Corona-Leugner und Co Was gegen Verschwörungsmythen hilft

Fakten sind es leider nicht. Trotzdem können Politik, Medien, Behörden und jeder einzelne durchaus etwas tun. Das Wichtigste ist dabei zugleich das Schwierigste.

Von: Hardy Funk

Stand: 05.04.2021 | Archiv

Irrsinnige Gedankengebäude: Zahlreiche Menschen nehmen am 03.04.2021 an einer Demonstration der Initiative «Querdenken» teil und ziehen mit Ziel Cannstatter Wasen durch die Stuttgarter Innenstadt . | Bild: picture alliance/dpa | Christoph Schmidt

Ein Jahr Querdenken ist auch ein Jahr kollektives Kopfschütteln über die völlig irrsinnigen Ansichten der Corona-Leugner und Impfgegner. Doch so verständlich das Kopfschütteln ist, so hilflos ist es meistens auch – ganz gleich ob auf das Kopfschütteln ein Auslachen oder ein erhobener Zeigefinger folgt. Denn Verschwörungsmystiker lassen sich weder durch Hohn und Spott noch mit gut gemeinten Appellen an die Vernunft auf den mehr oder weniger festen Grund von Fakten und Argumenten zurückholen. Dabei gibt es durchaus Erkenntnisse, die helfen könnten, zielführender auf Verschwörungsmythen zu reagieren.

Kontrollverlust und Krisenzeiten

Wer verstehen will, was gegen Verschwörungsmythen helfen kann – und warum es Fakten in den meisten Fällen nicht sind – muss wissen, warum Menschen zu solchen Mythen greifen und weshalb sie so vehement daran festhalten. Als einen der Hauptfaktoren nennt Pia Lamberty, Sozialpsychologin an der Universität Mainz, das Gefühl, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren. Lamberty hat zusammen mit Katharina Nocun das Buch „Fake Facts“ geschrieben und ist Mitgründerin des frisch aus der Taufe gehobenen Think Tanks „Center für Monitoring, Analyse und Strategie“, der sich der Erforschung und Eindämmung von Verschwörungsmythen widmet. Den Kontrollverlust beschreibt sie als „eine Situation, in der Menschen nicht in der Lage sind, zu beeinflussen, was als Nächstes passiert. In so einer Situation glauben sie stärker an Verschwörungen als einer Art Strategie, damit umzugehen. Da ist die Pandemie natürlich ein relativ präsentes Beispiel. Das kann aber auch so etwas wie der Verlust des Arbeitsplatzes oder eine Trennung sein.“

Diese Art von Kontrollverlust erleben in Zeiten einer Krise natürlich mehr Menschen als sonst. Doch schon vor der Corona-Krise hat es massive Verunsicherungen gegeben – etwa durch die fortschreitende Deregulierung der Wirtschaft oder den Rückbau des Sozialstaats. Das sagt zumindest der Soziologe Wilhelm Heitmeyer. Er hat in der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ jahrelang untersucht, wie rechte Überzeugungen und Vorurteile gegenüber Minderheiten mit ökonomischen Entwicklungen und gesellschaftlicher Akzeptanz zusammenhängen. In den Büchern „Autoritäre Versuchungen“ und „Rechte Bedrohungsallianzen“ analysiert er die Entwicklungen seit dem Jahrtausendwechsel – und spricht dabei von „entsicherten Jahrzehnten“.

Abwendung von der Demokratie

„Der zentrale Begriff ist dann in der Tat die Frage der sozialen Ungleichheit“, so Heitmeyer. „Da hat es erhebliche Veränderungen in den letzten 20, 25 Jahren gegeben, weil vor allem in der Hochzeit des Neoliberalismus – also Wirtschaft deregulieren etc. – der, ich nenne das ‚autoritäre Kapitalismus‘ riesige Kontrollgewinne erwirtschaftet hat – also wo ist der Standort? Welche Standards gelten? –, während die nationalstaatliche Politik Kontrollverluste hinnehmen musste, zum Teil durch eigenes Versagen. Daraus haben sich soziale Desintegrationsprozesse einschließlich Kontrollverluste entwickelt, die den Blick verschiedener Bevölkerungsgruppen auf das demokratische System deutlich verändert haben.“

Den Blick deutlich verändert – das heißt in vielen Fällen nichts anderes, als dass sich Menschen von der Demokratie abgewendet haben. Die Untersuchungen von Wilhelm Heitmeyer zeigen aber auch, dass nicht diejenigen, die schon ganz unten sind auf der sozioökonomischen Skala, am meisten zu rechtem Gedankengut und Verschwörungsmythen neigen. Sondern, dass dies vor allem Menschen tun, die Angst haben, ihren bisherigen Status und ihre Privilegien zu verlieren.

Hinzu kommt, dass das Wesen der Corona-Krise dem Weltbild von Verschwörungsmystikern diametral entgegensteht. Denn, so Miro Dittrich, Experte für Online-Rassismus und ebenfalls Mitgründer des Think Tanks „Center für Monitoring, Analyse und Strategie“: „Dass eine zufällige Mutation eines Virus‘ in China die ganze Welt lahmlegt – dass ihr Leben so von einem Zufall und von unlenkbaren Sachen dominiert ist – überfordert sie. Da ist es einfacher, sich zu überlegen: Nein, es gibt hier zehn böse Verschwörer und die lenken die Welt und sind dabei auch noch omnipotent.“

Mehr soziale Gleichheit, mehr Anerkennung

Wenn also Politik ernsthaft etwas daran ändern möchte, dass immer mehr Menschen in die Parallelwelten von Verschwörungsmythen abgleiten und dabei auch zurückfallen in ein tendenziell autoritäres, rechtes, menschenfeindliches Weltbild, dann sollte sie dafür sorgen, dass Menschen nicht so hart getroffen werden von Krisen – oder Angst haben müssen, hart getroffen zu werden. Dass Menschen von der Arbeit auch in schlechter entlohnten Berufen gut leben können. Und dass besserverdienende Menschen keinen sozialen Absturz befürchten müssen, sollten sie eine Zeit lang arbeitslos sein.

Genauso wichtig ist die Frage der Anerkennung, gerade von Menschen mit niedrigem Einkommen – die dennoch, wie Corona gezeigt hat, oft die wirklich unerlässlichen Jobs machen. Auch hier könnte die Politik etwas tun, sagt Wilhelm Heitmeyer: „Die Politik muss sich darum kümmern, ob wirklich alle Bevölkerungsgruppen in der Gesellschaft auch wahrgenommen werden. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, denn das ist auch eine Frage von Anerkennung. Wenn man nicht wahrgenommen wird, ist man ein Nichts.“

Gefahren ernst nehmen

Zudem sollten Medien und auch Polizei und Verfassungsschutz die Gefahr, die von Verschwörungsmythen ausgeht, endlich ernst nehmen. Denn diese Gefahr ist längst keine theoretische mehr. Der Attentäter von Oslo und Utøya, der Attentäter von Christchurch, die Angreifer beim Sturm auf das Kapitol der Vereinigten Staaten, die Attentäter von Hanau und Halle: Sie alle handelten ganz oder zum Teil aus Motiven, die auf den Glauben an einen Verschwörungsmythos zurückzuführen sind. Miro Dittrich beklagt, dass Medien zu lange belustigt über Verschwörungsmythen berichtet haben: „Gerade Themen wie Echsenmenschen oder die flache Erde: Darüber hat man sich humoristisch erheitert. Aber wer nur ein bisschen Zeit in diesen Gruppen verbringt, sieht ganz schnell, dass es dabei darum geht, dass natürlich die Juden dahinterstecken, die den Gewinn daraus ziehen würden. Dass das nicht angegangen wurde, ist ein sehr großes Problem.“

Genauso wichtig wäre es, dass große Internet-Konzerne nicht weiterhin helfen, Verschwörungsmythen im Netz zu verbreiten. Youtube, Facebook und Twitter haben zuletzt zwar zahlreiche Accounts von Verschwörungsideologen gesperrt und versehen zunehmend fragwürdige Posts, Tweets oder Videos mit entsprechenden Warnhinweisen. Es bräuchte aber ein entschiedeneres Vorgehen – was freilich den finanziellen Interessen dieser Konzerne zuwiderlaufen würde. Weshalb vielleicht nicht die Konzerne selbst, sondern der Staat – oder aber ein Gremium – Richtlinien vorgeben sollte. So zumindest die Idee von Pia Lamberty: „So gefährlich Desinformation ist, es ist natürlich auch eine Macht, die der Staat damit bekommt, wenn er sagt: Das und das kannst du sagen, das und das nicht. Da würde ich mir eher ein Gremium wünschen, dass sich damit auseinandersetzt und die verschiedenen Möglichkeiten erst einmal diskutiert und sieht, wie man hier regulieren kann – aber auch auf eine freie Meinungsäußerung Acht gibt.“

Jeder und jede einzelne ist gefragt

Das alles wird nicht von heute auf morgen passieren. Medien mögen ein wenig ernsthafter über Verschwörungsmythen berichten und Tech-Unternehmen ein wenig strenger auf die Inhalte schauen. Aber bis Medien wirklich zielführend berichten, bis Facebook und Co wirklich entschieden regulieren, bis Behörden die Gefahren wirklich ernst nehmen und erst recht bis die Politik die Probleme soziale Ungleichheit, deregulierter Kapitalismus oder fehlende Anerkennung angeht oder überhaupt angehen will, wird noch viel Zeit verstreichen.

Bis dahin bleibt die vielleicht wichtigste Maßnahme gegen Verschwörungsmythen: Die Gegenrede im persönlichen Gespräch. Denn, so Wilhelm Heitmeyer: „Im Grunde geht es auch darum, dass wir als Bürger ganz maßgeblich dazu beitragen können, dass sich Verschwörungstheorien nicht ausbreiten. Wir müssen in unserem Alltag – und zwar in unseren jeweiligen Bezugsgruppen, ob das die Verwandtschaft ist, der Freundeskreis, der Sportverein, die Kirchengemeinde oder die Gewerkschaft – als einzelne unsere Stimme erheben. Das wird nicht ganz leicht.“

Die Lebenssituation zählt

Es wird nicht ganz leicht – weil man damit selbst riskiert, ins Abseits zu geraten. Aber auch, weil nur allein dadurch kaum jemand seine Meinung ändern wird. Was damit zu tun hat, dass Verschwörungsmythen gleich mehrere wichtige Funktionen für ihre Anhänger erfüllen. Die Mythen geben ihren Anhängern nicht nur ein Gefühl von Kontrolle über ihr Leben zurück, Pia Lamberty nennt außerdem die Funktion, dass sich Menschen durch Verschwörungsmythen aufwerten, sich überlegen und einzigartig fühlen können. Sowie die Funktion, die unübersichtliche Welt wieder begreifbar zu machen.

„Das wird natürlich immer relevanter für das eigene Selbst“, so Lamberty, „je stärker man quasi in diesem Kaninchenbau verschwindet. Das sind ja teilweise Leute, die vielleicht ihre Arbeit verlieren oder Freunde verlieren, die auch durchaus Geld investieren, wenn sie von Demo zu Demo reisen. Und umso mehr man investiert in dieses Weltbild, desto wichtiger und identitätsbestimmender wird es.“ Verschwörungsmythen werden zu einem wichtigen Teil der Identität ihrer Anhänger. Fällt der Glaube an die Verschwörung weg, würde diese Identität in ihren Grundfesten erschüttert. Das erklärt, warum Verschwörungsmystiker abseits jeder Logik, entgegen aller Fakten und auch dann noch, wenn Vorhersagen nicht eintreffen, an ihren Erzählungen festhalten.

Weshalb es meistens nichts bringt, mit Fakten und Argumenten die angebliche Verschwörung widerlegen zu wollen. Erst recht nicht bei Menschen, die man kaum kennt. Laut Pia Lamberty hat man „im eigenen Umfeld die besten Möglichkeiten, dass jemand wieder zurückkommt oder zumindest weniger stark daran glaubt.“ Und zwar, indem man statt auf die Verschwörungserzählung auf die konkrete Lebenssituation der Leute eingeht: „Vielleicht hat die Person den Job verloren, ist dann krank geworden, und aus dieser Lebenskrise heraus hat sie Schuldige gesucht, auf die sie alles projiziert. Wenn man versucht, an diesem Punkt anzusetzen, hat man die besten Chancen.“ Dabei gilt: Je früher man einschreitet, desto größer ist die Chance, dass man den Freund oder die Verwandte noch erreicht. Ist man hingegen einmal als „Schlafschaf“ markiert und somit als unwissendes Opfer der vermeintlichen Verschwörung, braucht es deutlich mehr Ausdauer.

Die große Sinn-Erzählung

Zoomt man noch einmal heraus auf die gesamtgesellschaftliche Perspektive, gibt es ein weiteres Feld von Maßnahmen, das als Gegengift gegen Verschwörungsmythen helfen könnte. „Die Menschen haben das Bedürfnis nach einer Gemeinschaft“, erklärt Miro Dittrich. „Und in unserer immer größer fragmentierten Gesellschaft, wo es klassische Gemeinschaften wie Großfamilien, Dorfgemeinschaften, Kirchen oder Gewerkschaften nicht mehr gibt, scheint die einzige Gemeinschaft, die sie finden, in diesen Online-Kulturen zu liegen. Zudem sehen wir ganz klar, dass die Menschen das Gefühl haben, dass ihr Leben keinen Sinn hat. Dass sie nur arbeiten, aber es fehlt das größere Ganze, warum man überhaupt leben sollte. Und Verschwörungserzählungen bieten genau das: Es geht darum, dass ein epischer Kampf stattfinden würde von Gut gegen Böse, wo man sich auf der guten Seite beteiligt. Hier müssten wir überlegen, wie die Gesellschaft es schaffen kann, diesen Menschen wieder Sinn-Erzählungen anzubieten, warum es wert ist zu leben, welchen Zweck ihr Leben hat.“

Welche Sinn-Erzählungen könnten das sein? Die von einer pluralistischen Gesellschaft, in der Solidarität die oberste Prämisse wird? Oder die von einer gemeinsamen Anstrengung, Herausforderungen wie etwa die Klimakrise zu meistern? Sinn-Erzählungen, von denen wir heute noch nichts ahnen? Eines ist klar: Jede wäre besser als jene, die Menschen dazu bringt, im Glauben an völlig aus der Luft gegriffenen Falschinformationen Regierungsgebäude zu stürmen und Menschen zu töten.

Jetzt anhören: Nachtstudio: Wenn Fakten nicht zählen – über Verschwörungsmythen. Auch als Podcast verfügbar.

Resistent gegen Fakten: Verschwörungsmythen sind zu einer ernsthaften Bedrohung für die Demokratie geworden. Wie konnte es soweit kommen? Und was kann man selbst und die Gesellschaft dagegen unternehmen? Eine Sendung von Hardy Funk, mit Pia Lamberty, Wilhelm Heitmeyer und Miro Dittrich.