Wege aus der Klimakrise Warum wir raus aus den Städten müssen

Die Generation Fridays for Future sollte aufs leere ostdeutsche Land ziehen, sagt der Umweltschützer und Autor Ernst Paul Dörfler. In seinem neuen Buch "Aufs Land" sammelt er gute Argumente fürs Landleben.

Von: Laura Freisberg

Stand: 04.11.2021

Das Abendlicht lässt eine idyllische Ortschaft aufleuchten. | Bild: dpa-Bildfunk/Nicolas Armer

Obst und Gemüse kaufe er nie, sagt der passionierte Landmensch Ernst Paul Dörfler. Aber dafür "schwimme" er gerade in Weintrauben. "Und vor allem kann ich sie wirklich erntefrisch verzehren. Das ist ein Hochgenuss, denn die haben noch ein volles Aroma. Und man spart damit auch Geld. Ich kaufe nie Obst und Gemüse. Auch nicht im Winter, weil man kann auch für den Winter vorsorgen. Aber das ist alles mehr oder weniger verloren gegangen, das müssen wir neu lernen." Ernst Paul Dörfler weiß, wie man Menschen für das Landleben begeistert, wenn er von seinem Garten schwärmt, von der großen Freiheit draußen in der Natur. Von dem Glück, auf Dinge zu verzichten, die man nicht wirklich braucht. Damit meint er nicht den minimalistischen Einrichtungsstil, wie er seit ein paar Jahren in manchen Großstadtwohnungen in ist – sondern wirklichen Konsumverzicht.

Keine Angst vor Verzicht!

Und er lacht ein bisschen über die Angst, die das Wort "Verzicht" bei manchen auslöst. Weil er selbst mit seinem Lebensstil ziemlich glücklich ist. Aber es geht Dörfler mit seinem Plädoyer für das Landleben nicht darum, eine landlustmäßige Nostalgie zu wecken – sondern ihm geht es um ökologische, soziale und wirtschaftliche Argumente. Verknappt formuliert, ist seine Vision folgende: Mehr Menschen sollten in Teilzeit arbeiten, aufs Land ziehen und sich in der restlichen freien Zeit über den eigenen Garten oder genossenschaftliche Landwirtschaft selbst versorgen. Das sei aber kein Rückschritt, sondern zukunftsweisend.

"Die Frage ist, wie wir in Zukunft Nahrung produzieren wollen. Der bisherige Sektor Landwirtschaft und Ernährung erzeugt 25 Prozent des gesamten Treibhausgasausstoßes. Diese Landwirtschaft und die Art der Ernährung müssen anders werden. Wir brauchen eine ökologisch ausgerichtete Landwirtschaft, eine giftfreie Landwirtschaft – ganz entscheidend! Und das braucht natürlich auch sehr viel mehr Arbeitskräfte, weil wir ersetzen jetzt Energie und Gifteinsatz durch mehr menschliche Arbeitskraft." Das heißt konkret: Brennesseljauche statt Pestizide, kleinteilige Gemüsegärten statt riesiger Monokulturen.

Fridays for Future aufs ostdeutsche Land!

Ernst Paul Dörfler argumentiert, dass die Städte viel zu viel, das Land aber viel zu wenig finanzielle Unterstützung bekomme. Dabei könnte dort die Lösung vieler Probleme zu finden sein: Stichwort erneuerbare Energien, bezahlbares Wohnen, ökologische Landwirtschaft. Streckenweise liest sich Ernst Paul Dörflers Buch "Aufs Land – Wege aus Klimakrise, Monokultur und Konsumzwang" wie eine Einladung an die Generation Fridays for Future, nach Ostdeutschland aufs Land zu ziehen. "Der Westen Deutschlands ist so dicht besiedelt wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte, der Osten Deutschlands ist jetzt so leer wie seit 1910 nicht mehr."

Ernst Paul Dörfler

Seine These: Die große Freiheit findet man im Osten Deutschlands, auf dem Land. Und zwar jenseits des 100-Kilometer-Radius-rund um Berlin: "Seit ein, zwei Jahren stürzen sich die Berliner – weil sie genervt sind von der Großstadt – auf die letzten Ruinen in den ländlichen Räumen im Umkreis von 100 Kilometern, aber es gibt immer noch ganz viel Platz darüber hinaus. Und dafür meine ich, muss es auch politische Konzepte geben und Förderungen. Denn diese leerstehenden Gebäude, vor allem in den Dörfern, sind meistens Bauernhöfe, die sind groß. Und die jetzt zu sanieren, umzubauen, auch architektonisch klug zu gestalten, dass da auch gemeinschaftliches Wohnen möglich ist – dass da mehrere Menschen, nicht nur eine Kernfamilie leben kann –, das ist eine Herausforderung, das muss politisch begriffen werden. Dass da große Chancen liegen, auch um die Wohnungsproblematik in den Ballungsräumen zu entlasten."

Green Care Jobs

Dörfler geht es nicht nur darum, was die Einzelnen tun können, als Selbstversorger in Ökodörfern. Er plädiert auch für ein neues gesellschaftliches Aufgabenfeld: sogenannte Green Care Jobs. Staatlich finanzierte Rangerinnen, die sich um die Wälder kümmern, groß angelegte Renaturierungen von Flüssen, staatlich finanzierte Bildungszentren – damit Klein und Groß wieder einen Zugang zur Natur bekommen.

Das ist so mutig gedacht, dass es manch einen vermutlich einschüchtert. Sein Buch "Aufs Land" hat aber noch eine weitere Ebene – es ist eine Art Autobiografie, ein Stück spannende deutsche Geschichte. Ernst Paul Dörfler hat in der DDR Chemie studiert und durfte Daten zur Umweltbelastung erheben – aber nicht veröffentlichen. Er bestreitet seinen Lebensunterhalt als freier Autor und bewohnt ein Häuschen, das er selbst mit Unterstützung renoviert hat. Seine Frau und er waren Mitbegründer der Grünen Partei in der DDR. Und als Kind von Kleinbauern weiß er, was es heißt, mit ganz wenig auszukommen. Doch an keiner Stelle in seinem Buch beklagt er sich – sondern er betont, welche Freiheiten diese Art zu leben beinhaltet. Sein Optimismus und sein spielerischer Ehrgeiz haben dabei durchaus etwas Ansteckendes: "Ich berechne ja auch meinen Fußabdruck. Und von Jahr zu Jahr diesen Fußabdruck zu verkleinern, um letzten Endes auch klimaneutral, klimafreundlich leben zu können, das gibt mir die Zuversicht, dass wir die Probleme, vor denen wir stehen, ja lösen können! Denn ich habe sie gelöst – wenn ich sie lösen kann, können es auch andere!"

"Aufs Land – Wege aus Klimakrise, Monokultur und Konsumzwang" von Ernst Paul Dörfler ist bei Hanser erschienen.

Die Besprechung läuft im Büchermagazin Diwan, das Sie hier nachhören und abonnieren können.