Meinung Weihnachten besser verbieten?

Ja, die Gans kann bestellt werden. Weihnachten ist gerettet. Aber ist das wirklich die beste Entscheidung?

Von: Martin Zeyn

Stand: 26.11.2020 | Archiv

Gesichtsmaske mit Aufdruck: O je, du fröhliche. | Bild: picture-alliance/dpa

Der Tenor ist eindeutig. Wir strengen uns noch mal an. Noch mehr als in den letzten drei Wochen: Noch weniger Treffen, noch größere Abstände. Das inbrünstig beschworene gemeinsame Ziel: Nach einem Jahr, in dem nichts so war wie die Jahre zuvor, soll Weihnachten so sein wie immer. Aber ist das nicht ein Fehler? Müssen wir nicht davon ausgehen, dass Weihnachten ein dezentrales Ischgl wird? Gut, vielleicht kein Superspreader-Event; aber viele kleine Infektionsherde, die in der Summe genau das ergeben, was Massenbesäufnisse beim Après-Ski ausgelöst haben? Ein unkontrollierbares, nicht mehr nachvollziehbares Infektionsgeschehen.

Weihnachten – das goldene Kalb

Was schützen wir da? Einen Fetisch? Ein Traumbild? Eine verklärte Erinnerung? Familienpsycholog*innen geben jedes Jahr Tipps, wie wir den Streit an den Feiertagen vermeiden können – was wir dann doch nicht tun. Menschen verreisen an Weihnachten, um sich dem Stress nicht auszusetzen. Die Geschenke werden am 27. umgetauscht. Und in den allermeisten Familien kommen nicht alle zusammen, sondern ein schwarzes Schaf fehlt seit Jahren. Und was machen eigentlich die ganzen Singles? Beim etwas zähen Absingen der ersten Strophe von drei, vier Weihnachtsevergreens ungeduldig darauf warten, dass sie endlich zum rituellen vormitternächtlichen Glühweintrinken mit den ehemaligen Mitschüler*innen gehen können – das dieses Jahr eigentlich ausfallen müsste? Wie kann es sein, dass dieses Fest immer noch den Nimbus einer Heiligen Nacht hat? Jede Weihnachtskomödie inszeniert erst einmal das Chaos, um uns dann einzulullen mit dem Zuckerguss der „Stillen Nacht“. Sind wir so einfach zu übertölpeln?

Weihnachten als Wunschmaschine

Gesellschaften brauchen Kit. Für manche ist es das Public Viewing bei Fußball WMs, bei anderen Familienfeste. Etwas, das uns zu einer größeren Einheit zusammenschweißt, etwas, das einen Konsens schafft. Demokratien haben uns beigebracht, manchmal mühsam, geradezu widerwillig, Streit, Dissens, Meinungsvielfalt zu ertragen. Wir sehen aber genauso, dass Demokratien scheitern können, wenn sie nicht Ziele vorgeben können, die eine Mehrheit mitträgt. Für den Kampf jeder gegen jeden braucht es keine mühsame Mehrheitsfindung durch parlamentarische Prozesse, das kriegen wir ganz gut so hin. Ja, unsere Gesellschaft ist säkular, die meisten Christen (anders als in den USA) eher so lala mit der Kirche verbunden. Und trotzdem brauchen wir, das machen die Regierungsbeschlüsse deutlich, Weihnachten. Ein Fest, das nicht geliebt wird für das, was es tatsächlich ist, sondern für das, was es sein könnte. Es drückt den Wunsch aus, dass wir unsere Kinder so lieben wie beim ersten Mal, als wir überglücklich die winzigen drei Kilo in Händen hielten, dass ich meinem Vater jede Ohrfeige verzeihen könnte, dass jede große Schwester doch ein guter Mensch wäre.

Wäre der Verzicht ein Zeichen der Reife?

Ja, wir scheinen, ich scheine den Kit von Weiße Weihnacht, Krippenspiel und Geschenkeexzess zu brauchen. Aber - es fällt mir schwer, das zu schreiben - muss der Trubel wirklich auch dieses Jahr stattfinden? Meine Mutter ist über 90. Sie hat noch nie ein Weihnachten ohne Familie gefeiert. Und es ist ihr, der vierfachen Mutter, dem Kind aus einer achtköpfigen Bauernfamilie sehr wichtig. Aber ich zögere. Ich sehe jeden Tag auf den Inzidenzwert in München. Was ist uns, was ist mir wichtiger? Ich kann die Entscheidung, wie er*sie Weihnachten feiern wird, niemandem abnehmen. Aber ich fürchte, wir spielen mit dem Feuer. In der ersten Welle waren es die Alten, die eher an der Infektion starben. Wollen wir das auch für die zweite Welle? Ja, Weihnachten ist ein Kit. Aber wäre es nicht ein gutes Zeichen für die Reife unserer Gesellschaft, wenn wir uns eingeständen, dieses Mal besser auf das Familienfest zu verzichten? Damit wir es beim nächsten Mal wieder mit allen feiern können.