Meinung Wieso Alkoholverbote die Lebendigkeit der Städte bedrohen

Euro-Paletten statt Parkplätze, Lichterketten und überall Menschenansammlungen – die Städte, schwer gebeutelt von der Pandemie, werden lebendiger und schöner. Und die große Gefahr, auch wenn es schwerfällt, es zu sagen: Durch die Einschränkungen beim Alkoholverkauf droht diese neue Lebendigkeit wieder verloren zu gehen.

Von: Martin Zeyn

Stand: 28.08.2020 | Archiv

Neue Freischankflächen für Gastronomien in München | Bild: BR

Was macht eine Stadt lebenswert? Geschäfte, Straßen, Fabriken? Nein, es sind die Plätze. Der große Soziologe Richard Sennett ist immer schon ein Fan der Stadt gewesen – sie sollte bloß nicht zu geplant und zu groß sein. Besonders die italienischen Plätze haben es ihm angetan – weil sie überschaubar genug sind, um einen Rahmen zu bieten. Städte sind zwar große Zusammenballungen, Plätze aber würden das Häusermeer strukturieren und einen Ort bieten für Zusammenkünfte. Hier können wir Individualisten zu sozialen Wesen werden. Hier funktioniert die Stadt, wird aus Stein ein Lebensraum.

Die Euro-Palette als Must have der Saison

Das Münchner Westend und viele andere innerstädtische Viertel haben in den letzten Monaten eine gravierende Änderung erfahren. Die Autos, die sonst den Stadtraum dominierten, sind zurückgedrängt worden. Fast jedes Café, jedes Restaurant, jede Kneipe hat jetzt Außentische. Die Europalette ist das neue Must-Have der Gastronomie, entweder als Untergrund oder als mit Pflanzen geschmückte Absperrung zur Straße. Der Schmuck ist wichtig. Anders als die Kirschlorbeerhecken oder Spaliere der Vorstadt verkünden die Schanigärten: Wir wollen nicht, dass Du draußen bleibst, wir wollen Dich einladen, hereinzukommen. Natürlich ist diese Einladung kommerziell, aber sie verändert komplett die Stimmung. Es sind viel mehr Menschen draußen als früher. Und viele sind keine Gäste, sondern sie sitzen auf Türschwellen oder stehen in kleinen Gruppen auf der Fahrbahn. Die Stadt lebt. Und wer je um 21 Uhr durch eine Vorstadt gefahren ist, in der jeder sich in sein Haus, seinen Garten zurückzieht, weiß, wie abweisend und leblos Stadt sein kann. Auf öffentlichen Plätzen gibt es kein Hausrecht (wie in Malls oder Gated Communities), hier gibt es das Recht der Bürger*innen, ihre Stadt zu bewohnen (ohne konsumieren zu müssen). Die Straße wird menschlicher, bunter, wenn Leute sie sich aneignen, ob nun durch Guerilla Gardening oder durch Herumhängen.

Gibt es ein Recht auf Saufen?

Natürlich ist diese Entwicklung keine reine Freude. Immer mehr Städte schränken jetzt den Verkauf und den Konsum von Alkohol im Außenraum ein. In München etwa, so teilte das Kreisverwaltungsreferat mit, ist ab dem 28.8. der Konsum von Alkohol ab 21 Uhr verboten. Das Ziel, die Pandemie einzudämmen, leuchtet ein. Aber diese Einschränkung trifft eher die ökonomisch Schwachen, die Armen und die Jugendlichen. Also all jene, für die die vier Euro für eine Halbe zu teuer sind. Gerade das jugendliche Abhängen steht für mich für das Freiheitsversprechen der Stadt: Ohne soziale Kontrolle sich treffen zu können. Hier wächst ein Nährboden für eine neue Sprache, modische Riten, ja, für einen ewig neuen Aufbruch.

Stadtluft macht frei

Nein, ich bin kein Freund von Corona-Partys, von Besäufnissen, von Müll und von Lärm. Aber ich bin ein Freund von Freiheit. Und die braucht Platz. Freiräume sind das bedrohteste und das wertvollste der Stadt. Bedroht, weil Kommunen ständig etwas brauchen, einen Kindergarten, einen Supermarkt, Eigentumswohnungen.  Wertvoll, weil sie den Reiz einer Stadt ausmachen. Manche Menschen ziehen es vor, in der Vorstadt zu leben und nur besuchsweise das Szeneviertel aufzusuchen. Oft sind solche Bezirke weder schön noch nett. Sie sind meistens erst hübsch anzusehen, bevor sie umkippen, bevor sie zu einer gentrifizierten Fassade von Szene mutieren. Aber diese schmutzigen, lauten Orte mit Menschen unterschiedlicher Herkunft sind die Laboratorien, in denen Bewohner*innen Bürgerinnen und Bürger werden. Also Menschen, die nicht nur für ihren Besitz, sondern auch für das Gemeinwohl der Stadt einstehen. Dafür, dass die Stadt allen offensteht. Weil sie auf den Plätzen und Straßen Freiheit erfahren haben. Natürlich kann es kurzzeitig sich als notwendig erweisen, Menschen zu verbieten sich zu treffen, um ihr Leben zu schützen. Aber das sollte einer der letzten Schritte sein. Denn sonst zerstören wir mehr Leben, als wir beschützen.