Jörg-Uwe Albig: Moralophobia "Wie die Wut auf das Gute in die Welt kam"

Der Schriftsteller und Publizist Jörg-Uwe Albig nähert sich in seinem Buch "Moralophobia. Wie die Wut auf das Gute in die Welt kam" der Frage, warum die Moral so einen schlechten Ruf hat. Ein Gespräch.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 30.06.2022

17.06.2022, USA, Nashville: Donald Trump, ehemaliger Präsident der USA, spricht auf einer Veranstaltung vor seinen Anhängern. (Zu dpa "Ex-Präsident Trump feiert Abtreibungsentscheidung des Supreme Court") | Bild: dpa-Bildfunk/Mark Humphrey

"Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, schrieb Goethe. Aber irgendwie klingt das für uns postmoderne Ohren offenbar auch ein bisschen fad – oder sogar nervig? Der Schriftsteller und Publizist Jörg-Uwe Albig nähert sich in seinem Buch "Moralophobia. Wie die Wut auf das Gute in die Welt kam" der Frage, warum die Moral so einen schlechten Ruf hat – und bei wem.

Judith Heitkamp: Ist Moral heute eher attraktiv oder lästig?

Jörg-Uwe Albig: Ich finde Moral was Tolles, aber vielen ist sie offenbar lästig. Und ich fand das auch ein bisschen überraschend, als ich mich hingesetzt habe, um dieses Buch zu schreiben, wie quer durch alle politischen Farben und quer durch alle publizistischen Organe die Moral einen schlechten Ruf hat: Moralisierung der Politik, Gutmenschentum, Moraldiktatur, Moral-Elite, Moralkeule und was es da alles an Beleidigungen einer an sich guten Sache gibt. Dem bin ich mal ein bisschen nachgegangen.

Sie sprechen im Untertitel von der "Wut auf das Gute". Woher kommt sie denn?

Ich habe mir das so ein bisschen angeguckt und bin zu dem Schluss gekommen, dass es meistens als Reaktion auf Prozesse gekommen ist, die der Soziologe Norbert Elias als "Prozess der Zivilisation" bezeichnet - also dass eine Gesellschaft sich allmählich von der Gewalt entwöhnt, dass das Faustrecht zurückgedrängt wird, dass es Sklaverei nicht mehr gibt. Dieser Prozess der Zivilisation bringt Rückzugsgefechte mit sich: Leute, die sich dadurch gefährdet fühlen, die ihre Privilegien in Gefahr sehen, die wehren sich dagegen. Das schlägt dann in Wut um.

In einem Kapitel behandeln Sie den amerikanischen Sezessionskrieg. Und der war, so heißt es dann, ein Kampf, der schon viele der Frontlinien um Moral und Moralkritik vereint, die bis heute immer noch aktuell sind. Inwiefern das?

Sklaverei war eine billige Art, Arbeitskräfte auszubeuten – und die sollte abgeschafft werden. Also haben die Sklavenhalter der Südstaaten sich gewehrt – unter anderem, indem sie den Vertretern der Abschaffung der Sklaverei überzogene Moral vorwarfen. Und sie haben gesagt: Sklaverei ist eigentlich das, was die Natur will, was Gott will. Das ist immer so gewesen, das wird auch nie anders sein. Das hat die Natur so bestimmt. Das ist ein Argument, das in all diesen Moralkonflikten eine Rolle spielt: Der Mensch ist nun mal so. Und was ihr wollt, ist Utopie. Was ihr wollt, ist Umerziehung. Was ihr wollt, ist Verbotskultur. Das lässt sich an diesem Konflikt, der ja tatsächlich zum ersten richtig moralischen Krieg der Weltgeschichte wurde, schon schön ablesen.

Und gleichzeitig klingt das inhaltliche Argument als solches, nämlich Sklaverei gehört eben zur Natur des Menschen, in unseren Ohren heute absurd?

Genau. Denn der Fortschritt der Zivilisation zeigt, dass der Mensch sich verändern kann. Und was Gewalt ist, das wird immer wieder neu definiert - und es wird auch immer weiter gefasst. Im Mittelalter war es überhaupt kein moralisches Problem, anderen die Nase abzuschneiden. Das galt noch nicht mal als Gewalt. Wenn man beleidigt wird, dann musste ein Ohr dran glauben. Da gab es eine ganze medizinische Zunft, die sich damit beschäftigt hat, das zu reparieren. Heute könnte ich mir denken, dass wir in 50 Jahren schon wieder eine ganz andere Vorstellung haben und bestimmte Umgangsformen, die wir heute miteinander haben, wahrscheinlich als nackte Gewalt ansehen würden.

Das Beispiel mit den abgeschnittenen Nasen stammt aus dem Kapitel über Götz von Berlichingen. So wie sie diese Wut über Veränderung anhand von verschiedenen Einzelporträts historischer Persönlichkeiten in Ihrem Buch zu packen kriegen, von Götz von Berlichingen über Bert Brecht bis hin zu Donald Trump. Bert Brecht bringen Sie in Verbindung mit Kälte, obwohl er jemand ist, von dem man sagen würde, dass er grundsätzlich auf der Seite der Benachteiligten gestanden hat. Warum Kälte und warum Coolness? Und warum spielen die beiden in diesen Konflikten um Moral und Moralkritik so eine Rolle?

Moral hat immer mit Empathie zu tun, dem Versuch, sich in andere Menschen, andere Gruppen hineinzuversetzen. Und es gibt immer wieder ein gesellschaftliches Klima, wie zum Beispiel nach dem Ersten Weltkrieg, wo Empathie erst mal eine Weile abgemeldet ist. Und das war tatsächlich in der Weimarer Republik so eine Zeit, wo man versucht hat, sich gegen die Demütigung durch den Ersten Weltkrieg und gegen die Arbeitslosigkeit und das Elend der ganzen Kriegskrüppel, die durch die Straßen liefen, irgendwie abzuschotten. Und Brecht hat kaufmännisch genug gedacht, um dieses Bedürfnis auch zu befriedigen. Seine Dreigroschenoper - aus der dieses berühmte Zitat kommt: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral" - war der größte Theater-Erfolg der Epoche. Auch heute gibt es Leute, die auf der Seite der Ausgebeuteten stehen, aber trotzdem mit diesem neumodischen Moralkram, dass man sich auch um Frauen oder sexuelle Minderheiten oder Flüchtlinge kümmern soll, nicht zurechtkommen und sagen: Moral lenkt eigentlich nur ab von dem wahren Ziel der Revolution.

Wie ist es eigentlich heute? Das Buch endet mit Donald Trump und ließe sich ja möglicherweise noch fortschreiben mit Wutbürgern und Corona-Leugnern und auch mit einem putinschen Angriffskrieg gegen die Ukraine?

Auf jeden Fall. Wenn Moral-Feinde von Freiheit sprechen, meinen sie meistens die Freiheit, anderen auch schaden zu dürfen. Und das ist natürlich tatsächlich etwas, was es heute immer noch ganz extrem gibt.

Sehen Sie denn eine Möglichkeit oder gar Anzeichen aus dieser ja irgendwie sehr ungesunden Wut aufs Gute herauszukommen?

Ich glaube, dass sich das von selber erledigt in den meisten Fällen. Max Planck hat das mal gesagt, auf die Wissenschaft bezogen, dass es überhaupt keine Möglichkeit gibt, Gegner zu überzeugen, weil die einfach ewig an ihren Axiomen hängen. Aber irgendwann sind die einfach nicht mehr da. Dann ist die neue Generation da und die arbeitet dann eben schon mit den neuen Wahrheiten. Und ich glaube, so lief es eigentlich immer. Wenn man sich diesen Zivilisationsprozess anguckt, dann war der ja relativ erfolgreich. Wir haben einfach keine Sklaverei mehr und keine Duelle und keine Prügelstrafen für Kinder und keine Auspeitschung untreuer Frauen und all diese Dinge, die gang und gäbe waren. Das macht mir jedenfalls Mut, dass es tatsächlich vorwärts geht unterm Strich. Auch wenn natürlich immer wieder dann mal so eine Diktatur dazwischenkommt oder ein Weltkrieg. Das haben wir auch alles erlebt. Aber unterm Strich ist der moralische Standard gestiegen über die Jahrhunderte.

Jörg-Uwe Albig: "Moralophobia. Wie die Wut auf das Gute in die Welt kam" ist im Verlag Klett-Cotta erschienen.

Das Gespräch wurde in der kulturWelt geführt, die Sie hier abonnieren können.