Meinung Was wir aus der Debatte um die "Cancel Culture" lernen sollten

Gibt es wirklich eine Verbotskultur? Oder haben wir es eher mit der Angst vor dem Verlust von Meinungsführerschaft zu tun? Jedenfalls stellt sich die Frage, warum die Feinde der Cancel Culture ständig ihren Einfluss übertreiben.

Von: Martin Zeyn

Stand: 20.08.2020 | Archiv

Lisa Eckhart in der Sendung "Pratersterne Spezial" | Bild: Hubert Mican/ORF

Wollt Ihr den rhetorischen Bürgerkrieg? Die Debatte um Lisa Eckhardt und ihre Ausladung von einem Hamburger Literaturfestival hat hohe Wellen geschlagen und die "Cancel Culture" in den Fokus gerückt. Allein – es stellte sich heraus, dass es die Drohungen, die angeblich zur Entscheidung geführt habe, gar nicht gegeben hat. Was aber Eric Gujer auf der NZZ nicht davon abhielt, selbst als das überall durch den Blätterwald gemeldet worden war, in seinem Leitartikel das abermals als Beleg für die deutsche und natürlich demokratiefeindliche Cancel Culture zu zitieren und tatsächlich die Parallele zur Bücherverbrennung 1933 zu ziehen. Damit hat er sich in die Top 3 der schlechtesten Nazivergleiche in diesem Jahr gespielt.

Nun könnten wir das Ganze als journalistische Nachlässigkeit abtun. Aber die Art und Weise, in welchem Ausmaß dieser Fall hochgeputscht wurde, sagt viel über die Debattenkultur. Offenbar waren viele Kommentator*innen so froh, endlich einen Beleg gefunden zu haben für ihre These vom Verfall intellektueller Sitten, dass sie das Recherchieren darüber vergaßen. Damit unterlief ihnen genau das, was sie ihren Gegner*innen vorwarfen: Meinung über die Fakten zu stellen beziehungsweise eine fehlgeleitete Moralität als Waffe zu benutzen.

Ein Gespenst geht um in Europa: die Cancel Culture

Wie konnte es dazu kommen? Seit Jahren starrten mächtige Journalisten wie Eric Gujer oder Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt, die ich vorsichtig als rechts von der Mitte bezeichnen möchte, auf die USA. Sie beklagten den Ungeist, der sich über die Universitäten und das liberale Bürgertum ausbreitete. Jede Dummheit, jede zwiespältige Entscheidung wurde vor uns Leser*innen ausgebreitet. Ihr Ziel: eine große emanzipatorische Anstrengung, nämlich ausgegrenzten Gruppen wenigstens sprachlich beziehungsweise im universitären Rahmen Gerechtigkeit erfahren zu lassen, als dumm, fahrlässig und undemokratisch zu diskreditieren.

Um es einmal deutlich zu sagen: Für Kritik gibt es durchaus Gründe, dazu sind einzelne Äußerungen oder Forderungen messianisch rechthaberisch. Aber es ging und geht, so mein Eindruck, nie um ein Abwägen. Es geht darum, ein Gespenst zu vertreiben. Nein, nicht den Kommunismus, der ist tot seit 1989. Sondern die vorgebliche links-grüne Meinungsführerschaft. Die bedroht einige ihrer Privilegien: zum Beispiel Sportwagen ohne Geschwindigkeitsbegrenzung fahren zu dürfen oder Männlichkeit als Auszeichnung zu verstehen.

Ihrem gereizten Ton aber ist zu entnehmen: Vor allem fühlen sie sich herabgesetzt. In ihren Augen müssten die Menschen ihnen folgen. Weil aber die Auflagen der Welt seit Jahren trotz nachgeschmissener Abos sinken, weil aber niemand in Berlin auf die Zürcher Leitartikel zu hören scheint, konstruieren diese Journalisten eine Demokratie, die bedroht wird von einer Cancel Culture (beziehungsweise schon vorher von Political Correctness). Wo aber soll die sein, wo zeigt die ihre Macht? In den Medien? Die Welt, NZZ, FAZ, Focus, Bild – publizistisch gibt es eindeutig eine massive und potente Gegnerschaft.

Also noch einmal gefragt, wo hat die Cancel Culture einen gesellschaftlichen Ausdruck gefunden? Ja, es mag einzelne geisteswissenschaftliche Fachbereiche geben, in denen Lehrende oder Studierende die Vorzüge des Verbietens predigen – allerdings kenne ich da keine prominente Stimme, die ganze Heerscharen in die Schlacht führt. Aber wer hätte davon je in BWL, Jura oder in den Ingenieursstudiengängen gehört? Das Gendern mag bis in einige Behörden vorgedrungen sein, aber niemand von Verstand kann behaupten, dass zuvor ein elegantes, gar schönes Deutsch etwa in den Mitteilungen des Finanzamts geschrieben wurde.

Wieso ihre Gegner die Cancel Culture unbedingt brauchen

Es gibt in Deutschland keine Cancel Culture. Dieser Begriff ist eine intellektuelle Windmühle, was aber viele Kommentatoren nicht davon abhält, umso heftiger gegen sie anzustürmen. Denn sie brauchen diesen Gegner, der keiner ist. Weil sie Angst haben. Angst davor, die Meinungsführerschaft zu verlieren. Das ist ein Privileg, das sie verteidigen – erbittert. Man mag von den sozialen Netzen halten, was man will, aber eines ist festzuhalten: Sie verleihen Menschen eine Stimme.

Früher konnten die Medien die Debatte kontrollieren – die Leserbriefseiten waren ein Feigenblatt, das die eigene Macht nie wirklich in Frage stellte. Jetzt werden manchmal kritische, ja auch ungerechtfertigte Äußerungen zu einem Shitstorm aufgeblasen – um sich als Opfer aufzuspielen. Das betrifft durchaus die gesamte intellektuelle Klasse – Linke wie Rechte. Sie bestehen darauf, als einzige das Recht auf Widerspruch zu haben. Und zwar in der Art und Weise, wie sie es seit Jahrzehnten untereinander pflegen.

Das aber zeigt eine Verachtung für eben die offene Diskussion, die sie der Cancel Culture vorwerfen. Die, die sich als Verteidiger*innen der Demokratie aufspielen, verspielen ihr Wichtigstes: den Respekt vor der Meinung Andersdenkender. Nein, wir stehen nicht vor einem "rhetorischen Bürgerkrieg". Aber manche, die vor ihm warnen, heizen ihn in Wahrheit an.