Kulturjournal Die Geschichte der Impfpionierin Mary Montagu

Sie hat Zehntausende von Kindern vor dem Pockentod gerettet, als sie die Pockenimpfung aus der Türkei nach Europa brachte. Die Schriftstellerin Christine Wunnicke erzählt die Geschichte der genialen Impfpionierin Mary Montagu.

Von: Christine Wunnicke

Stand: 25.11.2020 | Archiv

Portrait of Lady Mary Wortley Montagu (1689-1762) | Bild: dpa/picture-alliance    dpa Bildfunk

Impfgegner gibt es seitdem es Impfungen gibt. Bei den Pocken waren es neben den ängstlichen Zeitgenossen die Ärzte, die an der Krankheit viel zu gut verdienten, als dass sie sie ausräumen wollten. Die Frau, die das "türkische Pfropfen" – die Impfung gegen Pocken – im 18. Jahrhundert in Europa einführte, hatte hart gegen etliche Widerstände zu kämpfen. Christine Wunnicke erzählt die Geschichte der Impfpionierin Mary Montagu, der schon Voltaire "Genie und Willensstärke" bescheinigte.

Im Jahr 1719 stellte ein kleiner Junge namens Edward fest, dass ihm die vornehme Westminster School in London nicht behagte, und nahm Reißaus. Als man ihn nach Tagen noch nicht gefunden hatte, schaltete man eine Zeitungsannonce. Dem ehrlichen Finder wurden "zwanzig Pfund zuzüglich Spesen" versprochen; der Flüchtige sei leicht zu identifizieren, denn "an der Rückseite der Arme hat er auffällige runde Narben, etwas kleiner als silberne Pennies, wie zwei große Pockennarben." War da ein kleiner Zeitreisender ausgebüchst? In der Tat war der Knabe, der hier einsam durch London strich, der erste englische Pockenimpfling der Geschichte. Man fing ihn ein, er überstand die Westminster School und führte dann ein langes, glückliches Leben – immer auf Reisen und von den Pocken immer verschont.

Das gelehrte Weib - wie abscheulich!

Der entflohene Schüler war der älteste Sohn des Diplomaten Sir Edward Wortley Montagu und seiner Frau Mary, Tochter von Evelyn Pierrepont, Marquess of Dorchester und Duke of Kingston-upon-Hull. Lady Marys Sohn zu sein, gereichte einem nicht unbedingt zum Vorteil. Sie war in London bekannt wie ein bunter Hund und galt gemeinhin als geisteskrank. Sie trug türkische Tracht, auch gerne den arabischen Schleier, den sie nur lüftete, um Tabak zu schnupfen, sie verkehrte mit Dichtern, sie betrog gewiss ihren Mann, sie infizierte Kinder mit tödlichen Krankheiten und war – und das war das Schlimmste – sie war ein gelehrtes Weib. "Man erachtet die Blödheit so sehr als unsere angestammte Sphäre, dass man uns Frauen eher einen Überfluss darin zu verzeihen gewillt ist als auch nur die geringste Anmaßung von Belesenheit oder Vernunft", so Mary. "Es gibt in dieser Welt keinen verächtlicheren Charakter als das gelehrte Weib: Eine unverschämte, hochnäsige Kreatur, die redet!"

Lady Marys Schulbildung hatte sich standesgemäß auf Handarbeit, Tanzen, Benehmen und ein wenig Französisch beschränkt. Ihr Vater hatte jedoch eine gut bestückte Bibliothek. All die verbotenen Bücher! Mit dreizehn kommentierte sie Ovid, anschließend auch jede philosophische und politische Abhandlung, derer sie habhaft werden konnte, direkt auf den Seiten, und stellte die Bücher dann unauffällig zurück ins Regal. Sie bettelte, erfolglos, um Fechtstunden. Es war nicht leicht, dieses Mädchen zu verheiraten. Schließlich wählte sie selbst, Edward Montagu, einen etwas trägen Enkel des Earl of Sandwich. Bei Hof war sie gerne gesehen, so hübsch, eine zierliche, stets etwas zerzauste Brünette, ihr Geplauder war charmant, ihre Komplimente die schönsten der Welt: "Der König ist ein grunddummer Holzkopf und wäre besser in seinem Städtchen Hannover geblieben."

Die Pocken - eine Strafe Gottes

Sie las Machiavelli. Das Leben war gut. Im Dezember 1715 klagte sie über Kopfweh, gewiss nur ein weibliches Unwohlsein, dann kam Fieber hinzu, wohl nur eine Erkältung ... dann kämpfte sie in einem verdunkelten Zimmer zwischen nassen Bettlaken wochenlang mit dem Tod. Aderlässe, Einläufe, Branntwein, Gebete. Der Fieberwahn und die stinkenden Pusteln und der ewige, hilflose Arzt, das Schnupftuch vor Mund und Nase gepresst. Vor zwei Jahren war schon Marys Bruder an den Pocken gestorben, wie 100.000 andere auch. Eine Strafe Gottes. Dagegen war kein Kraut gewachsen. Da half Machiavelli nicht und auch nicht Ovid. Mary Montagu überlebte mit Müh und Not, ohne Wimpern, ohne Augenbrauen, und erkannte sich im Spiegel nicht wieder.

"Ich überblicke tränenreich mein Zimmer
Bilder des Grauens seh' ich, schlimm und schlimmer,
dort, das Gemälde, das mich wiedergab:
Zerfetzt es, reißt nur schnell die Leinwand ab!
Und du, mein Pudertisch, wo ich einst Stunden
mich mit mir selber im Disput befunden
über Locken, Schönheitspflästerchen,
ob mir Rosa-, Scharlachtöne besser stehn –
Oh spiegle, Spiegel, einer andern Angesicht!
Auch meinen Schmuck bekommt sie, denn ich glaube nicht,
dass fremder Glanz, Juwelen mich noch retten –
Schönheit, Adieu! Adieu, ihr Toiletten!"

Mary Montagu

Vom schönen Leben der Türkinnen

1716 wurde Sir Wortley Montagu zum englischen Gesandten für die Türkei ernannt. Die ganze Familie machte sich auf die Reise. London, Gravesend, Rotterdam, Köln, Regensburg, Wien, und weiter nach Peterwardein und mit zwanzig Kutschen, eskortiert von 500 Janitscharen, hinüber ins osmanische Reich. Belgrad, Sofia, Konstantinopel. Bevor noch die Koffer ausgepackt waren, schlüpfte Lady Mary in türkische Tracht. Endlich ein richtiger Schleier, um das verdammte Pockengesicht zu verbergen! "Ich treibe mich jeden Tag überall herum, gut verhüllt in Yashmak und Abaya, und schaue mir alles an, was mich interessiert."

Mary Montagu interessierte alles: Der Bosporus und die Hagia Sophia, die Märkte und die Moscheen, der splitternackte Tratsch in den Hamams der Frauen, die Lager der osmanischen Armee und das Serail des Sultans mit seinen Gärten wie aus 1001 Nacht. Ihre Briefe aus der Türkei sind der berühmteste Teil ihres literarischen Nachlasses. Am meisten angetan war sie von dem schönen Leben der Türkinnen. "Sie haben nichts von ihren Männern zu fürchten, denn ihr Geld gehört ihnen allein, und im Falle einer Scheidung behalten sie es," so Mary. "Und keine Frau, gleich welchen Standes, geht ohne Schleier hinaus auf die Straße; es ist unmöglich, die Dame von der Sklavin zu unterscheiden, keiner würde wagen, einer Frau nachzusteigen oder sie zu berühren, und kein eifersüchtiger Ehemann kann seine eigene Gattin erkennen, wenn er sie draußen trifft. So können sie ganz ihren Neigungen folgen, ohne dabei entdeckt zu werden. Es ist ein großer Irrtum, dass Mohammed den Frauen ihren Anteil am Glück des Lebens nicht gegönnt hätte. Dafür war er viel zu galant und liebte das schöne Geschlecht viel zu sehr!"

Der Sohn, das Versuchskaninchen

Mittwochs lernte sie Türkisch, freitags Arabisch, und bald übersetzte sie aus beiden Sprachen. Während Sir Edward mit mittlerem Erfolg versuchte, in den Friedensverhandlungen zwischen Österreich und der Türkei zu vermitteln, las seine Frau den Koran, teilte ihren Schnupftabak mit Sultan Ahmed - und erfuhr von einer medizinischen Sensation. "Die Pocken sind hier völlig harmlos - dank der Erfindung des 'Aufpfropfens', wie man es nennt. Alte Frauen haben es zu ihrem Beruf gemacht, die Operation auszuführen. Mit einer Nussschale voll der besten Pustelflüssigkeit kommt eine und fragt, wo man denn möchte, dass ein Kind geritzt wird. Dann öffnet sie ein Äderchen mit einer großen Nadel und gibt soviel Flüssigkeit hinein, wie auf der Nadelspitze Platz hat, und die kleine Wunde wird verbunden. Die gepfropften Kinder spielen zusammen, und sieben Tage bleiben sie bei bester Gesundheit. Am achten bekommen sie Fieber und hüten zwei, drei Tage das Bett. Im Gesicht haben sie kaum mehr als zwanzig oder dreißig Pusteln, die keine Narben hinterlassen, und nach einer Woche sind sie wieder gesund. Tausende unterziehen sich jährlich dieser Behandlung, und der französische Gesandte hat gesagt, hier in der Türkei erledigt man die Pocken zum Zeitvertreib, so wie man andernorts auf Kur fährt. Es gibt keinen einzigen Todesfall, und Ihr könnt mir glauben, dass ich das Experiment für äußerst unbedenklich halte, denn ich will es umgehend an meinem eigenen lieben kleinen Sohn ausprobieren."

Impfserum

Die Ursprünge der türkischen Pockenimpfung sind nicht zu rekonstruieren. Die Legende erzählt von einer Griechin, die diese Prozedur im 17. Jahrhundert im Alleingang erfand und dann in die Türkei brachte. Es gibt keinen wissenschaftlichen Text, keine Erfolgsstatistik, keinen schriftlichen Disput zu dieser Methode der Lebendimpfung, die einem heute einen Schauer über den Rücken jagen mag; von Anfang an, so scheint es, lag sie ausschließlich in der Hand von Frauen. Lady Mary hielt Wort. Im März 1718 ließ sie ihren dreijährigen Sohn nach der Sitte inokulieren. Er erkrankte und genas vorschriftsgemäß. Mary resümiert in ihren Aufzeichnungen: "Ich werde mir alle Mühe geben, diese nützliche Erfindung in England in Mode zu bringen, und ich würde gerne einigen Ärzten darüber brieflich berichten – wüsste ich nur welche, die anständig genug sind, eine solch lukrative Einnahmequelle anzutasten – sie verdienen zu gut an den Pocken, als dass sie nicht alles dafür täten, einer Verwegenen, die diese Krankheit abschaffen würde, das Maul zu stopfen. Wenn ich wieder in England bin, werde ich wohl in den Krieg ziehen müssen."

"Engel der Pockenkranken"

Von einem Landhaus in Twickenham aus machte sie sich an die Arbeit. Es schien hoffnungslos. Eine vorlaute Person, die Kinder krankmachen will? Welch importierter, mohammedanischer Wahnsinn! Jahrelang beschwor Mary Montagu die medizinischen Fakultäten, den Hof, die Royal Society – ohne Erfolg. In einem skandalösen öffentlichen Akt ließ sie nun auch ihre kleine Tochter inokulieren. Niemand wollte sich anschließen. Schließlich fand sie jedoch eine mächtige Verbündete, Caroline von Anspach, die Prinzessin von Wales. Ihr gelang es, den König zu einem Experiment zu überreden: Sechs Häftlinge des Gefängnisses von Newgate wurden nach türkischer Sitte geimpft, und als sie genesen waren, legte man sie zu Pockenkranken ins Bett. Heute würde man von einer Provokationsstudie sprechen. Ethikkommissionen waren noch nicht erfunden. Nicht ein einziger Häftling erkrankte, doch noch immer war man nicht überzeugt. Die Ärzte, die Zeitungen, die Kirche klagten und schimpften. Dann ließ die Prinzessin von Wales ungerührt ihre zwei Töchter inokulieren – und quasi über Nacht wurde das "türkische Pfropfen" in aristokratischen Kreisen der letzte Schrei. Plötzlich war Mary Montagu ein Star. Sie konnte sich vor Besuchen, Einladungen, öffentlichen Auftritten kaum retten. "Hätte ich geahnt, zu welch großer Belästigung diese Angelegenheit gedeihen würde, hätte ich es mir vielleicht zweimal überlegt!", so Mary.

Über ein halbes Jahrhundert, bevor Edward Jenner auf den grandiosen Einfall mit der Kuhpockenlymphe kam, impfte dank Lady Mary bereits halb Europa munter drauflos. Englische Ärzte inokulierten an den Höfen von Maria Theresia und Katharina der Großen. 1733 schrieb Voltaire: "Seit Lady Wortley Montagu, eine Frau von Genie und Willensstärke, ohne falsche Bedenken ihren Sohn in der Türkei hatte inokulieren lassen, haben ihr nun schon mindestens zehntausend Kinder das Leben zu verdanken – und viele Mädchen den Erhalt ihrer Schönheit." Denn was haben die armen Dinger sonst schon zu bieten? Es ist eine schmerzliche Wahrheit: Die Pocken waren für Mädchen gefährlicher. Ihnen drohte nicht nur der Tod, sondern Schande und verpasste Heiratschancen. Waren es deshalb immer die Frauen, die dieses Wagnis propagierten? Die namenlose Griechin, die türkischen Alten, Lady Mary, die Princess of Wales ... die Ur- und Frühgeschichte des Impfens ist weiblich. Mary Montagus Ruhm als "Engel der Pockenkranken" war nicht von Dauer. Einer der Dichter, mit denen sie verkehrte, der seit Jahren unglücklich verliebte Alexander Pope, machte es sich zur Aufgabe, sie gesellschaftlich zu vernichten. Es waren stets nur Seitenhiebe – auf eine Person, die er "Sappho" nannte, und von der jeder wusste, wer gemeint war. Sappho alias Mary war eine Hure, eine Betrügerin, ein Schandmaul, eine ungekämmte Schlampe mit schmutzigen Betttüchern, ein scheußlicher Blaustrumpf – und ansteckend war sie auch. "Wenn Sappho dich hasst, ist Ruin dir gewiss/ Und wenn sie dich liebt, die Syphilis.", dichtet Pope.

Mary Montagu verließ ihren Mann und England. Sie lebte bis kurz vor ihrem Tod in Italien, zuerst in einer heruntergewirtschafteten Burg in der Lombardei, später im Veneto. Sie las, dichtete, gärtnerte, ritt durch die Landschaft, machte sich Gedanken über die Frauenbefreiung und korrespondierte wie wild mit der Heimat. Wenn die Landbewohner die alte Frau im Herrensattel über die Felder galoppieren sahen, schlugen sie ein Kreuz. "Gott sei Dank sind Hexen aus der Mode gekommen", so Mary, "denn andernfalls würden mehrere Zeugen beschwören, dass sie mich auf einem Besenstiel durch die Luft reiten sehen."