Interview zur Serie "The Billion Dollar Code" "Deutschland war nie bereit, ein Silicon Valley zu sein"

Es ist eine unglaubliche, aber auch bezeichnende, wahre Episode der deutschen Digitalisierungsgeschichte: Art+Com, ein Berliner Start-up aus jungen Künstlern und Programmierern, entwickelte in den 1990ern einen Vorläufer für Google Earth – und wurde einfach vergessen. Netflix hat die Story von "TerraVision" als Miniserie verfilmt.

Von: Vanessa Schneider

Stand: 11.10.2021

Szene aus der Serie "The Billion Dollar Code" von Netflix. | Bild: Netflix

Eigentlich war "TerraVision" ein Kunstprojekt – eine virtuelle, begehbare Erdkugel, mit der man jeden erdenklichen Ort der Welt besuchen kann. Finanziert mit Millionen DM von der Telekom und ausgestellt auf der ganzen Welt. Die Idee dazu hatten 1993 der spätere UdK (Universität der Künste, Berlin) -Professor Joachim Sauter, der Künstler Gerd Grüneis, sowie die Programmierer Axel Schmidt und Pavel Mayer – in ihrer Medienkunst-Firma "Art+Com". Im Drehbuch zur Netflix-Miniserie "The Billion Dollar Code" lässt Autor Oliver Ziegenbalg diese vier Männer zu zwei Charakteren verschmelzen – Hacker Juri Müller (gespielt von Marius Ahrendt und Mišel Matičević) und Kunststudent Carsten Schlüter (jung: Leonard Scheicher, älter: Mark Waschke). Der Rest von Ziegenbalgs Drehbuch bleibt nah an der Realität: Dass "Art+Com" regen Austausch mit späteren Google-Mitarbeitern pflegten, wie sie um die Anerkennung ihrer Vorarbeit gerungen haben und sich 2014 in einem Patentrechtsstreit mit Google anlegten. Warum diese Innovation in Deutschland zum Scheitern verurteilt war, lesen Sie im Interview mit dem Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg und dem Mit-Erfinder von TerraVision, Axel Schmidt.

Vanessa Schneider: Als ich von der Serie erfahren habe, habe ich erst mal gegoogelt. Und ich habe nicht viel gefunden, also kaum Interviews von Art+Com Mitgründer Joachim Sauter, kaum Artikel über den Verlauf und das Ende des Patentrechtsstreits mit Google. Warum hat dieser Fall so wenig Aufmerksamkeit auf sich gezogen, obwohl der mitten in der Digitalisierungskrise in Deutschland stattgefunden hat?

Axel Schmidt: Ja, das ist eine gute Frage. Ich habe mich damals auch gewundert, dass wir damit nicht mehr Aufmerksamkeit erregt haben. In Amerika gab es natürlich schon ein wenig Presse. Hier und da konnte man etwas lesen über den Verlauf des Verfahrens und den Ausgang. Aber in Deutschland habe ich auch nicht viel gesehen. Man muss dazu sagen, dass wir auch bei "Art+Com" jetzt keine richtige Pressearbeit gemacht haben. Wir haben es einfach so laufen lassen.

Oliver Ziegenbalg: Robert Thalheim (Anm. d. Red.: der Regisseur) und ich wollen, dass diese Geschichte tatsächlich so groß erzählt wird, dass die Welt davon erfährt. Weil uns das ja auch umgehauen hat, dass niemand davon wusste. Aber das ist auch ein Phänomen dieser Welt, dass erst das Medium die Geschichte macht. Und vielleicht ist jetzt Netflix das Medium, das diese Geschichte gebraucht hat, um sie groß zu machen.

Schmidt: Es liegt auch teilweise daran, dass damals, als wir TerraVision entwickelt haben, so 1993/94, da gab es ja das Internet in der Form noch gar nicht. Das heißt, da ist sozusagen nichts im Internet hinterlegt, worauf man sich beziehen könnte. Das kam ja dann erst sehr viel später in Schwung. Und dadurch gibt es sozusagen keine Referenz für unser Projekt. Bei Art+Com auf der Homepage gibt es eine Projektbeschreibung, und das war's im Grunde. Und bei YouTube gibt es noch ein kleines Video und mehr ist es nicht.

Gerade in den ersten Folgen der Serie hat man ja den Eindruck, Berlin hätte ein deutsches Silicon Valley werden können: diese einzigartige Häufung von Wissen und Kreativität und vor allem auch Geld. Warum war das trotzdem so zum Scheitern verurteilt – Herr Ziegenbalg?

Ziegenbalg: Es war eine Fügung, dass sich eine Gruppe von Künstlern und Programmieren zusammengesetzt hat. Und dann war es auch eine Fügung, dass die Telekom – das war auch ziemlich einzigartig – eine Million DM dafür bereitgestellt hat, weil sie das Geld ausgeben musste, – sie war den Deal eingegangen, dass sie das Geld nach Berlin pumpen musste. Mein Eindruck von den Gesprächen und Recherchen, die ich geführt habe, war eher: Deutschland war überhaupt nie bereit ein Silicon Valley zu sein. Die waren eigentlich immer hintendran. TerraVision und Art+Com ist hier eine von wenigen singulären Erscheinungen gewesen, die es geschafft haben. Aber zu dem Zeitpunkt, wo es mehr sein sollte als ein Kunstwerk, da hat sich dann doch gezeigt, dass in Deutschland keiner daran geglaubt hat, daraus ein "Produkt" zu machen. Das ist ja das, was "Google Earth" dann wurde. Jeder Mensch kann es auf dem PC anschauen, und dadurch ist es überhaupt erst ein Produkt geworden. Und da wollte dann plötzlich niemand investieren in die Sache, die eigentlich Geld wert war.

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The Billion Dollar Code | Offizieller Trailer | Netflix | Bild: Netflix Deutschland, Österreich und Schweiz (via YouTube)

The Billion Dollar Code | Offizieller Trailer | Netflix

Gab's da für Sie, Herr Schmidt, einen Moment, wo Sie gemerkt haben, das wird in Deutschland niemals funktionieren, diese Mentalität, die man aus dem Silicon Valley oder aus Amerika kennt?

Schmidt: Einen Schlüsselmoment würde ich nicht sagen. Aber mir ist es natürlich im Laufe der Jahre schon klargeworden. Wir haben ja 1988 mit Art+Com angefangen und waren in der komfortablen Situation, dass die Telekom uns von Anfang an mit kleinen Budgets unterstützt hat. Das waren jetzt keine großen Gelder, aber es war dann doch schon so viel, dass wir ein Art+Com Team von vielleicht zehn, zwanzig Leuten halten und bezahlen konnten. Und damit haben wir praktisch diese Projekte gemacht. TerraVision war dann für mich so eine Art erstes Start-up in Deutschland. Da haben wir wirklich Geld bekommen, um das zu machen und um die erste Idee zu realisieren. Aber als es dann weitergehen sollte, haben wir versucht, noch mehr Investoren und auch von der Telekom noch mehr Geld zu bekommen. Und da haben wir dann schon gemerkt, dass wir ganz schnell an Grenzen stoßen. Das gab es so zu der Zeit in Deutschland noch nicht, dass man einfach so Risikokapital aufnehmen konnte mit solchen Ideen. Und das war damals in Amerika schon deutlich anders. Wir waren ja relativ oft drüben, auch im Silicon Valley, und haben das System präsentiert und viele Leute kennengelernt. Und ist ein ganz anderer Spirit. Da erkennen die Leute sofort die Idee, eine Möglichkeit, damit auch irgendwann mal Geld zu verdienen, das zu monetarisieren. Das war schon ein ganz anderes Umfeld. Und da hakt es ein bisschen in Deutschland. Es kam ja später dann auch in Schwung, es gab ja dann auch relativ viele Start-ups in Deutschland, und die sind ja auch teilweise erfolgreich geworden. Aber meistens waren es Ideen aus Amerika. Sachen, die es schon gab, die man dann versucht hat, auf dem deutschen Markt zu etablieren. Aber wesentlich weniger eigene Sachen.

Den Eindruck hatte ich auch beim Schauen und auch bei den vielen – aus heutiger Sicht – sehr witzigen, aber gleichzeitig auch zynisch wirkenden Dialogen in der Serie. Einige Dialogteile sind auch aus der Realität entnommen, richtig?

Ziegenbalg: Der Regisseur Robert Thalheim und ich haben Interviews mit den Beteiligten geführt, und wir haben zum Teil einfach die Sätze eins zu eins ins Drehbuch geschrieben. Zum Beispiel, "dass das Internet sich sozusagen auf den wissenschaftlichen Betrieb beschränken wird" – sowas denke ich mir nicht aus. Das würde ich mich nie trauen zu schreiben. Das hat halt einer von den Jungs mir eins zu eins aus dem Telekom-Gespräch mitgegeben.

Herr Schmidt, Ihre Person geht in der Figur Juri Müller auf. Sie hatten – wie er – die Idee, am Onyx Rechner so eine virtuelle Erdkugel zu programmieren. Was dachten Sie, was damit möglich sein würde in Kombination mit dem Internet? Was waren so die Ideen, die dann im Raum schwebten?

Im Silicon Valley zeigen Carsten Schlüter (Leonard Scheicher) und Juri Müller (Marius Ahrendt) einem späteren Google-Mitarbeiter TerraVision vor.

Schmidt: Als wir angefangen haben mit TerraVision habe ich einfach mit diesem Supercomputer rumgespielt und habe ausprobiert, was möglich ist. Und habe natürlich verschiedene grafische dreidimensionale Programme geschrieben, um zu testen, wie stark die Hardware wirklich ist. Da war auch diese Erdkugel dabei. Und dann entstand die Idee: Wow, was wäre, wenn man da jetzt einfach immer mehr Bilder, immer mehr Satellitenbilder hätte und auch Luftbilder hinzufügt und vielleicht auch die 3D-Modelle der Gebäude integriert? Aber uns wurde ganz schnell klar, dass es eigentlich gar nicht möglich ist, diese wahnsinnige Datenmenge an einem Ort und auch immer aktuell zu halten. Da kam dann die Idee, dass wir die Daten dezenztral lagern müssen. Das heißt, wenn wir zum Beispiel jetzt aus dem Weltall nach nach Tokio fliegen, dann würden wir eine Internetverbindung nach Tokio aufbauen – damals war es noch etwas Besonderes – zu einem lokalen Server, der die detaillierten Daten von Tokio hält. Dass z.B. alle Geschäfte da vermerkt sind, dass man sagt: Okay, wie sind die Öffnungszeiten? Wo kann man hin? Und dann haben wir natürlich viele Ideen gehabt: Dass man zum Beispiel aktuelle Wetterdaten nehmen kann und wirklich die Wolken darstellen kann, wie sie wirklich sind. Oder, dass man Adressen hinterlegen kann, die Leute praktisch auf dem Globus anwählen und zum Beispiel ein Telefongespräch führen kann. Das haben wir ja auch alles realisiert, Schritt für Schritt. Aber es kam jetzt nicht diese große Idee, wie man das monetarisieren kann.

Ziegenbalg: Du hast mal in einem Interview gesagt: "Wir hätten einfach einen BWLer gebraucht. Im Programmieren waren wir immer zehn Jahre voraus, aber im Monetarisieren waren wir hundert Lichtjahre zurück."

Heute ist es ja genau so, da arbeiten die BWLer mit den Informatikern oder Programmierern zusammen. Aber es fehlen dann da, habe ich oft das Gefühl, so die Geisteswissenschaftler mit Fantasie, auch für die Anwendung von neuen Technologien. Braucht es heute vielleicht noch mehr Kontakte zwischen Programmierern und Künstlern?

Schmidt: Ja, würde ich schon sagen. Denn Art+Com war ja damals ein Experiment. Das ist ja entstanden aus der damaligen Hochschule der Künste, heute der UdK, die gesagt hat: okay, wir würden gerne mehr mit Computern arbeiten und mit modernen Medien. Und das war damals nicht möglich an der Hochschule. Dann haben sie gesagt, okay, wir suchen Informatiker, Architekten, Künstler alles zusammen und werden so interdisziplinär arbeiten. Das war der Ansatz von Art+Com - deswegen auch "Art" und "Com". Und das hat damals dank der Unterstützung der Telekom ja auch gut funktioniert. Und man muss sagen, es sind tolle Projekte entstanden. Es ist ja nicht nur TerraVision. Wir haben auch andere wirklich ganz tolle Projekte gemacht und viele innovative Sachen. Bei Virtual Reality zum Beispiel waren wir ganz vorne mit dabei mit diesem Handschuh, dem Data-Glove, mit dem Jaron Lanier das virtuelle Saxophon gespielt hat. Das ist unsere Software, die da läuft. Das war auch eine Sensation damals. Und das fehlt heute. Ich bin immer noch in der Entwicklung tätig. Ich habe das sozusagen fortgeführt erst mit einem Start-up, dann bei Nokia und jetzt für die deutsche Automobilindustrie, HERE Technologies. Wir machen immer noch 3D-Karten auch für Navigationssysteme und für selbstfahrende Autos. Aber wenn ich sehe, wie wir heute arbeiten, das ist ein ganz anderes Arbeiten. Und da fehlt natürlich komplett dieser künstlerische Gedanke. Solche Leute gibt es bei uns in der Firma eigentlich gar nicht.

Ziegenbalg: Als wir gestern zusammensaßen, meintest du, wenn man heute ein freies Projekt machen will, muss man das quasi eine Woche vorher anmelden, sich einen Slot reservieren, der dann einen Nachmittag ist. Das anarchische Programmieren muss man im Vorfeld jetzt schon anmelden und hat dann auch nur eine beschränkte Zeit...

Schmidt: Ja! Man muss im Grunde das Ergebnis schon vorher bestimmen, und man muss täglich einen Report abgeben und sagen, ich arbeite da und da. Also wirklich drei Tage zu sitzen oder eine Woche und einfach nur nachdenken und was ausprobieren..., das ist kaum noch möglich heute.

Ich habe die ersten Szenen von der ersten Folge gesehen und hatte sofort Bammel, dass es total daneben geht in der Visualisierung von Programmierern und Hacking, weil das oft in Filmen und Serien einfach furchtbar unrealistisch gezeigt wird. Und ich war dann überrascht, dass es gelungen ist. Was war Ihnen beiden wichtig in der Darstellung und was wollten Sie unbedingt vermeiden?

Ziegenbalg: Wir haben uns vorgenommen, dass das das nicht passieren darf, dass das irgendwie Fantasy Land ist. Wenn jemand ein Programm auf dem Rechner hat, dann ist es das echte Programm von damals. Wenn jemand an einem Rechner sitzt, dann ist es der echte Rechner von damals. Selbst das Büro haben wir so nachgebaut wie damals. Und die Dialoge müssen so geführt werden wie Leute, die programmieren, Dialoge führen. Natürlich verkürzt man im Film und verdichtet und führt zusammen. Aber jeder Satz, der da gesagt wird, soll ein Satz sein, der in echt so gesagt worden sein kann. Beim Gerichtsverfahren habe ich jeden Satz nur aus den Prozessakten genommen. Ich habe keinen Satz erfunden. Ich habe einfach 3.000 Seiten Prozessakten gelesen und dann war das einfach eine ganze Menge Arbeit, das auf 70 Seiten Drehbuch zu verdichten. Aber der Anspruch war zu sagen, genau so hat dieser Prozess auch stattgefunden. Und nicht, dass ich mir jetzt irgendetwas ausdenke von irgendeiner Befragung. Unsere Szenen-Bildnerin hat sich wirklich abgearbeitet daran, dass das alles so aussieht. Kyoto – selbst die Wandgemälde von Kyoto haben wir genauso wiederhergestellt, wie sie damals waren. Wir haben einfach versucht, es auf der Ebene so echt und exakt wie möglich darzustellen.

Wenn man irgendwas aus "The Billion Dollar Code" mitnehmen oder lernen könnte, was würden Sie sich wünschen?

Schmidt: Also, ich würde wirklich empfehlen heutzutage, dass man doch noch mal überlegt, ob man nicht teilweise auch bei größeren Software-Projekten mehr Freiräume schafft. Dass man die Möglichkeit schafft, auch dort mal kreativ zu sein und einfach mal neue Wege zu probieren. Es gibt manchmal Ansätze, wo es versucht wird – klar, auch das Management sieht das – aber viel zu wenig. Und wenn man sich anguckt, wie heute Start-ups funktionieren, wenn man da einen Businessplan abgibt mit einer Idee, da kriegt man das Geld – aber man kann ja gar nicht mehr selber anfangen, sondern da werden gleich alle Prozesse vorgegeben. Man geht in so einen Inkubator, wo alles schon fertig ist. Das ist natürlich eigentlich gar kein richtiges Start-up mehr. Es ist optimiert worden, wie so vieles einfach immer weiter optimiert wird, bis zum Letzten ausgequetscht. Und das ist das, was meiner Meinung nach, auch ein bisschen die Kreativität tötet.

Ziegenbalg: In den Anfängen des Internets haben die, die damit auch am Anfang gearbeitet haben, wirklich geglaubt, dass es ein offener, demokratischer Ort wird – wo Bildung für alle da ist, wo Information für alle da ist. Es ist nicht so, dass es das nie geworden ist – es ist aber auch etwas anderes geworden – dass man die Dinge teilt und sie nicht nur für sich selber behält. Und wenn man mich fragen würde, was die Leute aus der Serie mitnehmen, dann ist es, dass sie sich zurückerinnern, was eigentlich mal der Grundgedanke des Internets war und noch einmal innehalten und sich fragen, ob das, was sie im Internet tun, genau das ist, was dem entspricht, was man eigentlich mal als Idee dahinter hatte.

Die historische Miniserie "The Billion Dollar Code" und die dazugehörige Dokumentation sind bei Netflix streambar.

Im Serien-Podcast "Skip Intro" haben wir zusammen mit Netz-Experte Christian Schiffer einen Reality Check zu "The Billion Dollar Code" gemacht. Die Folge finden sie hier.