"Rojava" von Karosh Taha Der Kampf ist keine Option – er ist der einzige Weg

Drei Schriftstellerinnen wagen für uns Ausflüge ins Utopische: Saskia Hennig von Lange, Karosh Taha und Verena Güntner. Hier eine Vision der kurdisch-deutschen Autorin Karosh Taha, wie Frauen auch leben könnten. Ausgangspunkt: Syrien.

Von: Karosh Taha

Stand: 05.03.2021 | Archiv

Karosh Taha bei der Lit.Cologne 2019 | Bild: Oliver Berg/dpa

Rojava ist eine Folie, ein Aufruf, eine Klage: Es könnte anders sein. Wir müssen uns wandeln, sonst stehen wir nicht mehr am Rande des Wahnsinns, sonst fallen wir da rein.

Wenn Daesh versuchte, sie in ihren Körpern einzugrenzen, flohen die Frauen in die Berge, erweiterten die Arme mit einer AK47, die leichter ist als die deutsche G36. Die Waffe richtete sich gegen uns, sagt eine Peshmerga, im größten Schrecken ahmt man dem nach, vor dem man sich erschreckt. Das schrieb Walter Benjamin, das meinte die Peshmerga.

Die Zukunftsangst kann als Angst vor dem weißen Blatt übersetzt werden – die Angst was werden wird, denn wir haben verlernt, uns an die Zukunft zu erinnern, wie die Schriftstellerin Sandra Cisneros schreibt. Wir müssen die Utopie anders denken als ihre Überlieferung. Vielleicht fehlte uns bisher auch die Vorstellung für die Physik dieses Ortes.

Das Chaos in eine Utopie verwandelt

Die Frauen in Rojava lernten in der Apokalypse des Krieges sich eine Utopie vorzustellen. Sie haben das Chaos in eine Utopie verwandelt – sie konnten nicht auf ein Ende des Krieges warten, er wird noch lange dauern, prophezeiten sie.

In Rojava gab es den Anfang einer Utopie, bis Erdogan beschloss mit den Kurd+innen so zu verfahren wie Sri Lanka mit den Tamil+innen, er nannte es die "tamilische Lösung".

Meine Schwester, im Bauch meiner Mutter, kündigte mit einem Zittern die Ankunft der Kampfflugzeuge an. Meine Mutter wird sich immer fragen, ob die Vibrationen, ausgelöst durch die Kampfflugzeuge, meine Schwester zum Bewegen brachten, oder ob diese Bewegung im Bauch meiner Mutter ihre erste Kontaktaufnahme war. Meine Mutter wird sich immer fragen. Wir werden niemals wissen. Mutter trank Asche, um Asche zu gebären, und ich kam auf die Welt. Sie wollte nicht eine weitere Miss­geburt: Meiner Schwester fehlte der Mund; sie hätte niemals singen können.

Im Kreis könnten wir uns getroffen haben, um davon zu erzählen, was unseren Körpern angetan wurde. Eine Dengbej Sängerin könnte von unserem Schmerz singen. Die dêq auf deiner Haut zeugen von der Geographie deiner Vergangenheit, sie sind Fotos, gestochen mit Muttermilch und Asche, Hinweise, wer du gewesen bist.

In Deutschland entfernte Mutter ihr dêq an ihrem Kinn, weil die Leute darauf starrten, geblieben ist ein weißer Punkt, verbrannte Haut. Du hast das Wissen der weisen Frauen, von denen du immer sprichst, ausgelöscht.

Die Topographie der Utopie darf nicht mit der Geographie unserer Welt verwechselt werden sowie die Topographie der Zukunft kein Abbild unserer Vorstellung sein wird.

Der einzige Weg, um den Krieg gegen ihre Körper zu überleben

Die Frankfurter Autorin Saskia Hennig von Lange | Bild: Arne Dedert/dpa zum Artikel Formen des Feminismus Saskia Hennig von Lange Ein anderes Zimmer

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Die Bilder der YPJ Kämpferinnen sind um die Welt gegangen; die Medien haben die Frauen sexualisiert – ihre hübschen Gesichter gezeigt, als würde nicht genau die Sexualisierung und Objektifizierung der weiblichen Körper ihre Versklavung und Auslöschung bedeuten.

Mit drei Kugeln durften sie üben, jede nur zwei oder drei Kugeln, mehr Munition hatten die Frauen nicht. Die Verteidigung der Azadî fing mit der Verteidigung einer Straße an, dann ein Viertel, dann eine Stadt, bald ein ganzes Gebiet. Die Frauen kamen aus Serêkaniyê, aus Qamishlo, aus Efrîn und Kobanê.

Der Kampf ist keine Option für die Frauen; er ist der einzige Weg, um den Krieg gegen ihre Körper zu überleben. Ihr Kampf ist die Hoffnung, dass es etwas anderes gibt. Jinwar ist entstanden, ein Dorf, wo nur Frauen leben dürfen, wo die komplette Organisation des Lebens  und Liebens in den Händen der Frauen liegt. Es ist die Hoffnung auf Azadî, was nicht mit "Freedom" übersetzt werden kann. Keine US-Amerikanerin darf die Geschichte dieser Frauen verfilmen, das werden sie schon selbst tun. Keine Hilary Clinton, keine Chelsea Clinton, keine Gayle Lemmon darf die Geschichte dieser kurdischen Kämpferinnen mit amerikanischem Pathos aufladen, aus der feministischen Utopie, die Rojava ist, Kapital schlagen. Schon 2018 sagte die Filmemacherin Sêvînaz Evdikê von der Rojava Filmkommune, keine Außenstehenden sollten unsere Geschichten erzählen, da unsere Realität nicht zu Entertainmentzwecken dient.

Azadî kann nicht mit "freedom" übersetzt werden.

Ein Beitrag auf dem Bayern 2 Kulturjournal. Den Podcast können Sie hier abonnieren.