"Solange das Gras wächst und die Flüsse fließen" Pulitzer-Preisträgerin Louise Erdrich: "Der Nachtwächter"

"Solange das Gras wächst und die Flüsse fließen", solange sollte der Vertrag zwischen den Vereinigten Staaten mit den First Nations gelten. Doch 1953 verabschiedet der US-Kongress eine Anullierung der Verträge. Der Beschluss sah vor, langfristig sämtliche indianischen Nationen aufzulösen. Das bedeutete Vertreibung, Enteignung und Zwangsassimilation. Erdrichs Großvater, im Stammesrat der Turtle Mountain Chippewa, versucht das zu verhindern. Spannend, voller Empathie erzählt Louise Erdrich vom Zusammenleben, den Problemen und den prekären Verhältnissen im Reservat, von Mythen und Legenden.

Von: Cornelia Zetzsche, Eva Demmelhuber

Stand: 09.09.2021

Louise Erdrich | Bild: Paul Emmel

Kann ein Einzelner den Lauf der Geschichte verändern? Kann eine Minderheit etwas gegen einen übermächtigen Staat ausrichten? Damit beschäftigt sich Louise Erdrich in ihrem mitreißenden Roman "Der Nachtwächter". Erdrich wurde am 7. Juni 1954 in Little Falls, Minnesota, geboren und wuchs in Wahpeton, Nord-Dakota, auf. Ihre Mutter, die von den Chippewa abstammt, wurde im Turtle-Mountain-Reservat geboren, während ihr Vater deutscher Abstammung war. Beide Eltern unterrichteten an einer Internatsschule des "Bureau of Indian Affairs."

Erdrichs Buchhandlung Birchbark in Minneapolis

Von Kindheit an war die reiche mündliche Tradition des Chippewa-Geschichtenerzählens ein Teil von Erdrichs Leben. Ihre Mutter und ihre Großeltern erzählten ihr viel über das Leben im Reservat, ihr Vater erzählte auch Geschichten über seine Verwandten und die Städte, in denen er aufwuchs. Das Zuhören der Geschichten ihrer Familie sei ihr wichtigster literarischer Einfluss gewesen. Ihr Vater führte sie in die Werke von William Shakespeare ein und ermutigte alle seine Kinder zum Schreiben, indem er ihnen für ihre Geschichten jeweils einen Nickel zahlte, das waren Erdrichs erste Tantiemen. Louise Erdrich ist mit allen Genres vertraut, schreibt Gedichte und Kinderbücher, Romane, Essays und führt mit ihrer Schwester in Minneapolis eine Buchhandlung. Sie wurde für ihr schriftstellerisches Werk mit zahlreichen Preis ausgezeichnet, darunter auch derrenommierte "National Book Award".

Cornelia Zetzsche: "Der Nachtwächter" ist eine Hommage an Ihren Großvater, ein Stammesrat der Chippewa in Nord-Dakota, in den 50er Jahren. Nach 16 Romanen über Ihre Leute, das Stammesleben und die Suche nach Identität, schrieben Sie erst jetzt über Ihren Großvater. Was gab den Impuls?

Louise Erdrich: Was mich inspirierte, waren seine Briefe an meine Familie und mich, höchst detaillierte Briefe an meine Eltern, die gerade aus dem Reservat weggezogen waren. Er schrieb 1954, als ich geboren wurde. Und wichtiger noch war: Der US-Kongress verabschiedete damals eine Resolution, um alle gesetzlichen Beziehungen mit den nordamerikanischen indigenen Stämmen zu beenden. Entschieden wurde: keine Staatsverträge mehr! Und das verletzte nicht nur die höchsten Gesetze des Landes, es versetzte auch jeden Stamm in größte Verwirrung und Angst, wie das Volk überleben sollte.

Aber warum schrieben Sie erst jetzt darüber? Diese Briefe sind über ein halbes Jahrhundert alt.

Stammeszeichen der Chippewa in Nord-Dakota

Es ist schwer zu glauben, dass ich die Briefe so lange hatte, seit den späten 80er Jahren. Meine Mutter bewahrte sie auf und schickte sie mir, denn sie wusste, irgendwann würden sie Teil meiner Gedanken. Ich war damals noch nicht reif genug, um wirklich zu verstehen und zusammenzufügen, was geschah. Es dauerte 30 Jahre, in denen ich diese Briefe immer wieder las und darüber nachdachte. Und vor vielleicht 10 Jahren las ich sie im historischen Kontext der Stammesbeziehungen in den 50ern, und da erkannte ich, was mein Großvater wirklich durchgemacht hatte, um zu widerstehen und für seine Leute zu kämpfen.

"Der Nachtwächter" führt zurück ins Jahr 1953. Thomas Wazhashk, ein Stammesrat der Chippewa in Nord-Dakota, erfährt von dem Gesetz, das alle Verträge der US-Regierung mit den First Nations canceln soll; Verträge, die eigentlich gelten sollten, "solange das Gras wächst und die Flüsse fließen". In Ihrem Roman beschreiben Sie, wie der Kongress diese „House Concurrent Resolution Nr.108“ verabschiedet. Was darin "Emanzipation" heißt, ist eigentlich eine Kündigung der Verträge. Was bedeutete das für den Stamm Ihres Großvaters?

Lake Belcourt - Im sumpfigen Randgebiet bauen die Chippewa Wildreis an

In ihren Anfängen schlossen die Vereinigten Staaten Verträge mit gleichberechtigten Nationen ab. Das zeigt, welche Macht die indigenen Völker hatten. Diese Verträge wurden vom Obersten Gerichtshof gemacht, auf höchster Regierungsebene, nachdem die Vereinigten Staaten zu einem Land geworden waren. Und sie wurden mit indigenen Nationen abgeschlossen. Diese Verträge zu verletzten bedeutete den Kollaps jedes dieser Völker, denn in diesen Verträgen, hatte die Regierung zugestimmt, für all das Land, das sie bekommen hatten, eine dauerhafte Hilfe zu gewähren. Es war wie eine Miete: Für das Land zahlte sie Bildung, medizinische Versorgung usw., für blühende indigene Nationen.

 Der Vertrag sagte also: Gebt uns Euer Land, wir liefern die Infrastruktur, richtig?

Und wir sorgen für Euch, Eure Bildung, Eure Gesundheit. Und jedes dieser Völker dachte sieben Generationen im Voraus. Sie wussten, der Übergang in eine moderne Zeit würde schwierig, aber sie mussten ihn wagen.

Und was meinte das Wort "Emanzipation" in diesem Zusammenhang?

„Emanzipation“ bezog sich natürlich auf versklavte Menschen, auf den Bürgerkrieg. Jeder dachte, das wäre gut, aber indigene Völker waren nicht versklavt. „Emanzipation“ hieß, mit anderen Worten, wir lassen Euch im Stich, in dem Moment, in dem ihr gerade mal in der Lage seid, unter diesem neuen fremden Regime zu funktionieren, das von den Vereinigten Staaten kolonisiert wird. In dem Moment, wo ihr beginnt, Euch zurecht zu finden, lassen wir euch im Stich. Emanzipation war also zweideutig: es hieß Kündigung und Im-Stich-Lassen.

Tatsächlich meinte es auch Enteignung, Zwangsassimilation, Auslöschung der Identität, Unsichtbar-Machen indigener Völker. Thomas und seine Leute sagen: "Wann immer das „Amt für Indianerangelegenheiten“ das „Indianer-Problem“ löst, wollen sie uns loswerden. Warum war keine Koexistenz möglich?

Sie wollten das Land, die Ressourcen. Die Vereinigten Staaten, die Leute missgönnten den Indigenen jedes Fitzelchen Land, das ihre ursprünglichen Territorien ausmachte. Und: Alle sollten gleich sein. Heute nennen wir das „White Supremacy“, die Vorherrschaft der Weißen. In den 50er Jahren sah das jeder, der die Macht hatte, ganz simpel: Ihr müsst sein wie wir, und so geschah es.

Eine treibende Kraft war Senator Watkins, ein Mormone. Welche Rolle spielte Religion?

Senator Arthur Vivian Watkins

Eine sehr interessante Frage. Der Mormonismus ging und geht, bis zu einem gewissen Grad auch heute noch, aber vor allem zu jener Zeit, von einer überlegenen Rasse aus, den Mormonen, die weite Teile des amerikanischen Westens kontrollierten. Im gesamten Buch „Mormon“ ging es darum, minderwertige braune Menschen zu bekämpfen, sie zu dominieren, ihr Land zu erobern, angeblich im Auftrag von Engeln und Gott. Würde die indigene Bevölkerung die mormonische Religion annehmen, würde sie, wenn sie hart genug beteten, weiß und hell und fröhlich werden. Das Gebet würde ihre Haut sogar physisch aufhellen, bis sie Gott wohlgefällig wären, und das war Teil des tiefen Glaubens von Senator Watkins. Er wuchs in Utah auf. Zuerst enteignete der das Volk der Ute. Seine Familie hielten indianisches Land besetzt. Sie hatten es kurz zuvor ganz offen gestohlen. Watkins glaubte an sein göttliches Recht, er verachtete indigene Menschen.

Thomas im Roman ist ein "Wächter", er ahnt schnell die Gefahr hinter dem Wort "Emanzipation". Er entwickelt eine kluge Strategie und nimmt eine Delegation seiner Leute mit zur entscheidenden Konferenz und ist am Ende erfolgreich, bricht aber zusammen. Was bedeutete das Ganze damals für Ihren Großvater?

Mein Großvater war einer der intelligentesten, lustigsten und warmherzigsten Menschen und Geschichtenerzähler. Aber dieser Kampf kostete ihn viel Kraft. Er war Nachtwächter, und tagsüber schrieb er Briefe, war auf Sitzungen und bekämpfte die "Termination", die Auslöschung der Abkommen. Der Stress, nach Washington zu gehen und dort auszusagen, war zu groß für ihn. Am Ende erlitt er eine Reihe von Schlaganfällen, aber er arbeitete weiter, erholte sich und arbeitete noch mehr. Schließlich wurde es zu viel, er verfiel langsam, es war sehr schmerzhaft für die Familie. Wir wussten, wie er sich aufgeopfert hatte. Er wurde innig geliebt.

Sie sprechen von "Wir", Sie wuchsen im Reservat auf, was heißt das für Sie?

Es heißt, dass das Leben das Allerwichtigste ist: das Leben unserer Kinder und jedes Lebewesens in unserer Umgebung. Alles andere ist trivial verglichen mit dem Schutz des Lebens unserer Kinder und ihrer Kinder.

Ihr Roman ist aktueller, als ich dachte. Und er ist weit mehr als ein historisches Zeugnis. Er mischt Fakten, Fiktion und fiktive Figuren wie Pixie. Er bietet einen weiten Fächer an Episoden und Figuren, einen Blick auf den Alltag und das bescheidene Leben, auf Alkoholprobleme, Gewalt und Verzweiflung, aber auch auf menschliche Wärme und Spiritualität. Was war Ihre Absicht, als Sie das beschrieben?

Ich wollte meinen Großvater und meine Mutter ehren. Mein Vater war der Sohn eines Deutschen. Mein Großvater kam 1921 hierher, er hatte in der deutschen Armee im 1.Weltkrieg gedient. Er hatte für die Pferde gesorgt und war vom Munitionswagen einer Kanone überfahren worden, er wurde in den Schlamm gedrückt, herausgezogen, überlebte und kam hierher. Mein Vater wurde gleich nach der Ankunft hier geboren. Er wuchs auf mit dem Sinn dafür, wie wertvoll das Leben ist. Durch meinen Vater weiß ich, wie wichtig das Leben ist. Er und meine Mutter hatten einen riesigen Obstgarten, sie erhielten Leben, vielleicht waren sie die einzigen Mitglieder der Grünen Partei in Nord-Dakota. So wuchs ich auf, mit dieser intensiven Verbindung zur Natur, das kam von beiden Seiten.

Wir lesen im Roman aber auch vom harten Leben, der Ausbeutung in der Fabrik, dem sexuellen Missbrauch, der zum Horror-Szenario wird. Es gibt komische Momente, aber auch viel Ausbeutung.

Ja, und alles basiert auf wahren Geschichten. Ich wollte ihnen Ehre erweisen, ihren Prinzipien, ihrer Güte und ihrem Sinn für Humor.

Und wie reagierten die Chippewa jetzt auf Ihren Roman?

Er wird am College von Turtle Mountain unterrichtet. Sie sehen am Ende, dass ich viele Leute in der Gemeinde von Turtle Mountain befragt habe, und sie reagierten positiv.

Das Stammesleben, die First Nations, heute und in der Vergangenheit, ihre Identität sind für Sie Lebensthemen. Was fanden Sie heraus? Kann Literatur ein Werkzeug sein, bei der Suche nach der eigenen Identität?

Schriftstellerin Louise Erdrich

Ich weiß nicht, ob Schriftsteller wirklich verstehen, warum sie schreiben, es gibt keine klare Antwort. Wir haben einfach das unstillbare Bedürfnis, alles, was wir sehen und hören und denken, in Worte zu fassen, das ist alles. Wir wollen Geschichten erzählen oder wollen mit Sprache spielen. Oder wir träumen von der großen Erzählung. Schwer zu sagen, warum ich oder irgendein anderer schreibt.

Heute ist die Bewegung „Black Lives Matter“ aktiv. Was wurde aus den First Nations? Wie ist ihre Lage heute? Die der Chippewa zum Beispiel?

Unser Kampf heute ist der Kampf gegen den Abbau fossiler Brennstoffe. Ein paar Rechte aus den Verträgen sind uns noch geblieben, die uns innerhalb unserer ursprünglichen Territorien etwas Schutz geben. Aber von Norden kommt eine Pipeline aus Kanada durch, die Teersandöl enthält, den zerstörerischsten kohlenstoffintensiven Brennstoff auf dem Planeten. Wenn Sie sich den Kampf gegen die Pipeline „Line 3“ anschauen, wenn Ihre Hörerschaft im Netz das Video "Honor the Earth" ansieht, sehen sie alles, was da passiert. Es ist ein Kampf ums Überleben. Es ist ein Grundpfeiler, ein Keystone. Wir kämpfen in jeder Form, um diese Konzerne mit ihren fossilen Brennstoffen daran zu hindern, die Erde in Brand zu setzen, genau das ist es, wir wissen es. Für indigene Völker endet die Welt, immer, immer wieder. Ich denke, das liegt auch im kulturellen Gedächtnis der Deutschen, sie kennen den Schmerz der Zerstörung, die unendliche Mühe des Wiederaufbaus. Wir sitzen in einem Boot. Wir arbeiten uns daran ab zu retten, was wir können. Wir wissen, wie übel der Klimawandel sein kann und sein wird, wenn wir nicht handeln. Man sieht jede Art von Aufbegehren der Indigenen. Die Erde ist mächtiger, wir haben keine Kontrolle über den Golfstrom, die Strömung, die Winde. Wir haben nur uns, um einem der teuflischsten Signale unserer Zeit etwas entgegenzusetzen, und das sind sehr wenige gigantische multinationale Konzerne, die dem Überleben des Menschen, dem Überleben der Zivilisation im Weg stehen, das ist es, worauf indigene Völker schauen. Wir Indigenen wissen, was auf dem Spiel steht.

Und was, Louise Erdrich, ist Ihre nächste literarische wie politische Aktion?

Ich habe gerade mein neues Buch beendet und nutze jede Plattform, um Menschen für diesen Kampf zu mobilisieren, für eine bessere Welt. Und eine solche Plattform ist mein nächstes Buch, es heißt, "The Sentence". Ich gebe Interviews und mobilisiere meine Generation, die Baby Boomers, sich stärker gegen den Klimawandel einzusetzen.

Das heißt, Sie setzen das Werk Ihres Großvaters fort?!

Das hoffe ich. Es gibt eine neue Organisation: „Third Act“, der 3. Akt. Wir haben alle ein Leben in drei Akten. Und das ist eine neue, eine stärkere Aktionsgruppe, sie mobilisiert Menschen, den Kampf im Alter fortzusetzen. Was haben wir denn zu verlieren? Vielleicht werden wir verhaftet, wir tun, was wir können. Ja, Sie haben recht, wir müssen die Arbeit meines Großvaters fortsetzen.

Danke, Louise Erdrich und alles Gute für Ihren Kampf.

Danke Ihnen vielmals. Ja, wir sind doch alle dabei, oder?

Lesung mit der Schauspielerin Charlotte Schwab

Charlotte Schwab liest Louise Erdrich | Bild: residenztheater/Lucia Hunziker

Schauspielerin Charlotte Schwab

Die renommierte Film- und Theaterschauspielerin Charlotte Schwab folgt einfühlsam den ungeheuerlichen Geschehnissen des Jahres 1953, begleitet Thomas Washashk auf seinen nächtlichen Touren durch die Lagersteinfabrik Turtle Mountain, kämpft sich durch unverständliches Juristendeutsch und erweckt fulminant die ganze Chippewa-Delegation zum Leben: "Gawiin ninisidotoosinoon".

Lesung in zwei Teilen:
Am Sonntag, 12. September und am 19. September, jeweils um 12.30 Uhr, in radioTexte - Das offene Buch, auf Bayern 2. Hier können Sie die Lesungen als Podcast abonnieren.

Auszug aus "Der Nachtwächter"

Erschienen in der Übersetzung von Gesine Schröder im Aufbau Verlag

Ein Gesetz
Zur Terminierung der staatlichen Aufsicht über das Eigentum des Turtle Mountain Band of Chippewa Indians in den Staaten North Dakota, South Dakota und Montana und über das seiner einzelnen Mitglieder; zur Förderung der geordneten Umsiedelung besagter Indianer in Regionen mit größerem wirtschaftlichen Potenzial; sowie für weitere Zielsetzungen.

Da war es, gleich in der ersten Zeile der nüchternen Zusammenfassung – das Wort "Terminierung", das in Thomas’ Gedanken sofort den Ausdruck "Emanzipation" mit seinem machtvollen Gefühl der Weite verdrängte. Der Verfasser des Entwurfs hatte für die Zeitungen einen Nebel aus hochtrabenden Begriffen um das Gesetz herum verbreitet – Emanzipation, Freiheit, Gleichstellung, Erfolg –, die dessen wahren Zweck verbargen: die Terminierung. Das Terminieren. Fehlte nur noch die Vorsilbe. Das "Ex".