Überlebenschancen für Clubs und freie Theater Was tun, wenn es zu tiefen Einschnitten in den Kulturetats kommt?

20 Milliarden Steuereinnahmen weniger erwartet der Bund 2021. Bayern vier Milliarden weniger. Was bedeutet das für die Kultur?

Von: Martin Zeyn

Stand: 14.09.2020

Besucher im Berghain lauschen der Soundinstallation "Eleven Songs" | Bild: picture alliance / AP Photo

„Die Zeit der Opulenz ist vorbei“, sagte Residenztheater-Intendant Andreas Beck schon im April der Zeit. Gemeint waren Bühnenbilder, bei denen es vielleicht einen Trend zu einer Corona-Kargheit geben werde. Aber der Satz gilt – leider – für den gesamten Kulturbetrieb. Doch dem Resi wie vielen anderen öffentlich geförderten Häusern geht es noch gut. In diesem Jahr sind ihre Zuschüsse noch fest in den Etats der Stadtkämmerer eingeplant. Was das nächste Jahr – mit einbrechenden Steuereinnahmen – bringen wird, weiß noch niemand. Kaum vorstellbar, dass davon die Kulturförderung der öffentlichen Hand nicht betroffen sein wird. Wo aber bleibt die Debatte darüber, wie und wo gespart werden könnte?

Die Schockstarre nach Corona muss aufhören

Alle ducken sich und hoffen einfach, dass es wie bisher weitergeht. Natürlich möchte niemand dafür verantwortlich sein, dass die Krippengebühren höher werden oder die Pflegekräfte in kommunalen Einrichtungen keine Lohnerhöhung bekommen. Aber das kann ein Fehler sein, weil der Verteilungskampf längst angefangen hat. Die Kulturschaffenden müssen gerade jetzt deutlich und laut auftreten, damit klar ist, sie sind nicht nur das nette Sahnehäubchen, auf das wir in Notzeiten verzichten können und müssen. Kultur ist ein Lebensmittel – dieser Satz hat gerade auch während des Lockdowns seine Gültigkeit bewiesen: Kultur ist das Salz, das wir brauchen, um das Leben zu schmecken. Es ist aber auch ein großer Wirtschaftsbereich, Schätzungen gehen von einer Million Beschäftigten aus. Vielleicht braucht es nach mehreren Autogipfeln jetzt endlich einen für die Kultur, bei denen die Anliegen der Musiker*innen, Veranstaltungstechniker*innen, Bühnenautor*innen oder Clubbetreiber*innen genauso gehört werden wie die Forderungen der Industrie. Was für TUI und Lufthansa gilt, das sollte auch für das Berghain oder Kampnagel gelten.

Oper gegen Stadtteilprojekt

Aber es wird nicht nur den Kampf Krippe gegen Kultur geben, sondern auch den Oper gegen Stadtteilprojekt. Wobei alle freien Projekte schlechte Karten haben. Zum einen ist die Verteilung schon jetzt ungerecht. Von der finanziellen Unterstützung der allermeisten städtischen oder staatlichen Bühnen träumen die freien Gruppen nur. Zum anderen schützt die Struktur Opern, Theater und Museen vor Einschnitten: bis zu 75 Prozent sind Personalkosten – und die sind durch Verträge festgezurrt. Projektkostenzuschüsse für eine freie Theatergruppe können hingegen einfach im nächsten Jahr nicht gewährt werden. Und ob alle Clubs 2021 noch einmal Überbrückungszuschüsse bekommen werden, das bezweifle ich.

Jetzt die Weichen für eine neue Kulturpolitik stellten

Fatal wäre jetzt, eingespielte Riten einfach beizubehalten. Jetzt ist der Zeitpunkt, Weichen zu stellen. Vielleicht ist die alte Kunstförderung, die eher traditionelle Sparten förderte, an ihr Ende gekommen. Ich mag die Oper, aber vielleicht müssen die wenigen, die diese Kunstform besuchen, einfach in Zukunft deutlich mehr bezahlen als bisher – so wie in den USA. Auf keinen Fall aber dürfen die Musentempel auf die Ruinen von Clubs und freien Theatern herabschauen und Krokodils-Tränen vergießen – Kultur lebt von Vielfalt. Und wenn erst die Dämme gebrochen sind, dann wird die Flut keine Einrichtung unbeschadet lassen. Wir brauchen eine große Koalition aller Kulturschaffenden – und frische neue Ideen.

Es gibt Handlungsspielraum

Noch ist es seltsam ruhig. Aber nicht überall herrscht Schreckstarre. Es gibt durchaus ermutigende Beispiele, etwa das Agieren des Berliner Kultursenators Klaus Lederer. Der sorgte dafür, dass der Sammler Boros eine Großausstellung im Berghain bekam – nicht in einem der Museen der Stadt. Die Miete dürfte dem weltweit bekannten Club, der wie alle um seine Existenz bangen muss, erst einmal über die nächsten Monate helfen. Natürlich geht die art crowd – vielleiht zum ersten Mal – in diesen Tempel der elektronischen Musik, sicher aber auch einige aus der Partymeute, die bisher nie den Weg in ein Museum gefunden haben. Lasst uns kreativ sein (sollte ja nicht so schwer sein in der Kreativbranche)! Und verhindern, dass die Schäden in zwei, drei Jahren irreparabel sein werden.