Der Osten Die Gegenüberstellung von Russland und Europa ist ein Produkt der Aufklärung

Der Osten Europas gilt bis heute als rückständig. Gleichzeitig dient er als neonfarbene Warnung vor einem ultramodernen Kontrollstaat. Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine führt der Neu-Osten nun Krieg gegen den alten.

Von: Christine Hamel

Stand: 14.07.2022 | Archiv

Moskau bei Nacht, hell erleuchtet | Bild: picture alliance / dpa / TASS | Maxim Churusov

Der Osten – wild und gefährlich, verrückt und exzentrisch, ungezügelt, ungeregelt, draufgängerisch, abgründig. Immer hat er ein Imageproblem, immer ist stabile Krise. Allein die Idee "Osteuropa" – sie kommt erst im 18. Jahrhundert auf – gründet auf einem Bild der Rückständigkeit. Nicht in Bezug auf Wirtschaft oder Technik, sondern auf Sitten und Gebräuche. Der Inbegriff aller Rückständigkeit: Russland! Der Konzeptkünstler Dmitrij Prigow wollte etwas Rückständigkeit aufholen und seiner russischen Katze deshalb wenigstens das Sprechen beibringen. "Komm Kätzchen: Sag doch mal Russland!" – "Rossija!" Voltaire, der sich als Berater Katharinas II. starkmachte, monierte: "Russland ist das Land, in dem fast noch alles zu tun ist."

Ein verklärtes Überbleibsel der Aufklärung

Die Gegenüberstellung von Russland und Europa oder West- und Osteuropa ist ein Produkt der Aufklärung und deren Konzept der Zivilisiertheit. Seither steht Europa für das Kultivierte, der Osten für das Unkultivierte. Der Osten ist Naturereignis. Smolensk, Zemplén, Spisska Belá, Rasinari... vergessene Gegenden, wo auch nach einem Jahrhundert mit einem halben Dutzend politischer Radikalkuren alles beim Alten geblieben ist. Zwischen Stille und Regen, Gerümpel und Bruchbuden lassen sich Urlandschaften zusammenreimen. Orte der Seele und einer Schäbigkeit, denen die Würde menschlichen Lebens eingeschrieben ist. Niemand jammert hier über Krux, Krise und Chaos, im Osten wissen sie, dass nur das Leiden Kraft bringt, während das Jammern nichts bringt. Der Westen hat diese nostalgischen Welten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit großer Begeisterung entdeckt, gleichsam als eine Reise um die Welt, wie sie Kleist in seinem Aufsatz "Über das Marionettentheater" vorgeschlagen hat: Wir müssen schauen, ob das verriegelte Paradies "vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist."

Eine neuer, ordnungswilder Osten

Doch noch während wir schauten und entdeckten, trat da in nur zwei Jahrzehnten ein neuer Osten östlich des Ostens auf den Plan. Novyj Wostok. 新東  Xindooongfaaang. Grell, mit einem Faible für die bunt ausgeleuchtete Nacht, den Einbruch der Dunkelheit kennt man in Peking oder Moskau gar nicht mehr, Millionen bunte Glühbirnchen illuminieren Gebäude und Brücken. Die Nacht hat schließlich immer etwas latent Subversives und sozial Gefährdendes. Also Schluss mit dem Schutz der Dunkelheit. Überhaupt sieht die Obrigkeit des neuen Ostens dank Kameras immer mit und zu. Bis hin zur Körpertemperatur ist alles auf dem Schirm. Das poetische Bollwerk gegen den profanen, effizienten Westen ist längst der militanten Sehnsucht nach Kontrolle und Größe zum Opfer gefallen. Seither ist der Osten vor allem ordnungswild. Soziale Medien werden streng überwacht, denn die Weltbilder sind von aggressiver Klarheit. Gesellschaftsdiskurse haben keinen Ort, um überhaupt aufzukommen. Der neue Osten verherrlicht Einigkeit. Vater Staat kümmert sich um alles, was ihm zuarbeitet. So war es bis zum 24. Februar dieses Jahres.

Der Neu-Osten greift den Osten an

Der Krieg, den Russland gegen die Ukraine führt, ist eine Zeitenwende. Der Neu-Osten greift den Osten an. Das, prophezeit der Schriftsteller Vladimir Sorokin wird Russlands Ende als Neu-Osten sein: "Im russischen Bewusstsein stürzt gerade alles ein. Es ist ein Zusammenbruch der Logik, des Gewissens und der Vernunft. Alles stürzt ab. Es läuft auf einen kompletten Ruin hinaus, der dann auch zu einem Zusammenbruch des Staates führen wird. Alles wird kollabieren. Denn dieser Krieg ist total irrsinnig, trotzdem tobt er, und zwar gegen den ganzen Westen und gegen den Osten auch." Auch das gehört zum Schicksal des Ostens: Er muss immer werden.

Ein Beitrag aus der Kulturwelt auf Bayern 2 vom 07. Juli 2022. Den Podcast können Sie hier abonnieren.