Glosse Gibt es eine literarische Impfapotheke?

Lesen regt das Denken an. Das ist unstrittig. Schwieriger ist eine Antwort auf die Frage: Immunisert Lesen gegen Dummheit?

Von: Judith Heitkamp

Stand: 04.02.2021

Eine Impfspritze mit der Aufschrift Covid-19 (Symbolbild) | Bild: picture-alliance/dpa

So – jetzt tut's ein kleines bisschen weh. Pieks. Die Wahrheit ist – und es liegen in diesem Fall Langzeitdaten vor: Literatur macht wahrscheinlich nicht immun gegen Verschwörungstheorien. Wir Büchermenschen hätten das gern. Im Namen von Intelligenz, Kreativität und Emanzipation des Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit... aber leider. Literatur, gute Literatur, große Literatur macht alles plausibel: Den einen Ring, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden. Dass in einem abgelegenen Schweizer Sanatorium für Lungenkranke irgendwie alles auf den Ersten Weltkrieg zuläuft. Dass in einem Amerika der nahen Zukunft Gebärsklavinnen riesige Häubchen tragen. Alles einleuchtend. Trotzdem sind Tolkien-, Thomas-Mann- und Atwood-Fans selten QAnon-Anhänger. Impf-Formel wäre: Möglichkeitssinn (Musil) – plus: zweifeln, selberdenken (Kant, siehe oben).

Literarische Antikörper

Vor allem Letzteres betonen literarische Impfbefürworter. Wenn alles möglich ist, wie die sogenannte schöne Literatur immer annehmen darf und lehrt, dann doch auch der Bruch der geschlossenen Weltsicht. Positiv oder negativ? Schulen auf oder zu? Unter 65 oder drüber? Wir sind als Gesellschaft nicht so digital wie herbeigewünscht, aber tendenziell sehr binär: ja oder nein, schwarz oder weiß, gut oder böse. Und hier, genau hier bedarf es der literarischen Antikörper, die auf Erfahrung aus Jahrhunderte langer Vakzinproduktion beruhen und in breit aufgestellten Forschungsreihen getestet worden sind. Die Menschheit hat wahrlich nicht an Versuchsanordnungen gespart, es wurde verbrannt, verboten, verfilmt, geschwärzt, gekürzt, geglättet, makuliert, interpretiert, digitalisiert. Die Wirkstoffe überlebten. Unterkomplex? Das muss nicht sein.

James Joyce

Nur ein paar Beispiele aus der literarischen Impfapotheke: Absolut uneindeutig der widersprüchliche Bewusstseinsstrom schon im Innern eines einzelnen Menschen, treibe er sich in Dublin herum oder anderswo. Magisch das Multi-Perspektiven-Erzählen, bei dem jeder gleichzeitig recht hat, immer der eigenen Logik nach. Am Schluss bin der Mörder... ich. Ganz verrückt wird's für die eigene Filterblase, wenn Literatur übersetzt in andere Sprachen, Länder und Kulturen. Das hilft auch gegen Mutanten wie Selbstmitleid, Besserwissertum, mentalen Kolonialismus oder Videospiele.

Man sollte, sagen besonders moralische Literatur-Verimpfende, überhaupt paritätischer lesen. Immer abwechseln, ein Buch, ein Erdteil, eine Minderheit. Weniger Eurozentrismus, weniger alte weiße Männer. Leider muss ein Phänomen in Rechnung gestellt werden, dass in der Szene als "Impffluch des Kanons" bezeichnet wird: Bücher, die'man gelesen haben muss', landen im Literatur-Curriculum der gymnasialen Oberstufe und verwandeln sich in Klausurthemen. Ungut! Man spricht auch vom literarischen Präventionsparadox: Max Frischs "Brandstifter" in der Schule, AFD im Landtag.

Hilft Lektüre?

Wohlfühlkulisse, auch für Morde.

Tatsächlich ist Lesen ja ohne Lesen möglich. Sehnerven können gedruckte Buchstaben erfassen, ohne dem Gehirn Sinn- und Handlungszusammenhänge zu übermitteln. Nicht zuletzt darum bleibt die Impfpflicht umstritten. Leselust ist der Faktor, der die Wirkung verstärken und Impfdosen sparen helfen könnte, lässt sich aber bisher nicht auf Spritzen aufziehen. Experimente mit Instagram-Posts, auf denen Buchcover und Kaffeetassen zu sehen sind, ohne Lesen, bleiben unbefriedigend. Beim Sequenzieren der Lust stieß die Forschung auf neue Widersprüche: Kuschelhormone werden ausgeschüttet, wenn sie sich kriegen, wenn der Mörder gefasst wird, wenn ein Herrenhaus in Cornwall vorkommt, wenn man die Ballade immer noch mitsprechen kann, wer reitet so spät, durch Nacht und Wind. Das stärkt das Nervengerüst und immunisiert gegen Virenlast, ähnlich wie Vitamine, Bewegung und ausreichend Schlaf.

So richtig mobil machen die Abwehrkräfte aber erst bei Provokation und Irritation. Beispiel: Ostdeutsche Schriftstellerinnen veröffentlichen in den falschen Verlagen, Sternchen stören den Lesefluss, es war gar keine wahre Geschichte und ähnliche Aufreger. Attacke! Als ideal zur Vorbereitung der Impfrezeptoren erweisen sich demnach Kombinationspäparate: Trost und Ärger, Kindheitserinnerung und Gendern, Reim und Prosa, Leib und Seele, Verderben und Rettung, Liebe und Tod. Das wusste man in der Literatur aber eh schon. 

Gegen politische Torheit ist kein Impfbuch gewachsen. Stand jetzt. Impfempfehlung: Solange da draußen die Wellen wüten, verlassen Sie ihr Home-Office öfter mal virtuell: lesend. Waschen Sie sich vor dem Umblättern die Hände und lassen Sie sich nichts einimpfen, das Ihnen pandemisch vorkommt. Das Bücherregal ist glücklicherweise voller Antikörper.