Berlinale, Teil 2 "Der Mauretanier" auf der Berlinale – und im Kino

"Der Mauretanier" basiert auf dem Guantanamo-Tagebuch von Mohamedou Ould Slahi. Der Thriller eröffnet heute die Sommer-Berlinale, den Publikumsteil, der wegen Corona verschoben wurde – und läuft diese Woche in den Kinos an.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 08.06.2021 | Archiv

Der Mauretanier | Bild: Tobis

Mauretanien, 2001, zwei Monate nach 9/11. Eine Familienfeier am Meer, eine Hochzeit, viele Menschen. Mohamedou wird nach draußen gebeten. Polizei. Man kennt sich offenbar. Ein Beamter im Anzug fragt, wo Mahfouz sei, der Cousin. Er habe keine Ahnung, antwortet Mohamedou, das wisse wohl noch nicht einmal Bin-Laden. Er müsse mitkommen auf die Wache, meint der Polizist. Wieder ein Verhör. Die Amerikaner würden verrücktspielen. Sie glauben, Mohamedou sei einer der Drahtzieher von 9/11.

"Der Mauretanier" heißt der Film, der die "Sommer-Berlinale" eröffnet, jenen Teil für das Publikum, der wegen der Corona-Pandemie verschoben wurde. Den Wettbewerb hat man bereits im März branchenintern gezeigt und den Goldenen Bären vergeben. "Der Mauretanier" lief außer Konkurrenz, ist aber mit Jodie Foster und Benedict Cumberbatch starbesetzt. Der amerikanisch-britische Thriller des Regisseurs Kevin Macdonald basiert auf dem Guantanamo-Tagebuch von Mohamedou Ould Slahi, der nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in Mauretanien festgenommen und 2002 ohne formelle Anklage ins Internierungslager der Guantanamo Bay Naval Base verschleppt wurde.

Mit Hochbegabtenstipendium nach Duisburg

Jodie Foster als Staranwältin Nancy Hollander.

Für drei Jahre bleibt der 31-jährige Sohn von Beduinen verschwunden. Bis Der Spiegel berichtet, Mohamedou sei in Guantanamo interniert. Das Nachrichtenmagazin interessiert sich für den Fall, weil Mohamedou zuvor in Deutschland studiert hat.

Gerade volljährig war Mohamedou 1988 nach Duisburg gekommen, durch ein Hochbegabtenstipendium der Carl-Duisberg-Gesellschaft. An der Mercator-Universität studierte er Elektrotechnik, um nur zwei Jahre später nach Afghanistan zu fahren und dort gegen die russischen Besatzer des Landes zu kämpfen. Er schloss sich den Mudschahedin an, wurde in einem al-Qaida-Camp ausgebildet – und leistete den Treueschwur.

"Seit wann sperrt unser Land Menschen ohne Prozess ein?"

Zwei Jahre später war Mohamedou zurück in Deutschland, sagte sich los von al-Qaida, schloss sein Studium ab und arbeitete bis zur Jahrtausendwende in dem Land, das ihn ausgebildet hatte. Bis er angeklagt wurde, weil er Arbeitslosengeld bezog und gleichzeitig eine Firma gründete. Es folgte die Ausweisung. Danach wird es ziemlich wirr: Aufenthalte in Kanada, Senegal und Mauretanien. Dann die Verhaftung durch den US-Geheimdienst.

Im Februar 2005 erfährt die Staranwältin Nancy Hollander durch einen Kollegen vom Schicksal Mohamedous. Die von Jodie Foster mit lässiger Grandezza gespielte Juristin entschließt sich, den in Guantanamo inhaftierten Mann zu verteidigen. Über 700 Personen seien dort interniert, ohne dass man ihnen etwas vorwerfen könne, sagt sie, und fragt weiter in die Runde ihrer Kollegen: "Seit wann sperrt unser Land Menschen ohne Prozess ein?"

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Der schottische Regisseur Kevin Macdonald hat seit seinem Spielfilmdebüt ein Faible für Politthriller. In "Der letzte König von Schottland" näherte er sich 2006 dem ugandischen Diktator Idi Amin an. Danach folgten Filme über ein dubioses US-Sicherheitsunternehmen, über eine gefährliche U-Boot-Mission sowie eine Miniserie über das Attentat auf John F. Kennedy.

Wie bei allen seinen Filmen lässt sich Macdonald auch bei "Der Mauretanier" zu Beginn viel Zeit, seine Protagonisten zu beobachten und Lebensmomente zu erfassen. Die Thrillermaschinerie läuft bei ihm immer langsam an. Auch lässt er seine Geschichten anfangs gerne offen und vermeidet Eindeutigkeiten – als Zuschauer ist man sich lange Zeit unsicher, ob Mohamedou nun schuldig ist oder nicht. Es gibt ausführliche Dialogszenen, teilweise wechselt Macdonald das Format und die Aufnahmequalität, um subjektive Erlebnisse der Gefangenschaft und auch der Folter im Lager formal abzusetzen. Am Ende dann die entscheidende Gerichtsverhandlung: 2016 kommt Mohamedou unschuldig frei. Sein Tagebuch wurde mittlerweile in über 20 Sprachen übersetzt, während es Guantanamo noch immer gibt. Für die dort erfolgten Rechtsbrüche hat sich die US-Regierung bis heute nicht entschuldigt.

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