn je sähe ..."  Den Lesern der erst von ihm, später dann von Carl von Ossietzky herausgegebenen "Weltbühne" zitierte er 1926 zustimmend eine längere Passage aus einem der Bücher Hamsuns, in welcher Hamsun in ätzenden Worten die Präzeptoren-Rolle moderner Schriftsteller anprangerte, welche sich diese seiner Meinung nach irgendwann anmaßten: "Sie wurden Lehrer des Volkes, sie wußten und lehrten alles. Die Journalisten interviewten sie über den ewigen Frieden, über Religion und Weltpolitik, und sobald einmal in einer ausländischen Zeitung eine Notiz über sie stand, druckten die heimischen Blätter sie sofort ab, zum Beweis, was ihre Dichter für Kerle wären. Schließlich mußte ja den Leuten die Vorstellung beigebracht werden, daß ihre Dichter Weltbezwinger seien, sie griffen übermächtig in das Geistesleben der Zeit ein, sie brachten ganze Völkerschaften zum Grübeln. Diese tägliche Prahlerei mußte natürlich zuletzt auf Männer, die schon vorher Hang zur Pose gehabt hatten, wirken. Du bist ja ein wahrer Teufelskerl geworden! sagten sie wohl auch zu sich selbst. Es steht in allen Blättern, und alle Welt sagt es, also ist es wohl so!" 

Der politisch Ahnungslose

Knut Hamsun

Es ist schon oft beobachtet worden, dass das Werk mitunter weiser ist als sein Verfasser. So auch hier: Der Literaturnobelpreisträger Hamsun, den Tucholsky für "politisch ahnungslos" hielt, wie er 1934 in einem Brief schrieb, mischte sich ein die Politik, und das auf denkbar fatale Weise. In der Zeitung Aftenposten griff er Carl von Ossietzky frontal an. Den Mann, der Hamsun 1929 in der "Weltbühne" in überschwenglichen Worten zum 70. Geburtstag gratuliert hatte: "Glückwunsch? Würdigung? Uns haben wir zu beglückwünschen und ihm zu huldigen. Denn es ist ein Glück zu wissen, daß unter den zwei Milliarden aufrechtgehender Lebewesen, die diese Spottgeburt aus Dreck und Feuer, Erde geheißen, überwimmeln, dieser Mensch ist. Wir dürfen dieses Stück Sternensplitter lieben, weil Hamsun da ist und weil Hamsun es liebt."

Carl von Ossietzky im KZ Sachsenhausen

Ossietzky hatte sich vor ihm und seiner Literatur in den Staub geworfen, ihr gleichsam einen dreiflügeligen Altar gebaut mit dem Triptychon "ein Trost, ein Elixier, ein Stimulans". Und Hamsun? Erwiderte den Lobgesang 1934 auf seine Weise, indem er dem mittlerweile schwer krank im deutschen Konzentrationslager einsitzenden Carl von Ossietzky als "merkwürdigen Friedensfreund" bezeichnete, indem er ihn als falschen Märtyrer verhöhnte und 1935 in einem weiteren Artikel in Aftenposten schrieb, Ossietzky habe den Friedensnobelpreis, der ihm gerade zuerkannt worden war, nicht verdient. Auch die Einrichtung von Konzentrationslagern rechtfertigte Knut Hamsun.  

"Ganz und gar unbegreiflich"

Noch im Sommer 1934 hatte Tucholsky in einem Brief an seinen Freund Walter Hasenclever von Hamsun geschwärmt. Aber in den Ton der Anbetung mischte sich schon leiser Zweifel: "Er scheint übrigens, sobald er nicht schreibt, ein nicht sehr angenehmer und provinzieller Herr zu sein". Ungläubig muss Tucholsky, der längst im schwedischen Exil lebt, kurze Zeit später die Hohnworte Hamsuns über Ossietzky lesen. Es sei "bitter, aber wohl wahr", schreibt er am 6.9.1934 an Walter Hasenclever: "Es ist ganz und gar unbegreiflich ... Er, Ausländer des Daseins, wohnt auf dem Mond. Konnte er nicht das Maul halten? Er weiß doch von diesen Dingen überhaupt nichts. Er kennt Deutschland kaum, kann sicherlich nur ein paar Worte deutsch ... – er ist überhaupt kein Politiker. Himmelarsch- und zwirn. Viel Enttäuschungen können mir hienieden nicht mehr begegnen, ich eskomptiere so viel Schlechtes – aber das da war eine, und sie hat gesessen. Ich hatte mir sein Altersbildnis besorgt, um es ins Schlafzimmer zu hängen – ich weiß nicht, ob ich das noch kann. Das wird ihm gleich sein, aber mir nicht. Ich habe allerdings aus seiner Biographie ...den Eindruck gewonnen, daß er, sobald er seine Werke verläßt, ein kleiner, etwas sauertöpfischer Provinziale ist, ein Zänker (merkwürdigerweise), kleinlich, übelnehmerisch und gar nicht der große Mann. Aber das da -! Er darf reaktionär sein, von mir aus – aber das da! ... Wie ist das möglich -! Mich hat das niedergedonnert." 

Aus dem Hausheiligen ist "der Herr Hamsun" geworden, "meine schwerste und schmerzlichste Enttäuschung der letzten Jahre", wie Tucholsky am 7.10.1934 abermals an Walter Hasenclever schreibt: "Ein solches Maß tierisch-dumpfer Dummheit, von Niedrigkeit und Uninformiertheit, von Rundfunkgehirn ... Sie haben ja, wie ich denke, auch schon einmal einer geliebten Frau nachgetrauert, und Sie wissen, daß man da ja im Grunde sich selbst nachtrauert. Die ganze Liebe, die ich in diesen Mann seit zwanzig Jahren gelegt habe, ist fort. Das Werk besteht, natürlich ... Ich habe seine Bilder von den Wänden genommen, ich mag ihn nicht mehr sehen, und seine Bücher kann ich nun für lange Zeit nicht mehr lesen."

Der Hausheilige ist jetzt "Salonbauer"

Tucholsky steht sichtlich unter Schock. Was nur ist in diesen "Salonbauer" und "alten Burschen" Hamsun“ gefahren? Der Gott ist ein "Gegner" geworden. Tucholsky wendet sich an mehrere Zeitungen. Er will in aller Schärfe auf den "schmählichen Angriff" Hamsuns antworten, mit einem Aufsatz: "Abschied von Hamsun". Sechs, sieben Maschinenseiten soll er haben. 

Am 14.12.1935 versucht es Tucholsky bei der Basler Nationalzeitung: "Wie Sie neulich berichtet haben, hat sich der tapfere Knut Hamsun gegen den wehrlosen, gequälten und gefangenen Carl von Ossietzky ausgesprochen. Darf ich für meinen Kameraden bei Ihnen eintreten -? ... Dieser Ausbruch einer instinktlosen Ignoranz, die ich seit längerer Zeit mit Abscheu und Trauer verfolgen kann (ich spreche schwedisch, kann also auch norwegisch lesen) – das ist etwas, für das Hamsun, der für uns alle einmal sehr hoch gestanden hat, einen auf den Kopf verdient hat ... Sollten Sie sich für einen solchen Aufsatz interessieren, so werde ich mir weitere Aufsätze Hamsuns beschaffen – die mir bekannten überbieten sich an Torheit, Einsichtslosigkeit und übler Gesinnung ... Hier ist etwas Grundsätzliches zu tadeln." Vom 17.12.1935 datiert ein Brief Tucholskys an das Arbeiderbladet Oslo, dem er seinen Aufsatz ebenso anbietet. Dort antwortet man ihm, "dass es für einen Aufsatz nun zu spät ist", weshalb Tucholsky es schließlich noch am 20.12.1935 beim Verband "Det Norske Studentersamfund" probiert: "Hamsun hat gelogen – sei es, daß er die Sachlage gar nicht kennt, sei es, daß er bewußt die Unwahrheit gesagt hat. Hamsun ist mit Zitaten aus seinen Werken zu schlagen ... und vor allem: er ist im Kernpunkt seines Wesens zu treffen. Eben das möchte ich tun, wenn Sie dafür einen Platz wüßten."  

Es sollte nicht mehr dazu kommen. Tucholsky stirbt am 21.12.1935 in Göteborg an einer Überdosis Veronal. Carl von Ossietzky stirbt an den Folgen schwerer Misshandlungen und Tuberkulose unter Polizeiaufsicht am 4. Mai 1938 im Berliner Krankenhaus Nordend. Knut Hamsun schenkte Josef Goebbels 1943 seine Nobelpreis-Medaille und besuchte kurz darauf Adolf Hitler auf dem Obersalzberg. Am 7. Mai 1945 veröffentlichte er einen Nachruf auf Hitler in Aftenposten. Auf die Frage seines Sohnes Tore, warum er diesen Nekrolog geschrieben habe, soll Hamsun, den Tucholsky zuletzt als "ritterlichen Mann" verspottet hatte, gesagt haben: "Es war eine Geste der Ritterlichkeit einer gefallenen Größe gegenüber."