Lana Bastašić: Fang den Hasen Road-Trip durch Bosnien

In "Fang den Hasen" schickt Lana Bastašić zwei junge Frauen auf einen Road-Trip durch Bosnien. Eine Reise in die düstere Vergangenheit (Ex-)Jugoslawiens. Und eine Grenzerfahrung, die den Blick in die Zukunft öffnet.

Von: Andrea Mühlberger

Stand: 16.03.2021 | Archiv

Ein Ausschnitt des zerstörten Eiskanals der Olympia-Rodelbahn in Sarajewo mit Grafitti  | Bild: picture alliance / MAXPPP

Seit sie 2020 den Europäischen Literaturpreis bekommen hat, gilt sie als Shootingstar – doch bis dahin war es ein steiniger Weg für die bosnische Autorin Lana Bastašić. Wie sollte sie die Aufmerksamkeit von Literatur-Scouts wecken? Lana Bastašić, geboren 1986 in Zagreb, aufgewachsen in Bosnien, hat dem Schicksal etwas nachgeholfen – und ihr Debüt selbst ins Englische übersetzt, was ihr viele Türen öffnete, mittlerweile wurde "Catch The Rabbit" in 13 Sprachen übersetzt. Bei S. Fischer ist gerade die deutsche Ausgabe "Fang den Hasen" erschienen: eine Road-Novel über zwei Jugendfreundinnen aus Bosnien, die in die Abgründe der jugoslawischen Geschichte führt. Wie der letzte Krieg in Europa ihre Generation bis heute prägt, warum es wichtig ist, Geschichten darüber zu schreiben, und warum das Leben manchmal Haken schlägt, erzählt Lana Bastašić im Interview mit Andrea Mühlberger.

Heimat scheint ein großes Thema zu sein bei jungen bosnischen SchriftstellerInnen – siehe Saša Stanišić ‘ preisgekrönten Roman "Herkunft". Auch in "Fang den Hasen" kehrt die Protagonistin Sara nach vielen Jahren im Ausland zurück nach Bosnien. Warum ist das mit der Heimat für Sie und Ihre Schriftstellergeneration so wichtig?

Ich denke, nicht nur für uns Schriftstellerinnen und Schriftsteller spielt Heimat eine zentrale Rolle, sondern für die ganze bosnische Gesellschaft. Als wir geboren wurden, hatte unser Land noch einen anderen Namen, ein anderes politisches System – es war überhaupt alles anders. Und dann ist einfach alles auseinandergebrochen. Und wir waren noch Kinder, als es passiert ist. Mit Fragen wie: Wo komme ich her? Was ist Heimat? Wie hat mich diese Heimat geprägt? mussten wir uns von Anfang an auseinandersetzen

Ihre Hauptfigur Sara, geboren an Titos Todestag als Tochter des serbischen Polizeichefs in Banja Luka, ist nach dem Studium als Schriftstellerin nach Dublin umgezogen und hat sich dort in einer fremden Kultur und Sprache eingenistet - bis sie nach 12 Jahren wieder in ihre Heimat Bosnien zurückkehrt. Sie haben selbst viele Jahre im Ausland gelebt, in Barcelona – und dennoch heißt es in einer Stelle in Ihrem Buch: "Wir sind immer in Bosnien." Gilt das für alle Exil-Bosnier - und wie ist das zu verstehen?

"Wir zählen noch immer unsere Toten", sagt die bosnische Autorin Lana Bastašić. Schreiben bedeutet für sie, Verantwortung übernehmen

"Wir sind immer in Bosnien" ist vielleicht der zentrale Satz in dem Roman, weil er das Verhältnis meiner Erzählerin und Hauptfigur Sara zu ihrem Land erklärt. Ich glaube, egal wo auch immer wir hingehen, den Kontext unserer Herkunft haben wir immer dabei. Er steckt in uns drin. Nicht im patriotischen, nationalistischen Sinn, sondern in unserer Muttersprache. Unsere ganzen Erinnerungen, unsere Identität sind in unserer Sprache gespeichert. Und deswegen glaube ich: Selbst wenn meine Erzählerin bis ans Ende der Welt geht, ist sie doch irgendwie immer in Bosnien!

Beeindruckend fand ich auch die Schilderung dieser verstörenden Düsternis, die während des Roadtrips der beiden Jugendfreundinnen durch ihre bosnische Heimat über allem liegt, selbst mitten am Tag – passend zu der ja alles andere als unbeschwerten Reise…

Nun, es sollte kein realistischer Roman werden, ich wollte, dass ihm etwas Magisches innewohnt, damit dem Leser immer bewusst ist, er liest eine Geschichte, die von jemandem erzählt wird, also: da ist Sara, die Schriftstellerin und die erzählt und erfindet eine Geschichte. Ich wollte nicht schreiben, was historisch passiert ist. Ich wollte den Leser emotional und atmosphärisch berühren über die Empfindungen der Erzählerin, nicht durch Informationen und Fakten. Deshalb gibt es so viele Momente, die ich nicht als magischen Realismus beschreiben würde, sondern eher als Fantasy. Darum auch diese Verbindung zu "Alice im Wunderland"…

…der Roman heißt ja auch "Fang den Hasen". Und wie Alice fällt Sara erstmal ins Hasenloch, als sie von Dublin nach Zagreb fliegt und sich dann von Mostar aus, gemeinsam mit ihrer Jugendfreundin Lejla auf den Weg macht. In einem alten Opel Astra geht es gemeinsam nach Wien: ein Roadtrip, viele gemeinsame Erinnerungen kochen hoch, doch die jungen Frauen merken vor allem, wie fremd sie sich geworden sind. Und am Ende der reichlich ernüchternden Reise durchs bosnische "Wunderland" steht für Sara eine wichtige Erkenntnis…

Mein Buch ist als eine Art Bildungsroman konzipiert und knüpft an diese literarische Tradition an: eine Erziehungsnovelle, in der Sara einen Lernprozess durchmacht. Und tatsächlich muss sie ziemlich viel lernen! Die wichtigste Lektion dabei ist, dass es kein Happy End geben kann, wenn es um Krieg geht. Kriege sind einfach sinnlos, das ist nicht Hollywood! Und für viele Familien in Bosnien gab es noch gar kein Ende, denn viele Menschen werden noch immer vermisst. Also was Sara hoffentlich lernt, mit Hilfe ihrer ziemlich komplizierten Jugendfreundin: Es geht nicht um ein Happy End - es geht darum, die Erinnerungen zu bewahren und Verantwortung für sie zu übernehmen.

Die Jugenderinnerungen kommen wieder während der Reise, aber sie sind verschieden: Sara hat als Tochter des serbischen Polizeichefs in Banja Luka den aufkeimenden Nationalismus in den späten 80er-Jahren anders erlebt als die muslimische Lejla. Auf der Reise entwindet sie sich Sara wie der Hase, der im Buch in verschiedenen Formen auftaucht – und natürlich auch bei "Alice im Wunderland". Was symbolisiert er?

Nun ja, der Hase steht für sehr viele Dinge. Es beginnt mit einem lebendigen, weißen Hasen, den die Schulmädchen zusammen fangen und dann später in Bosnien begraben, und es hört mit dem gezeichneten Hasen von Albrecht Dürer auf. Das ist diese Art von Reise eines Künstlers oder Schriftstellers, die von einer lebendigen Erfahrung ausgeht und schließlich zu etwas Artifiziellem führt – einem Gemälde oder einem Roman. Für mich steht der Hase für Vieles. Und natürlich ist auch Lejla eine Art Hase, den Sara fangen möchte, um ihre Freundin zu verstehen und sie zu beschreiben. Nur bei diesem Versuch scheint sie die ganze Zeit auszurutschen.

"Fang den Hasen" ist als Road Novel angelegt, aber eigentlich bricht Sara auf eine innere Reise auf, eine Zeitreise, zurück in ihre Kindheit und ihr eigenes Wesen. Die Identitätsfrage ist ein wichtiges Thema in Ihrem Debüt – und ich nehme an, nicht nur für Sara, sondern auch Sie, Lana und Ihre Generation?      

Sturz ins Hasenloch: Im Roman gibt es viele Bezüge zu Lewis Carrols Klassiker "Alice im Wunderand"

Für uns Bosnier war das mit der Identität wirklich wie bei "Alice im Wunderland", die ständig gefragt wird: Wer bist du? Woher kommst du? Das bedeutete es, in Bosnien aufzuwachsen. Die wichtigste Frage war: Gehörst du zu den Serben, den Kroaten, den Bosniaken? Und warst du Muslima, war dein Leben vorgezeichnet. Sie sagten dir, wie du zu leben hast und was du zu tun hast – das hat etwas sehr Gewalttätiges.

…und im Roman muss die elfjährige Schülerin Lejla ihren Namen ändern: Aus Lejla Begić wird Lela Berić, sie bekommt also als Muslimin einen serbischen Namen verpasst, ein paar Buchstaben, die ein Leben verändern… 

Ja, sie erlebt mit elf Jahren einen gewaltigen Identitätsbruch. Und ich habe mich gefragt, was in einem Kind vorgeht, wenn jemand kommt, und einfach deinen Namen ändert und damit deine Zugehörigkeit? Wie das deine Selbstwahrnehmung durcheinanderbringt, und ob es dein Selbstwertgefühl wohl für immer ruiniert? Aber ich denke, das betrifft alle Ex-Jugoslawen, überall. Über Nacht waren wir jemand anderes. Und der Begriff der Identität ist ein fließender, in ständigem Wandel befindlicher.

Die Frage nach der Identität, aber auch die komplizierte Beziehung der beiden Freundinnen Sara und Lejla verweist auf Probleme, die die Gesellschaften Ex-Jugoslawiens bis heute prägen: Kriegstraumata, Clash of Religions, patriarchale Strukturen. Erwartet man denn von euch jungen südosteuropäischen AutorInnen solche Themen - oder nehmen die Verlage auch andere?

Gute Frage! Das ist ja mein erster Roman. Und ich denke, von allen Schriftstellern, die als die "anderen" wahrgenommen werden, also nicht nur von uns vom Balkan, sondern auch von indischen und afrikanischen Schriftstellern, wird erwartet, dass wir solche Geschichten liefern, also dass wir diese Art von traurigen Tagebüchern an die westliche Leserschaft verkaufen. Gleichzeitig hoffe ich, dass sich da schon etwas verändert hat. Natürlich laufe ich nicht von meinen Erfahrungen davon. Das sind meine Geschichten und die Geschichte meines Landes, die müssen auch erzählt werden. Aber wir sollten nicht darauf reduziert und in eine Schublade gesteckt werden. Ich wünsche mir, dass ich eines Tages eine Liebesgeschichte schreiben kann und mich dann niemand fragen wird: Handelt die vom Krieg? Wenn wir in diesem Sinne am literarischen Dialog teilnehmen können, dann ist das wirklich Pluralismus und Anerkennung.

Bosnien ist noch immer ein Land mit vielen Problemen, noch immer abgehängt von Europa. Wie steht Ihre Generation dazu? Wie fühlt sie sich?  

Es ist eine traurige Tatsache, dass Bosnien weltweit zu den Top 4 oder 5 Ländern mit dem größten Brain Drain (Abwanderung von Fachkräften) gehört, viele junge talentierte Menschen verlassen das Land. In meinem Roman leben in meiner Heimatstadt vor allem alte Menschen. Das ist übertrieben, aber wir bewegen uns langsam dahin. Leider haben wir noch immer dieselben politischen Diskurse wie vor 25 Jahren. Wir zählen immer noch unsere Toten. Und wir fragen uns weiterhin, wer wem was angetan hat. Aber die jungen Menschen haben es satt, immer wieder vom Krieg und von Jugoslawien zu hören. Sie wollen einfach nur einen Job finden, ein normales Leben führen - deswegen verlassen sie das Land. Ich hoffe, das wird sich irgendwann ändern. Doch der Kapitalismus in der bosnischen Nach-Wende-Gesellschaft funktioniert nicht. Da gibt es noch große Herausforderungen…

Buchcover: Fang den Hasen

Sie haben vor Kurzem teilgenommen an der Veranstaltung "Schreiben im Aufbruch", bei den Tagen südosteuropäischer Literatur in Zürich. Sehen Sie sich als junge Schriftstellergeneration im Aufbruch, während das geteilte Bosnien noch immer unter den alten Problemen und unter den alten politischen Führungsfiguren leidet?

Ja, ich sehe mich definitiv als jemand im Aufbruch und das ist auch der einzige Weg für mich zu arbeiten, zu leben und zu funktionieren. Ich halte es nicht lange aus an einem Ort. Natürlich steht immer die Frage im Raum, in der Heimat zu bleiben, dort für Verbesserungen zu sorgen. Aber das ist eigentlich der Standpunkt sehr, sehr privilegierter westlicher Menschen. Manchmal dauert es ein Jahrhundert, bis man eine wirkliche Veränderung in einem Land sieht. Und in der Zwischenzeit müssen wir unser Leben leben.

Lana Bastašić: „Fang den Hasen“, S. Fischer Verlag, 336 Seiten

Aus dem Bosnischen von Rebecca Zeinzinger

Eine Rezension zu „Fang den Hasen“ hören Sie diesen Sonntag, 21.3.21, um 14.05 Uhr in der Sendung „Diwan“, auf Bayern2.