Auf #allesdichtmachen folgt #alles auf den Tisch Volker Bruch spricht mit dem Medienkritiker Michael Meyen

Faktenchecker sind gerade in Corona-Zeiten ein wichtiges Format, um Informationen von Lügen zu unterscheiden. Und deswegen ein Ärgernis für Querdenker und Coronaleugner. Der Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen unterstellt ihnen, nur die vorherrschende Meinung wiederzugeben. Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 04.10.2021

Porträt Volker Bruch vor roter Wand | Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Britta Pedersen

Volker Bruch legt nach. Ironie wie bei #allesdichtmachen hat ja nicht richtig funktioniert, jetzt versucht er sich bei #allesaufdentisch im Genre Expertengespräch. Sein Gesprächspartner ist der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Michael Meyen, der unter anderem zur Medienlandschaft der DDR geforscht hat. 

Nach einer Minivorstellung geht es gleich zu Sache: "Seit wann gibt es eigentlich Faktenchecker?“ fragt Bruch. Meyen behauptet, sie seien nach 9/11 entstanden, "als Reaktion auf das Versagen des Journalismus“. Folge dieses Versagens sei gewesen, dass "US-Boys" in den Krieg geschickt wurden. Welches Versagen bleibt undeutlich. Meint er die Falschbehauptung über Giftgas im Irak? Vielleicht. Meyen sieht dann eine positive Gegenreaktion. Journalisten hätten eingesehen, dass sie auch überprüfen müssen, was von der Regierung kommt. "Diese Faktenchecker werden zu einer internationalen Bewegung", sagt Meyen. Um ihnen dann aber zu unterstellen, dass ab 2015 die „großen Philanthropen-Stiftungen“ die Sache gekapert hätten. Ein Beleg für die These? Die Zuwendungen, die das IFCN (International Fact Checking Network) von der Soros Stiftung und vom Omidyar Network erhalten hätten. Wie Einfluss genommen wurde, welcher Druck aufgebaut wurde – dafür nennt Meyen keinen einzigen Kronzeugen. Stattdessen lässt er die Katze aus dem Sack: Die eigentlich guten Ziele, die Menschheit aufzuklären, seien in ihr Gegenteil verkehrt worden. Faktenchecker strebten an, die Deutungshoheit zu bekommen und täten dies, indem sie "für hegemoniale Sichtweisen [...] werben". Sie würden "nachplappern", was die Regierungen ihnen vorsagten. Auf die Idee, er plappere nur nach, was Querdenker erzählen, kommt Meyen nicht.  

Feindbild "Leitmedien" 

Meyen ist ein gutes Beispiel dafür, wie Verschwörungsmythen funktionieren. Sie beginnen mit einem faktischen Kern, den allen teilen können. Dann wird ein Netz aus Verbindungen konstruiert, von denen jede einzelne ein Quäntchen Wahrheit enthält. Am Ende entsteht daraus ein großes Welterklärungsmodel, in dem einige wenige Hellsichtige gegen die vielen Verwirrten antreten. Im Fall von Meyen lautet die Behauptung: Die Faktenchecker belügen uns. Weil sie uns nur versprächen, die Wahrheit zu erzählen, es aber nicht tun. Meyen betreut als Professor des Instituts für Kommunikationswissenschaften auch Arbeiten angehender Journalisten, etwa im Master-Studiengang Journalistik – was hat er denen beigebracht? Einen durchaus gesunden Skeptizismus, oder wirren Verfolgungswahn? Meyen tritt auf wie ein einsamer Rufer in der Wüste. Sein Gegner: die "Leitmedien“. In denen würden junge Menschen, Journalisten zwar, aber eben keine Wissenschaftler, "gestandene Wissenschaftler in die Tonne" treten. Hier immerhin nennt er hier ein Beispiel: Wolfgang Wodarg, den ehemaligen SPD-Abgeordneten und Leugner der Corona-Epidemie. Unklar bleibt auch hier, warum er, als Kommunikationswissenschaftler, dessen medizinische Qualifikation besser einschätzen kann als junge Journalisten. Stattdessen vulgäre Verallgemeinerungen wie diese über den Faktenfinder in der Tagesschau oder den Faktenfuchs des Bayerischen Rundfunks: Hier werde nicht mehr überprüft, was die Regierenden sagen, "sondern konkurrierende Sichtweisen, die auf den digitalen Plattformen zum Beispiel publiziert werden, delegitimiert“, also herabgewürdigt. Dann erfolgt ein wirklich bizarrer Umkehrschluss: Journalisten würden sowie alles kontrollieren, "schon daran sehen wir, dass diese Faktenchecks etwas anderes machen, als sie uns suggerieren". Pardon, aber wieso? Meyen trennt willkürlich Faktenchecker vom allgemeinen Journalismus ab – nicht um sie zu kritisieren, sondern um sie zu diskreditieren. Also tut er gerade das, was er den Faktencheckern vorwirft.

Wer überall Lügen sieht, erkennt die Wahrheit nicht 

Ein Dr. oder Prof. vor dem Namen bedeutet eben nicht automatisch, ein Durchblicker zu sein. Aber das wissen viele von uns längst aus dem Studium. Meyen irrt. Und er kennt sich erschreckend wenig aus. Er unterschlägt, dass Magazine wie The New Yorker oder der Spiegel schon lange vor 9/11 eine Abteilung hatten, die jeden Artikel auf Faktentreue kontrolliert haben. Nur traten die nie öffentlich in Erscheinung. Er unterschlägt, dass es eine intensive Diskussion in den Medien selbst gegeben hat, zu sehr den Behauptungen der CIA und des Weißen Hauses geglaubt zu haben. Journalisten machen Fehler, aber sie lernen daraus. Und gerade auf den Faktenchecker-Seiten werden die Behauptungen beider Seiten präsentiert, Belege geprüft und Fakten eingeordnet. Die User könen sich also selbst ein Bild machen. Faktenchecker-Seiten sind also keine verkappten Sprachrohre der Mächtigen, wiederholen nicht bloß die "hegemionale" Meinung. Was Meyen sich aus Info-Splittern zusammenspinnt, ist die Behauptung, nur er durchschaue das Lügengespinst, während die anderen sich in ihm verfangen. Richtig ist, wer überall Lüge sieht, wird einige entdecken. Was er aber nicht kann, ist Wahrheit von Lüge zu unterscheiden.