Historische Deep Fakes Die Disneysierung der Geschichte 

Virginia Woolf lächelt schüchtern, Mark Twain zwinkert mit den Augen: Deep Fakes haben die Geschichte erreicht. Täuschend echte Videos von Menschen, die nie vor einer Videokamera standen, fluten das Netz. Damit wird Geschichte zum Disneyland.

Von: Hardy Funk

Stand: 02.03.2021 | Archiv

Eine App belebt historische Fotos von Woolfe und Lincoln. | Bild: Myheritage.de

Es ist faszinierend und beunruhigend zugleich: Videos von lang verstorbenen historischen Personen, täuschend echt. Solche Deep Fake genannten Videos gibt es seit einiger Zeit. Nun erlaubt die Stammbaum-Firma My Heritage, bekannt für ihre nicht unumstrittenen genealogischen DNS-Analysen, die Technik auf die Geschichte anzuwenden: Ein frontal aufgenommenes Portrait-Foto genügt und eine App macht daraus ein Deep Fake Video der Person. Bereits jetzt kursieren etliche solcher „Deep Nostalgia“ getauften Videos, von Virginia Woolf bis Edgar Allen Poe, von Mark Twain bis Harriet Tubman. Eigentlich geht es der Firma aber um die persönlichen Familiengeschichten der Nutzer (und deren Daten). Der Reiz besteht darin, Menschen, die nie auf einer Video-Aufnahme zu sehen waren, in dieser Form zu neuem Leben zu erwecken: Von der eigenen Uroma bis zum Herrscher vergangener Reiche. Und natürlich sind die derzeitigen Videos, in denen die Verstorbenen lediglich ein wenig den Kopf schwenken, den Mund verziehen und mit den Augen zwinkern nur Prototypen: Vorboten von Apps und Programmen, mit denen man Verstorbene in voller Montur auf Bildschirmen in Bewegung bringt, sie Dinge sagen, sie lachen und weinen lassen kann.

Das kalte Grauen beim Anschauen

Wir wollen diese Videos sehen, und gleichzeitig begeben wir uns damit hinab in den Uncanny Valley, den Gruselgraben – in jenen Bereich, wo unser Gehirn uns sagt, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Man kennt den Effekt von Robotern, die wie Menschen aussehen und unser Gehirn, das gewohnt ist, beides voneinander zu trennen und auch unterscheiden zu können, zu zweifeln beginnt. Es will die Mensch-Maschine nicht akzeptieren. Genauso, ist zu vermuten, will es das Lebend-Tote nicht akzeptieren. Man wird sehen müssen, ob sich Deep Fakes trotzdem durchsetzen werden, vermutlich: nicht bei allen, aber doch bei vielen. 

Ethische Einwände, etwa, dass sich die Verstorbenen nicht wehren könnten, simuliert zu werden und nicht bestimmen könnten, auf welche Weise sie simuliert werden, dürften die Technologie nicht aufhalten. Auch wird die Technologie unweigerlich irgendwann dazu benutzt werden, absichtliche „Fake Sources“ – falsche, gefälschte Quellen - in Umlauf zu bringen. Deep Fakes sind ein Glücksfall für Verschwörungsmystiker. Und natürlich sind Deep Fakes nicht begrenzt auf die Vergangenheit und werden auch für die Gegenwart neue und alte Probleme aufwerfen. 

Droht eine Vereinfachung der Geschichte?

Was mit den historischen Deep Fakes jedoch droht, ist die Disneysierung von Geschichte – der persönlichen, aber, und das ist sicherlich gesellschaftlich relevanter und gefährlicher: auch der kollektiven Geschichte. Es droht eine Simplifizierung, eine Verkitschung, eine Verzerrung von Geschichte. Eine Verzerrung, die im Extremfall die dem Stand der Forschung entsprechende wahrscheinlicheren Erzählungen vernebeln und verdecken kann. Und das nicht einmal aus böser Absicht (das aber sicherlich auch!), sondern weil es die Technik strukturell vorgibt. Denn das Deep Fake Video fordert Festlegungen: Die Simulation muss sich auf eine bestimmte Weise bewegen, muss eine bestimmte Mimik zeigen, sie muss bestimmte Wörter in einer bestimmten Tonlage sagen. Am Ende bleibt nicht viel mehr als das Spektakel der Simulation – wie schon heute etwa bei den sich außerordentlicher Beliebtheit erfreuenden Reenactments, dem Nachstellen von Geschichte. Was umso problematischer ist, da uns audiovisuelle Inhalte emotional stärker berühren und eher in unserer Erinnerung bleiben als lediglich ein Bild oder, am Ende der Skala, ein Text. 

 Wer war Dr. King?

Natürlich bieten solche Videos ein schönes erstes Bekanntmachen mit Geschichte für Kinder und einen niedrigschwelligen Türöffner für Menschen, die anders vielleicht gar nicht mit Geschichte in Berührung kommen würden. Sie sind auch kein radikal neues Phänomen: Geschichts-Dokus, insbesondere Dokudramas, historische Romane, Filme, Serien und Hörspiele aber auch populäre Geschichtsbücher und die Vermittlung von Geschichte in Museen und in Schulen tragen alle schon einen Drang zur Vereinfachung und damit zur Verzerrung in sich und befinden sich in einem ähnlichen Spannungsfeld zwischen historischer Genauigkeit und möglichst einprägsamer Vermittlung wie nun auch die Deep Fakes. So kennen heute die meisten Menschen Martin Luther King lediglich als jenen Mann, der 1963 beim Marsch auf Washington seine berühmte "I Have a Dream"-Rede gehalten hat. Kaum einer weiß, dass er sich ebenso für soziale Gerechtigkeit einsetzte und seine letzte Rede vor streikenden Müllmännern hielt. 

Kein Platz für Widersprüchliches

Was bei den Deep Fakes unter den Tisch fällt, sind jene Nuancen, jene Widersprüche, jene Möglichkeiten der Interpretation, die einen kompetenten, souveränen Umgang mit Geschichte ausmachen. Die Deep Fake Geschichte liefert ihre Betrachter hilflos der Interpretation der Geschehnisse aus, für die die Macher sich entschieden haben. Sie favorisiert zudem ein eigentlich längst über Bord geworfenes Geschichtsbild, in dem Menschen, meist Männer, Geschichte machen – und lässt die oft mindestens genauso wichtigen strukturellen Bedingungen und Möglichkeitsräume der jeweiligen Zeit unter den Tisch fallen. Letztendlich verfestigt sie ein Geschichtsbild, das sagt: So ist es gewesen. Statt: So könnte es gewesen sein. Es ist aber wichtig zu wissen, dass nichts genau so war, dass Geschichte immer eine Interpretation der Gegenwart ist, die auch mit der Zukunft in Beziehung steht. Denn nur so halten wir die Zukunft offen. 

Die Deep Fake Geschichte wird kommen. Auch dieser Kommentar trägt ein winziges Bisschen zu ihrer Popularisierung und Normalisierung bei. Und wie bei den meisten Dingen, die kommen werden, kommt es ganz darauf an, was wir damit machen – und wie kompetent wir damit umzugehen wissen. Es wird wichtig sein, auf das ungute Gefühl unseres Gehirns beim Betrachten von Deep Fakes zu hören. Und uns zu sagen, dass diese bewegten Bilder der Geschichte nicht die bewegte Geschichte selbst sind.